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Wissenschaft: Macht Tagträumen schlau?

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Das nächste Mal, wenn ihr mit den Gedanken mal wieder überall seid, nur nicht bei der Sache, braucht ihr kein schlechtes Gewissen zu haben. Forscher haben herausgefunden: Die Gedanken auf Reisen zu schicken fördert die Kreativität.  Von
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Köln

Wir tun es alle, mehrmals am Tag und vor allem dann, wenn wir es lieber lassen sollten: Wir tagträumen. Besonders gerne geht die Fantasie auf Reisen, wenn wir gerade im Unterricht oder am Schreibtisch sitzen und eigentlich lernen sollten. Die Gedanken schweifen ab, wir schauen aus dem Fenster oder starren Löcher in die Luft und plötzlich ist es viel wichtiger, über die nächste Verabredung, das Abendessen oder diesen ärgerlichen Streit von gestern Abend nachzudenken, als dem zu folgen, was gerade im Hier und Jetzt passiert.

Von Lehrern und Eltern hagelt es dann Ermahnungen. Doch die Gedanken wandern zu lassen ist produktiver, als die meisten von uns denken. Gerade dann werden nämlich genau die Gehirnareale benutzt, die zum Beispiel beim Lernen nicht beansprucht werden.

Anspruchsloses fordert Ideenreichtum

Jonathan Schooler, Professor für Psychologie an der University of California in Santa Babara, spricht hier vom „Default Network“, also von dem Teil im Gehirn, der wird, wenn Menschen unterfordert oder sogar gelangweilt sind. In einem Experiment fanden Schooler und der Psychologe Benjamin Baird heraus, dass Menschen, die viel tagträumen, bei Aufgabenlösungen kreativer sind als die, die immer bei der Sache bleiben.

Schooler und Baird forderten Versuchspersonen dazu auf, in zwei Minuten möglichst viele Verwendungen für einen Ziegelstein aufzulisten. Anschließend teilten sie die Probanden in Gruppen ein. Einige durften eine Pause einlegen. Andere mussten zwölf Minuten lang eine anspruchsvolle Aufgabe bearbeiten. Einer dritten Gruppe wurden anspruchslose Aufgaben gestellt, die zum tagträumen verführen sollten. Die letzte Gruppe durfte keine Pause einlegen. Nach Ablauf der zwölf Minuten wurde allen Probanden noch einmal die Aufgabe mit den Ziegelsteinen gestellt. Das Testergebnis zeigte, dass die Gruppe, die zwar aktiv, aber von der Aufgabe unterfordert war, im zweiten Anlauf viel kreativere Verwendungsmöglichkeiten für die Backsteine fand, als im ersten Anlauf. Bei allen anderen verbesserte sich das Ergebnis nicht.

Besonders bei anspruchslosen Aufgaben, wie Spazierengehen, Zugfahren oder beim Zurücklegen einer längst bekannten Strecke mit dem Auto, wird unser Ideenreichtum also gefördert. Nun ist aber Unterricht in der Regel nicht gerade anspruchslos, woher kommen also die gemeinen Gedanken, die vom Wesentlichen ablenken? Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Petra Demleux-Morawietz erklärt, dass in unserem Kopf in solchen Fällen immer Gedanken und Wünsche miteinander ringen. „Es gibt immer ein Inneres und ein Äußeres. Wenn wir im Unterricht sitzen, sind wir nicht bloß dort, sondern in unserem Inneren spielen sich ganz andere Dinge ab, die sich dann gegenüber den wissenschaftlich theoretischen Gedanken durchsetzen können.“

Wer jetzt aber denkt, bei der nächsten Ermahnung im Unterricht dem Lehrer einfach erklären zu können, dass er gerade seine Kreativität selbstständig fördert und produktiver ist, als es scheint, sollte sich lieber zurücknehmen. Demleux-Morawietz mahnt: „Wie bei so vielen Dingen im Leben kommt es auf das richtige Maß an. Träumen ist wichtig, dennoch muss man sich ausreichend auf die Realität, also die gegenwärtigen Aufgaben konzentrieren.“ Das Maßgebende sei, dass ein Dialog zwischen Wirklichkeit, Realität und Innenwelt stattfände, so die Therapeutin.

Träume soll man zulassen

Auch wenn es von großer Bedeutung ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, kann es gravierende Folgen haben, wenn bei Kindern und Jugendlichen Tagträumen ständig sanktioniert wird, warnt die Psychotherapeutin. Als Beispiel nennt sie ein Kind, das davon träumt, Eisverkäufer zu werden. Der Vater weist das Kind scharf zurecht. Das sei schließlich kein anständiger Beruf. Diese Maßregelung kann dazu führen, dass das Kind sich nicht mehr traut, solche Träume und Wünsche überhaupt zuzulassen, sagt Demleux-Morawietz. „Die Entwicklung von verschieden Träumen und Wünschen im Kindes- und Jugendalter ist sehr wichtig, um später im Erwachsenenalter die Möglichkeit zu haben, in verschiedene Richtungen zu denken und sich auch Plan B, C, oder D überlegen zu können.“

Tagträumen trainiert also unser Gehirn und unsere Fähigkeit, komplex zu denken. Eine gültige Generalentschuldigung für das Dösen im Unterricht können auch die Experten mit ihren Erkenntnissen nicht liefern. Doch wenn euch das nächste Mal eure Eltern dabei erwischen, wie ihr gedankenverloren aus dem Fenster starrt, könnt ihr wenigstens argumentieren, dass ihr lediglich eine produktive, kreativitätsfördernde Lernpause einlegt.

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