Erstellt 31.03.12, 08:47h, aktualisiert 31.03.12, 09:04h
JANINE SEITZ: Das Internet entwickelt sich so schnell, dass man wirklich langfristig nichts vorhersagen kann. Die zeitliche Grenze liegt ungefähr bei fünf bis zehn Jahren.
Und was wird sich in diesen Jahren verändern?
SEITZ: Momentan gibt es noch ein Generationsproblem. Die junge Generation, die mit dem Internet großgeworden ist, hat von klein auf gelernt, mit dem Internet umzugehen. Die Älteren hingegen sprechen immer noch von „Informationsflut“ und fühlen sich noch immer überfordert. Aber sie werden aufholen und die Nutzerzahlen unter den Älteren werden stark wachsen. In beiden Gruppen wird es aber auch weiterhin einige Menschen geben, die sich bewusst entscheiden, nicht online zu gehen und kein Handy oder Internet zu benutzen.
Glauben Sie, dass die Zahl der „Offline-Sympathisanten“ wachsen wird?
SEITZ: Die Zahl wird wachsen, aber nur in geringem Maße. Es wird kein Trend werden, aber vielleicht eine Entwicklung. Immer mehr Menschen werden es zumindest einmal ausprobieren wollen, wie es ist, offline zu sein. Als Experiment. So wie das im Moment auch einige Journalisten testen und für gewisse Zeit nur über Post und Telefon erreichbar sind. Interessant sind die Reaktionen. Manche Menschen wissen gar nicht mehr, wie sie auf einen Brief antworten sollen.
Welche Trends sehen Sie außerdem auf uns zukommen?
SEITZ: Die „Smartphonisierung" der Welt ist ja fast schon da. Damit geht einher, dass das Internet überall ist. Zudem wird es noch stärker zum Echtzeit-Web. Es ist schon jetzt das Medium, das einfach am schnellsten ist. Auch Nachrichtensendungen im Fernsehen greifen der Schnelligkeit wegen auf Youtube zurück. Ein weiterer großer Trend wird Open-Data und Open-Government sein. Das heißt: Es wird die Forderung geben, dass alle Daten, die die Öffentlichkeit betreffen, auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das kann auch dazu führen, dass das Interesse an Politik wieder mehr steigt und Bürger sich politisch mehr einbringen. Das wird in Deutschland vor allem auf der kommunalen Ebene passieren. Großbritannien ist uns da schon etwas voraus, dort legt die Regierung schon sehr viele Daten offen und arbeitet bewusst damit. Mit „Open Data" hängt auch zusammen, dass es in Zukunft noch mehr Spezialisten geben wird, die Zahlen und Fakten visuell aufbereiten, damit man sie auch richtig versteht. Die Daten, die Wikileaks bereitstellt, wurden bisher von Journalisten aufbereitet, aber es kann sein, dass sich auch immer mehr Privatleute damit beschäftigen, die sich einfach dafür interessieren. Und es könnten sich neue Berufe daraus ergeben.
Ist Wikileaks ein Vorbild?
SEITZ: Vielleicht eher ein Startschuss. Wikileaks ist ja im Hinblick auf Datensicherheit und Datenschutz kritisch zu sehen. Bei der Open Data-Bewegung geht es aber um öffentlich zugängliche Daten, die niemandem schaden und niemanden in Gefahr bringen.
Was von diesen Trends wird uns im Alltag am meisten beeinflussen?
SEITZ: Den einzelnen Menschen wird sicher die Smartphonisierung der Welt beeinflussen: Jederzeit und überall online sein. Und dann aber auch zu sagen: An bestimmten Orten und zu gewissen Zeiten möchte ich nicht online sein.
Was wird mit den Internet-Riesen wie Google und Facebook passieren?
SEITZ: Das Problem ist, dass Google und Facebook auch weiterhin innovativ bleiben müssen. Google probiert sich auch deshalb auf unterschiedlichsten Spielwiesen aus, wie zum Beispiel Google+ oder Google Play, wo man sich Apps, Bücher und Filme herunterladen kann. Nicht alles davon wird funktionieren, aber das wichtige ist, dass sie viel ausprobieren. Ich denke, Google könnte weiter wachsen, Facebook dagegen wird irgendwann stagnieren. Viele Unternehmen werden sich wahrscheinlich wieder aus Facebook zurückziehen. Privatnutzer werden immer weniger Werbung fordern und nach mehr persönlichem Austausch mit Freunden verlangen.
Was könnte eigentlich noch nach Tablet-PCs und Smartphones kommen?
SEITZ: Das „Internet der Dinge“ ist der nächste Schritt. Früher haben wir Webseiten miteinander verlinkt, dann in Sozialen Netzwerken Menschen und in Zukunft sind vielleicht verstärkt Dinge und Gegenstände vernetzt – zum Beispiel über Sensoren. Wir Menschen könnten dann über einen Gegenstand direkte Informationen bekommen. Er wird quasi mit uns sprechen. Es könnte sein, dass sich via „Augmented Reality“ ein Layer über die eigene Wirklichkeit legt, der uns Videos oder Texte liefert. Zum Beispiel könnte man jemanden sehen, der ein schönes Kleid anhat. Dieses könnte man dann direkt befragen, wo es gekauft wurde und was es gekostet hat. Es gibt jetzt schon die RFID-Technologie oder die QR-Codes, mit denen ich Infos abrufen kann. RFID wird momentan schon bei der Logistik und Warenüberwachung eingesetzt und die QR-Codes in der Werbung. Ob man zum Abrufen der Informationen überhaupt noch ein Gerät benötigt, ist unklar. Vielleicht geht das dann auch direkt über Sensoren, also Bio- oder Nanosensoren, die in Kleidung oder Mobiltelefone integriert werden.
Das Interview führte Sabrina Scholz
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