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Abschied: Gewandhaus-Chor im Weißen Holunder

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Jahrzehntelang führten sie die Geschicke im Weißen Holunder: die Wirtsleute Karl und Margot Schiesberg. Foto: Worring
Ende Februar geben Margot und Karl Schiesberg die Leitung des „Weißen Holunder“ ab. Die Wirte der Kultkneipe an der Gladbacher Straße gehen in den Ruhestand. Zum Abschluss kommt der Leipziger Gewandhaus-Chor.  Von
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Der große Rummel ist Karl Schiesbergs Sache nicht. Doch am kommenden Sonntag wird der Wirt des „Weißen Holunder“ gleich den ganzen Leipziger Gewandhaus-Chor in seinem kleinen Lokal an der Gladbacher Straße zu Gast haben. Zurück von einer Asien-Tour wird der renommierte Chor deutsche Volkslieder im Wirtschaftswunder-Ambiente zwischen alter Musikbox, Billardtisch und zeitlos schönem 50er-Jahre-Mobiliar singen. Heimatklänge im Veedel.

Der Kontakt entstand über den Dokumentarfilm der beiden Kölner Arne Birkenstock und Jan Tengeler „Sound of Heimat“. Der tolle Film zeigt unter anderem Bilder vom „Singenden Holunder“ in Köln und vom Leipziger Chor – kölsche Bodenständigkeit traf auf die gepflegte Sangeskunst der Leipziger. Wirtin Margot Schiesberg singt in dem Film „Ich bin de Stroß eraf jejange“, der Gewandhaus-Chor „Wenn alle Brünnlein fließen“. Was früher mal als spießig galt, scheint „in“ wie nie. Der Film präsentiert sowohl den weltbekannten Chor wie auch die kölsche Kneipe als Hort der Kulturpflege.

Ein Wohnzimmer fürs Veedel

Fragt man die Schiesbergs nach solchen Großereignissen, die es in der 22-jährigen Geschichte der Kneipe immer gab, sagen sie, dass dieser Rummel nicht das Wichtigste gewesen ist. Entscheidender sei die Pflege der Besucher aus dem Veedels. „Die Konzert- und Sing-Events muss man als zusätzliches Angebot sehen“, sagt der 63-jährige Wirt und ehemalige Sozialarbeiter. Ein Wohnzimmer für die Nachbarschaft wollte man sein, nicht für die ganze Stadt. Und so zog sich Schießberg immer wieder auch mal den Unmut mancher Besucher zu, die er nicht rein ließ oder nur mürrisch bediente, wenn es ihm zu voll wurde oder er sich selbst nicht mehr wohl fühlte.

Die Kneipe war eine der ersten, die bei der Tour der Mitsinginitiative „Loss mer singe“ mitmachte – und die erste, die freiwillig ausstieg: zu viele Fremde, zu laute Musik, zu wenig Platz für die Stammkundschaft. So wurde hier auch Karneval gefeiert: Ostermann statt Brings, Karl Berbuer statt Höhner, dazu viele alte Fööss-Lieder. Nie zu laut. Die Kneipe ist ein der Kommunikation. Und die funktioniert nur, wenn man auch zuhören kann.

Echte Fünfziger am Nierentisch

Natürlich hat die starke Medienpräsenz dem Holunder auch genützt, weil ein bisschen lebendige Prominenz ein Lokal genauso schmückt wie Marilyn Monroe, Elvis und Sepp Herberger als tote Stars der 50er im Bilderrahmen an der Wand. Nicht immer haben die Schiesbergs den Verlockungen widerstanden, die mit der Bekanntheit verbunden waren. So als der WDR die misslungene Kneipenshow „Zum weißen Holunder. Feierabend mit Anna Planken“ mit seltsamen Spielchen und einem Wirte-Double wie von einem fremden Stern in den kleinen Holunder-Kosmos importierte. Das, was man sah, hatte nicht viel mit der Realität zu tun.

Die ist eher geprägt, von Kölsch und Pils am Tresen, oder den „Echten Fünfzigern“ am Nierentisch. Hier heißen die Schnäpse „Blutgeschwür“  und „Ratzeputz“. Es gibt noch „Goldwasser“ und natürlich einen eigenen Aufgesetzten. Typisch für die Kneipe ist auch das, was es hier nicht gibt: Kein Milchkaffee, keine 0,4-Liter-Kölschgläser, kein Whiskey mit Cola und keine lieblosen Biermix-Getränke.

Legendär waren die Frikadellen und das sonntägliche Holunder-Frühstück, bei dem jeder bezahlen konnte, was er wollte. Beides ist der Kneipe vom Kölner Ordnungsamt verboten worden, weil man eine Raucherkneipe bleiben wollte. Das Frikadellenverbot ging auf eine anonyme Anzeige zurück – das sind Bevormundungen, die Karl und Margot wütend machen können. Wenn der Wirt nicht mehr Herr im eigenen Haus sein darf, wird es schwer, als klassische Veedelskneipe zu überleben.

Blumen für verstorbene Stammgäste

In Anlehnung an den Schlager von Gitta Lind aus dem Jahr 1956, der dem Lokal den Namen gab, mag man wehmütig singen: „Nun welkt der weiße Holunder, das letzte Jahr ist vorbei“. Die Kneipe soll so bleiben, wie sie ist, hat der Nachfolger versprochen. Doch wer weiß schon, ob das wirklich gelingen kann. Die Einrichtung bleibt drin. Die Pilsmarke muss übernommen werden. Das war eine der Bedingungen, die die Schiesbergs stellten. Sie nehmen nur ein paar private Andenken mit; und natürlich die vielen Erinnerungen an ihre Gäste, die sie schließlich als Familie empfanden.

„Wir haben hier unendlich viel erlebt“, sagt die 61-jährige Margot. Nach und nach wurde Abschied genommen – von Musikern, die hier immer wieder kleine und sehr besondere Konzerte gaben, von Stammtischen, oder Skatrunden. Auf dem Melaten-Friedhof werden Blumen für verstorbene Gäste niedergelegt. Am letzten Abend treffen sich die Paare, die sich im Holunder kennen gelernt haben. Vorher kommen noch einmal Gerd Köster und Frank Hocker sowie die Band „Antweiler, Graf & Co“ zu Konzerten. Beide Abende sind ausverkauft.

Und was kommt danach? Zunächst werde man wohl tagelang schlafen, glauben die Schießbergs. Dann werden sie beginnen, ein gemeinsames Rentnerleben zu organisieren. Auch das muss man lernen, wenn man sich als Wirtepaar durch die selbst auferlegte Wechselschicht nicht so häufig sah wie andere Ehepaare. Den Jakobsweg wollen sie laufen, und dann natürlich ab und zu im „Weißen Holunder“ vorbeischauen.

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