29.08.2016
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Interview: „Quotentürken werden gern vorgezeigt“

Mit Eko Fresh und Nedim Hazar sprechen heißt über Deutsche und Türken reden. Und, klar, über Musik: Eko Fresh ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper, Hazar Musiker, Komponist und Mitinitiator der Arsch-huh-Initiative gegen Fremdenfeindlichkeit. Fresh textet bis heute über deutsch-türkische Klischees. Sein Song „Quotentürke“ war im vergangenen Jahr ein Hit. Auf der Terrasse von Ekos Patenonkel Geo Schaller, der mit Nedim die Band Yarinistan (Deutsch: Morgenland) hat, ist von Wut nichts zu spüren. Lachend und rauchend erzählen Vater und Sohn von Heimat, Identität, Bildung und gemeinsamen Projekten. Eine Zeit lang hatten die beiden keinen Kontakt. Am Samstagabend, 22. März, tritt Eko als Gastmusiker beim Konzert von Yarinistan in der Lutherkirche auf.

Eko, in Ihrem Hit „Quotentürke“ singen Sie: „Zum Beispiel mach ich schon, seit ich 14 bin, Rap-Lieder … Doch die Leute denken: Was will dieser Türke jetzt schon wieder?“ Sie, Herr Hazar, haben schon vor über 25 Jahren von lustigen Türken gesungen, die viel Raki trinken und das Klo putzen. Gibt es immer noch die gleichen Vorurteile?
Eko Fresh: Auf Quotentürke bin ich gekommen, weil ich oft angefragt werde, wenn es um Integration geht oder die Lage in der Türkei. Es gibt in Deutschland ein paar Türken wie Nazan Eckes, Bülent Ceylan, Cem Özdemir oder mich, die es irgendwie geschafft haben und gern vorgezeigt werden. Quotentürken eben. Vorurteile habe ich selten gespürt.
Nedim Hazar: Als ich Anfang der 1980er Jahre als politischer Flüchtling nach Deutschland kam, haben Deutsche und Türken sich nur langsam angenähert. Man wusste nicht viel voneinander, und die Türken hatten es als Muslime schwerer als die Italiener und die Griechen.

Also haben Sie die Vorurteile schon gespürt …
N. H.: Ich nicht, sie haben aber vielen Landsleuten zu schaffen gemacht. Ich habe mit Geo Schaller die Band Yarinistan gegründet, eine deutsch-türkische Musikkoalition, in der auch Anke Schweitzer und Stephan Brings ein paar Jahre mitgespielt haben. Ich war als erster Türke festes Ensemblemitglied bei den Ruhrfestspielen – also mittendrin in der Gesellschaft.

Ist also nicht die Herkunft entscheidend oder die Religion, sondern eher der Erfolg, wenn es um Akzeptanz geht?
E. F.: Das würde ich so unterschreiben. Es geht nicht darum, ob ich Türke bin oder Deutscher, sondern um reich oder arm, gebildet oder ungebildet. Wenn man in den Kindergärten und Schulen die Kinder mehr fördert, die Nachteile haben, fühlen sich später weniger Leute abgehängt. In den Jahren, als ich in Kalk gelebt habe, habe ich gesehen: Da laufen auch viele Deutsche rum, die in einer Parallelgesellschaft leben.

Sie haben die Schule abgebrochen, oder?
E. K.: Ja, in der Elf. Ich war auf dem Gymnasium, fand das Abitur aber nicht mehr wichtig, als ich einen Major-Plattenvertrag bekam. Das war damals unglaublich, es hat nie einen jüngeren Rapper gegeben, der so ein Angebot bekommen hat.
N. H.: Und ich war total sauer. Ich wollte, dass Ekrem Abitur macht. Ich muss allerdings gestehen, dass ich seinen Aufstieg als Musiker zuerst gar nicht richtig registriert habe. Ich hatte Sucht- und Beziehungsprobleme und war zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Ich habe vor seinem Durchbruch mit dem Kabarettisten Fatih Cevikkollu einen Rap-Clip gedreht, Ekrem war als Statist dabei. Und ich habe nicht kapiert, dass mein Sohn genau das will: rappen.
E. F.: Das hat mich traurig und wütend gemacht: Ich wurde entdeckt, verdiente Kohle mit meiner Musik, und Papa hat das zuerst nicht anerkannt. Wir hatten eine Zeit keinen Kontakt.
N. H.: Ich war anfangs skeptisch wegen Ekrems Musik. Ich mochte auch die Macho-Attitüde in den Texten nicht. Als Eko aber dann „König von Deutschland“ gerappt hat, hat sich meine Einstellung gedreht. Da hat er mit einem Augenzwinkern getextet: Hey, was wollt ihr mit euren Schubladen, in die ihr Ausländer und Deutsche steckt? Ich mach’ mein Ding, dann bin ich der König. Verbunden mit seiner lässigen, ironischen Haltung hatte das was Geniales.
E. F.: Das Ironische haben wir wahrscheinlich gemeinsam.

Jetzt treten Sie zusammen auf. Wie kam es dazu?
E. F.: Ich war nach Erfolgen wie den Liedern „König von Deutschland“ oder „Ich bin jung und brauche das Geld“ in ein Loch gefallen. Als ich vor vier Jahren einen Neuanfang machen wollte, habe ich auch Papas Musik gehört. Aus einem seiner Lieder – Max und Gülistan – ist mein Lied „Köln-Kalk-Ehrenmord“ entstanden.
N. H.: Mit dem Unterschied, dass das deutsch-türkische Liebespaar in meinem Lied zwar anfangs auf Unverständnis stößt, es aber ein Happy End gibt …
E. F.: … und in meinem Lied beide sterben.

Mit „Köln-Kalk-Ehrenmord“ haben Sie sich an ein schwieriges Thema gewagt – wie waren die Reaktionen?

E. F.: Viele fanden das gut. Ich glaube daran, dass wir frei sind und für die Freiheit kämpfen müssen, wenn sie nicht da ist. Mit dem Text wollte ich sagen: Ehrenmorde gehören nicht zum Islam. Töten darf niemand. Ich habe allerdings nur eine Geschichte erzählt. Ich werte nicht, das überlasse ich anderen.

Eine persönliche Fragerunde. Bitte möglichst kurz antworten. Das nervigste Vorurteil über Türken …
N. H.: Dass Frauen mit Kopftuch automatisch konservativ oder reaktionär sind. Das glauben immer noch viele. Das Kopftuch hat zum Teil mit Glauben zu tun, aber auch mit Traditionen. Die stärksten und fortschrittlichsten Frauen in der Türkei sind oft Kopftuchfrauen.
E. F.: Ich finde es schwer, jetzt Vorurteile zu nennen: Ich verdiene ja mit der deutschen Sprache Geld und fühle mich voll angenommen. Was ich sagen würde: dass es für Ausländer noch manchmal schwerer ist, eine Wohnung zu finden, vielleicht auch einen Job.
N. H.: Im Fernsehen durfte ich eine Zeit lang nur Rollen spielen, in denen der Schnurrbarttürke heiratet oder mit Drogen dealt. Das geht einem irgendwann auf die Nerven.

Die größte Schwäche des Vaters …
E. F.: Er sollte mehr an die Gesundheit denken. Nicht so viel rauchen.
N. H.: Ekrem kann nicht so gut mit technischen Geräten umgehen. Er hat zwei linke Hände.

Die größte Stärke …
E. F.: Er ist schlau und lebenslustig.
N. H.: Das Gleiche: Ekrem ist schlau und lacht gern.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis beschreiben?
E. F.: Heute super.
N. H.: Ja, wir planen gerade, zusammen ein Lied zu machen, vielleicht auch mal einen Film. Mir fällt noch eine lustige Geschichte ein: Die Familie meiner Frau lebt in Bayern. Mein Schwiegervater hat meine Frau, bevor wir zu Besuch kamen, unsicher gefragt: Betet dein Mann? Da hat sie ihren Vater veräppelt und gesagt: Ja, natürlich, er solle einen Teppich kaufen. Er hat dann alles vorbereitet, wir haben uns kaputtgelacht. Auf einer Party ist durchgesickert, dass ich der Vater von Eko bin: Plötzlich war ich in dem bayerischen Dorf von Mädels umringt und der angesagte Hip-Hop-Onkel.

Heimat ist …

E. F.: Köln, Nordrhein-Westfalen und auch Mönchengladbach, weil ich da groß geworden bin. Wenn ich toure und nach Köln zurückkomme, dann denke ich: geil, wieder zu Hause. Ich mag die Keupstraße, die Venloer Straße und Porz, wo ich wohne. Da gehe ich mit Freundin und Hund im Wald spazieren, da ist es ruhig, und es juckt keinen, wer ich bin.
N. H.: Für mich ist es Köln und die Insel bei Istanbul, wo ich lebe.Denken Sie auf Deutsch oder Türkisch?
E. F.: Auf Deutsch. Kann ich auch besser.
N. H.: Bei mir ist es je nachdem. Dein Türkisch könntest du übrigens ein bisschen aufpolieren, Ekrem.
Deutscher, Türke, oder ist das egal?
N. H.: Ich sage immer, ich bin Deutscher. Oder Europäer. Europäer ist am besten.
E. F.: Ich sage auch Deutscher oder Deutschtürke. Aber ich fühle mich als Kölner.
N. H.: Als Kölner fühle ich mich auch, ganz klar. Meine Frau und ich wollen im Alter auch zurück nach Deutschland. Sie will nach Berlin, aber ich will sie unbedingt von Köln überzeugen.

Wie viel Deutschland haben Sie mitgenommen auf die Insel?
N. H.: Viel. Meine deutsche Frau und ich leben in einem Haus mit jüdischen Familien und einer türkischen. Man hat uns gefragt, ob wir die Verwaltung übernehmen, weil wir Deutsche sind.
Es leben 17 Nationen auf der Insel – gelingt Integration auf so kleinem Raum leichter?
N. H.: Wir müssen keine Wände abbauen. Die werden gar nicht erst aufgebaut. Man macht sich über den Armenier oder den Moslem von nebenan lustig – und keiner ist beleidigt. Es gibt Deutsche, die „Hürriyet“ lesen. Frauen aller Religionen und Herkunftsländer werden bei der Kommunalwahl Ende März für eine gemeinsame Liste kandidieren und wohl über 30 Prozent der Stimmen erhalten. Wir planen übrigens auch, auf der Insel ein Karnevalsfest einzuführen …
Mit Entwicklungshilfe aus Köln?
N. H.: Bisher habe ich noch keinen gefunden, aber es wäre schön. Die Tradition kommt von den Griechen, die früher auf der Insel gelebt haben. Wir werden auch mit Venezianern, Spaniern und Brasilianern sprechen. Alle sollen kommen.
E. F.: Das ist cool. Im Rap war die Herkunft immer egal.

In der Szene der kölschen Musik hat sich bis auf ein paar Ausnahmen noch nicht so viel gemischt. Dabei gelten Sie als Mitinitiator der Arsch-huh-Initiative, Herr Hazar. Stimmt das eigentlich?
N. H.: Zum Teil. Ich habe nach dem Anschlag in Solingen bei Anke Schweitzer und Rolf Lammers angerufen, denen gesagt, dass ich besorgt bin und überlege, zurückzugehen in die Türkei. Wir waren dann mit Yarinistan beim Konzert nicht dabei – das fanden wir etwas komisch.

Warum nicht?
N. H.: Wohl, weil wir nicht so bekannt waren – obwohl wir durch ganz Europa getourt sind. Wir hätten auch gern 2012 beim Revival in Deutz gespielt, das hat auch nicht geklappt. Es geht nicht um unsere Gruppe. Ich frage mich nur: Was wollen wir mit solchen Konzerten? Wollen wir die Kölner Türken dabeihaben oder nicht?

Dieses Jahr findet das Gedenkkonzert für die Opfer des Nagelbombenattentats in der Keupstraße statt. Mit Eko Fresh?
E. F.: Ne, leider nicht. Nach dem Anschlag auf der Keupstraße war ich Hauptact beim Benefizkonzert dort. Das habe ich damals gar nicht so wahrgenommen – aber im Nachhinein ist das geschichtlich ein Riesending.

Wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten ein Kind, Eko. Was für eine Welt wünschen Sie ihm in 20 Jahren?
E. F.: Ich glaube, das Thema Quotentürke hat sich dann erledigt. Ich hoffe, dass das Kind nicht in falsche Kreise kommt und eine gute Bildung bekommt.
N. H.: … und Abitur macht …
E. F.: Das nicht, aber das Kind soll nicht denken: Ich muss schnell viel Geld machen, um einen fetten BMW zu fahren und auf dicke Hose zu machen. Es ist cool, was auf dem Kasten zu haben: Das will ich Kindern mitgeben.
Das Gespräch führten Helmut Frangenberg und Uli Kreikebaum

#infokasten


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