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Geisteswissenschaftler: Mythos taxifahrender Philosoph

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So schlecht ist es für Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt gar nicht bestellt.  Foto: dpa
Ein Medizinstudent wird Arzt. Und ein Student der Geisteswissenschaften? Er passt auf jeden Job - und keinen. Da sich nur wenige Stellenangebote an ihn direkt wenden, muss er früh wissen, was er will - oder seinen eigenen Beruf erschaffen.
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Wer sich für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheidet, bekommt nicht selten das Bonmot des Altkanzlers Helmut Schmidt zu hören. Es gebe zu viele Soziologen und Politologen. „Wir brauchen mehr Studenten, die sich für anständige Berufe entscheiden, die der Gesellschaft auch nützen“, soll er weiter gesagt haben. Entscheidet sich der Nachwuchs für ein Fach in den Geisteswissenschaften, sind viele Eltern in Sorge. Was soll das Kind nur damit werden?

Dass die Stellen knapp sind, haben auch die Statistiker der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg errechnet. 2011 gab es 2000 Stellenangebote, die sich explizit an Absolventen der Geisteswissenschaften richteten. Im gleichen Jahr kamen 43 000 von ihnen von der Hochschule. „Das hat sich auch 2012 kaum verändert“, sagt Ralf Beckmann von der Bundesagentur.

Kaum arbeitslose Geisteswissenschaftler

Allerdings ergeben die Statistiken auch, dass es nur relativ wenige Geisteswissenschaftler gibt, die arbeitslos gemeldet sind. „Der Arbeitsmarkt für Geisteswissenschaftler ist besser als sein Ruf“, stellt Beckmann klar. Er fügt aber einschränkend hinzu, dass Geisteswissenschaftler öfter in Jobs landen, die mit ihrem Fach nichts zu tun haben als andere Uni-Absolventen. Oder sie arbeiten in Berufen, die sie als Akademiker unterfordern. Der taxifahrende Philosoph sei trotzdem ein Mythos.

Auf dem Silbertablett bekommen Geisteswissenschaftler die Stellen aber sicher nicht serviert. Bloß fleißig zu studieren, reicht in ihrem Fall nicht aus. „Für Geisteswissenschaftler ist es sehr wichtig, sich früh zu orientieren und auf den Berufseinstieg vorzubereiten“, rät Matthias Nee vom Career Service der Leibniz Universität Hannover. Meist müsse das parallel zum Studium geschehen. „Es ist tatsächlich aufwendiger als in Studiengängen, die auf ein konkretes Berufsbild ausgerichtet sind.“

Praxiserfahrungen sind wichtig

Gut sei, sich in Schlüsselkompetenzen zu schulen: etwa in Kursen für Projekt- oder Konfliktmanagement, interkulturelle Kompetenzen, Präsentationstechniken oder Rhetorik. So erhöhen sich die Chancen, dass es nach dem Studium schnell mit einer Anstellung klappt. „Gefährlich ist es, erst mal zu studieren, um dann zu sehen, was man damit macht“, warnt Nee. Auch Praktika seien wichtig. Dafür lohne es sich auch, in Kauf zu nehmen, das Studium nicht in Rekordzeit zu absolvieren. „Man sollte auf keinen Fall aus Angst, nicht der Schnellste zu sein, auf Praxiserfahrungen verzichten“, sagt Nee.

Das kann Rebekka Hannes aus Bonn nur bestätigen. Während ihres Studiums der Politischen Wissenschaft hatte sie fünf Praktika bei verschiedenen Institutionen absolviert. Ihren ersten festen Job bekam sie bei einer von ihnen, einer Organisation für internationale Bildungs- und Kulturpolitik. „Ich musste trotzdem das ganz normale Bewerbungsverfahren durchlaufen“, erklärt sie.

Praktikum zur Überbrückung

Doch sie musste auch erleben, dass selbst zahlreiche Praktika mit den besten Referenzen nicht davor schützen, dass die Zeit nach dem Abschluss zum Geduldsspiel werden kann. „Ich habe mich damals auf alle möglichen Stellen beworben, auch als Sachbearbeiterin oder auf Assistenten-Jobs“, sagt Hannes. Es dauerte zehn Monate, die sie zum Teil mit einem weiteren Praktikum überbrückte, bis es mit der ersten richtigen Stelle klappte.

Die Fähigkeit aus dem Studium, die Hannes in ihrem Arbeitsalltag am meisten schätzt, ist, sich schnell in unterschiedliche Themen einarbeiten zu können. Die schiere Menge an Stoff trainiere die Begabung zu erkennen, was wichtig ist und was nicht. „Ich habe auch gelernt, interdisziplinär zu denken“, ist sie überzeugt.

Robert Kötter hat sich für die Kombination aus Vergleichender Religionswissenschaft, Japanologie und Philosophie entschieden. „Ich habe mit dem Wissen studiert, dass es eigentlich keine Jobs gibt“, erinnert sich der Bonner. Er habe deshalb früh verstanden, dass er sich selbst eine Nische schaffen muss. Während seines Studiums arbeitete er bereits auf Honorarbasis als Museumspädagoge. Auch seine ersten Aufträge nach dem Abschluss erhielt er vom Museum.

Das eigene Berufsbild erschaffen

Doch das ist bei weitem nicht sein einziger Job. „Für mich war klar: Ich will selbstständig sein, ich will meine eigene Firma“, sagt Kötter. Schon im ersten Jahr nach dem Studium gründete er die erste: eine Agentur für Medientraining, Workshops und Beratung für Führungskräfte. Eine zweijährige Ausbildung zum Berater machte Kötter nebenberuflich. Seitdem sind noch weitere Beratungsunternehmen hinzugekommen, die er mit jeweils anderen Partnern betreibt. Gefragt nach seiner Berufsbezeichnung erklärt er: „Ich bin selbstständig zwischen Kunst, Kommunikation und Kultur“.

Kötter hat sich sein Berufsbild selbst geschaffen. „So simpel es klingen mag, das war eben das, worauf ich Lust hatte“, sagt er. Bis heute ist es sein Motto geblieben, nur das zu tun, woran er Spaß hat. „Nur dann arbeitet man gut und kann auch erfolgreich sein.“ Vielleicht etwas, das angehende Geisteswissenschaftler entgegnen können, wenn sie wieder mit Helmut Schmidt konfrontiert werden. (dpa)

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