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Kabarett: Urgestein Deutschmann im Comedia

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Mit seinem Cello macht Matthias Deutschmann seit 33 Jahren politisches Kabarett. Foto: Albert Josef Schmidt
Matthias Deutschmann ist mit seinem Programm „Eurocalypse“ im Comedia aufgetreten. Der Kabarettist ist als Querdenker und intellektueller Scharfzüngler bekannt, der mit seinem Cello auftritt. Massengeschmack steht ihm nicht.  Von
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„Verehrter Kollege Deutschmann, lieber Matthias, sie zählen zu unseren Besten, seit 33 Jahren nun schon. Aber wie soll ich es sagen? Die Zeiten haben sich geändert. Sie denken zu viel. Warum nicht ein bisschen mehr Massengeschmack bedienen wie Barth oder Raab, wenigstens den Furor von Schmickler oder die Lässigkeit von Becker kopieren? Es tut mir leid, aber anders sind sie für unser Unternehmen nicht mehr tragbar. Sie müssen sich entscheiden.“

Würde der Kabarettist Matthias Deutschmann, bekannt durch sein Cello und seinen Anspruch, nie satirischen Einheitsbrei zu kochen, für ein Dax-Unternehmen arbeiten, könnte so eine Ansprache seines Chefs losgehen. Deutschmann, mit 54 schon ein Urgestein, trifft den Zeitgeist nicht mehr so richtig. Der Saal des Comedia-Theaters ist kaum zu zwei Dritteln gefüllt, die meisten Gäste sind über 55; Menschen vermutlich, die sich früher gern politisch eingemischt haben, so wie Deutschmann das tut, seit er 1975 bei Demonstrationen gegen ein Atomkraftwerk in seiner badischen Heimat mittat.

Deutschmann ist Grübler, Querdenker, intellektueller Scharfzüngler, der nicht gern Zoten reißt und ungern ins Seichte abdriftet. Tut er es doch mal – „Gegen Luther in Bestform ist Bushido ein lauer Furz aus dem Integrationsbauch“ – wird das Lachen lauter. Was Deutschmann spöttisch kommentiert: „Sobald es ordinär wird, fühlen wir uns wohl, was? Wahnsinn.“ Wahnsinn sagt er immer wieder, als Füllwort, als Überleitung, als Refrain, Raab und Barth sagen auch gern Wahnsinn, bloß ist es bei denen anfeuernder Klamauk, bei Deutschmann klingt Resignation mit.

Der Kabarettist, „dieser kleine Witzemacher“, muss ja an sich irgendwie resigniert sein, und das Programm „Eurocalypse“, das Deutschmann seit Ende 2012 auf die Bühne bringt, tut sein Übriges. „Hält der Euro noch durch bis zur Eröffnung des Berliner Flughafens?“, fragt er eingangs und schwadroniert, dass der von den Griechen gekaufte deutsche Leopard-Panzer auch mit Olivenöl oder Feta vom Fleck komme. Mit dem Euro ist schwer Witze machen, auch Angela Merkel ist zu glatt. Besser geht es mit dem Fußball, „der ja unser Leben ordnet“, dienstags Champions League, mittwochs Champions League, donnerstags Euro-League, freitags bis sonntags Bundesliga, und so weiter. Uli Hoeneß werde wohl „zehn Minuten auf Bewährung“ kriegen, sonst bekämen die Staatsanwälte schließlich Stadionverbot.

Auch wenn er von der „strukturellen Humorlosigkeit der türkischen Mitbewohner und der Islamophobie der Deutschen“ redet, der „Urangst, dass die Türken uns demografisch an die Wand vögeln“, sind keine enthemmten Jubelstürme zu erwarten. Deutschmann will das vermutlich auch gar nicht. Die Cellosaiten zupfend oder mit dem Bogen düster streichelnd, bewegt er sich lieber auf der satirischen Metaebene: Als „Dialektik der Aufklärung“ bezeichnet er das Phänomen, dass es den Spießbürger zum Kabarett ziehe und den Intellektuellen zum Fußball (wohlwollendes Klatschen). Lauter wird es, wenn er die Frage stellt, was schlimmer sei, Pippi zu schreiben oder Negerdorf – „man muss das Negerdorf wohl schwärzen“. Der Feingeist zieht die Braue hoch ob der Lautstärke, auf die Züge des Publikums kann der frühere Schach-Bundesligaspieler blendend reagieren.

Warum er an diesem Abend leider nicht oft zum Cello gegriffen hat, erklärt Deutschmann nach dem ersten Vorhang. Es habe mit der „33 von Göbbels gegründeten Gema“ zu tun. Nix dürfe er spielen, ohne abdrücken zu müssen. Er müsse extrem verfremden, um die „Inkassoagentur“ zu überlisten. Er spielt dann – wunderbar komisch verfremdet – Yesterday von den Beatles. Dass seine Gedanken heute mehr Menschen fremd sind als gestern, wird Matthias Deutschmann zum Glück nicht ändern. Er arbeitet ja nicht für einen Dax-Konzern.

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