25.08.2016
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Interview: „Ich sehe keine neue Qualität“

Muslimischer Protest vergangene Woche in Essen

Muslimischer Protest vergangene Woche in Essen

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dpa

Herr Benz, wieder einmal gibt es angesichts des Wiederaufflammens des Nahost-Konflikts antisemitische Ausschreitungen – in Deutschland und in Frankreich. Sehen Sie eine neue Qualität?

Wolfgang Benz: Ich sehe überhaupt keine neue Qualität. Ich würde auch gerne die Wortwahl antisemitische Ausschreitungen hinterfragen. Denn nach meiner Information hat es antiisraelische Demonstrationen gegeben. Und in Berlin wurden am Rande einer antiisraelischen Demonstration antisemitische Parolen gerufen. Aber deshalb jetzt von antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland zu sprechen, halte ich für übertrieben. Es haben sich zum Teil seltsame Leute zusammengerottet. Einige haben blödsinnige Parolen gerufen. Das wird von Interessenten mit großem Medienhall als Wiederaufflammen des Antisemitismus dargestellt, als sei es so schlimm wie nie zuvor.

Und das sehen Sie nicht?

Benz: Ich beobachte diese Szene seit 30 Jahren. Und deshalb kenne ich seit 30 Jahren diesen Mechanismus. Seit 30 Jahren wird damit Politik und Stimmung gemacht. Natürlich gibt es in Deutschland Antisemitismus. Das ist beklagenswert. Aber es ist ein konstanter Bodensatz in der Gesellschaft und keineswegs eine Lawine, die größer und größer wird.

Was ist denn heute anders als vor 30 Jahren?

Benz: Anders ist vor allem die Stimmung gegenüber dem Staate Israel. Sie wird immer schlechter. Die selbstverständliche Akzeptanz israelischer Politik ist nicht mehr da. Das ist kein Antisemitismus. Das wird aber von Aktivisten auf diesem Gebiet sehr gerne so dargestellt. Und sicherlich hat auch die israelische Regierung ein Interesse daran, dass jede Kritik an ihren Handlungen als Antisemitismus verstanden wird. Aber nicht ein jeder, der den Gaza-Krieg missbilligt und Mitleid mit getöteten oder verletzten palästinensischen Zivilisten hat, ist deshalb ein Antisemit.

Trotzdem mischt es sich manchmal.

Benz: Ja, selbstverständlich. Aber Antisemitismus ist in dieser Bundesrepublik Deutschland geächtet und kriminalisiert. Es bedeutet das Ende einer jeden Karriere, wenn man als Antisemit gebrandmarkt wird. Judenfeinde brauchen deshalb Umwege, um ihre Gefühle öffentlich äußern zu können. Sie springen als Trittbrettfahrer auf den Wagen Israel-Kritik auf. Das bedeutet nicht, dass eine Mehrheit ihren alten Antisemitismus wieder hervorgekehrt hätte.

Also kein Grund zur Besorgnis?

Benz: Ich sehe immer Grund zur Besorgnis. Da gibt es nichts schön- und kleinzureden. Aber man muss nicht in die Aufregung einstimmen, wenn der Vorsitzende des Zentralrats der Juden von einer Explosion des Antisemitismus in Deutschland spricht. Denn das ist nicht richtig. Man sollte nicht die Millionen Deutschen vor den Kopf stoßen, die Freunde Israels, aber besorgt sind über die politische Entwicklung. Auch ich kann mir nicht vorstellen, dass man durch drakonisches militärisches Vorgehen dem Ziel näher kommt, das wir alle vor Augen haben: Frieden für Israel.

Der israelische Botschafter spricht von einer unheiligen Allianz aus Islamisten, Neonazis und extremen Linken. Entspricht das auch Ihrer Einschätzung?

Benz: Da hat der israelische Botschafter völlig recht. Aber er hätte nicht recht, wenn er meinen würde, dass sie mehrheitsfähig wären. Das sind drei Sekten. Aber sie sind von der Mehrheitsmeinung Lichtjahre entfernt.

Welche der drei eben aufgezählten Gruppen hat denn den größten Anteil an den antisemitischen Tendenzen? Und gibt es da Verschiebungen?

Benz: Die muslimischen Araber sind die größte der drei Gruppen – auch die Gruppe mit dem stärksten Wachstumspotenzial. Über Rechts- und Linksextreme muss man nicht viele Worte verlieren.

Sie haben eben angedeutet, dass eine wachsende Entfremdung herrscht zwischen den Deutschen und der israelischen Politik. Schon das ist ja aus israelischer Perspektive nicht besonders erfreulich.

Benz: Nein, das ist gewiss kein erfreulicher Zustand. Mir macht das auch Sorge.

Deutsche Regierungen stellen sich dennoch weiterhin klar auf die Seite Israels. Ist dieses Auseinanderklaffen zwischen Regierungen und Bevölkerung an der Stelle ein Problem?

Benz: Ja. Denn die Unsicherheit und in Teilen auch die Verzweiflung in der Bevölkerung sind groß. Mich tröstet da immer der Ausspruch des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau: „Es ist doch Freundespflicht zu kritisieren, wenn man den Eindruck hat, es ist nicht ganz richtig, was eine befreundete Regierung tut.“

Sie empfehlen dieses Motto auch der aktuellen Regierung?

Benz: Unbedingt. Die Regierung muss nicht aus Angst vor einer energischen Demarche des israelischen Botschafters oder einem wütenden Anruf des Premiers Netanjahu anders reagieren gegenüber einem schaurigen Krieg, als sie das in anderen Regionen tun würde, wo der Regierung Verurteilungen aus humanitären Gründen leicht von den Lippen gehen.


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