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Brand in Höhenberg: Muslime kritisieren Ermittlungen

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Asche und Blumensträuße erinnern an die Brandkatastrophe in Höhenberg. Foto: dpa
Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland hat die Ermittler nach dem Wohnungsbrand in Höhenberg mit zwei Toten aufgerufen, keine vorschnellen Äußerungen zu machen. Die muslimische Bevölkerung sei stark verunsichert.  Von 
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Höhenberg

Nach dem türkischen Vizeministerpräsidenten hat nun auch der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland (KRM), Aiman A. Mazyek (44), die deutschen Sicherheitsbehörden aufgerufen, nach dem Brand eines türkischen Wohnhauses in Köln keine vorschnellen Äußerungen zur Brandursache zu machen. „Die muslimische Bevölkerung ist stark verunsichert und deutsche Bürger mit türkischer Herkunft haben große Angst, weil in den letzten Wochen immer wieder türkische Wohnhäuser mit tödlichem Ausgang brannten oder Moscheen angegriffen wurden. Die Politik muss viel mehr diese Sorgen und Ängste ernst nehmen“, sagte er am Dienstag in Köln.

Tote in Höhenberg - Ursache weiter unklar

Die Sicherheitsbehörden könnten nur durch umfangreiche Akribie in der Spurensuche, insbesondere nach den beschämenden und krassen Fehlern bei der NSU-Aufarbeitung, verloren gegangenes Vertrauen wieder zurückgewinnen. Bei dem Brand am Samstagabend waren zwei Menschen ums Leben gekommen und 26 Menschen verletzt worden.

Die Kölner Staatsanwaltschaft hatte gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ den Vorwurf zurückgewiesen, die Ermittler hätten einen rechtsextremen Hintergrund ausgeschlossen. „Eine entsprechende Erklärung haben wir nie verbreitet“, sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Alf Willwacher. Es sei auch nicht seine Aufgabe, „solche Äußerungen“ zu kommentieren. „Wir ermitteln ergebnisoffen“, betonte Willwacher. Der türkische Vizeministerpräsident Bekir Bozdag hatte zuvor gesagt, die deutschen Behörden machten sich lächerlich, wenn sie „fünf Minuten nach einem Feuer“ die Erklärung verbreiteten, der betreffende Brand habe nichts mit Neonazis zu tun.

Anlässlich der Ereignisse um den NSU-Terror und der Diskussion um die Berichterstattung aus dem Gericht sagte Mazyek, die deutschen Muslime vermissten „immer wieder die Sensibilität von Behörden und Gerichten“. Durch die Vergabe von Berichterstatter-Plätzen werde der Eindruck erweckt, „als ob es was zu verbergen gibt. Das schadet Deutschlands Ansehen, auch in der Welt und das haben wir gar nicht nötig. Türkische Journalisten dürfen nicht gehindert werden vom Ort des Geschehens direkt zu berichten“.

Am Dienstagmorgen wollte noch einmal in Brandsachverständiger den Ort begutachten, an dem Samstagabend ein 30-jähriger Mann und eine 19 Jahre alte Frau ums Leben kamen. Das sagte ein Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft.

Suche nach der Brandursache

Am Montag öffnet die Polizei die Spanplatte vor dem ausgebrannten Hauseingang in der Rothenburger Straße. Ein Bewohner darf in seine Wohnung zurückkehren, um seinen Reisepass zu holen – er fliegt diese Woche in Urlaub. Aber das ist eine absolute Ausnahme, betont die Polizei. Alle anderen Bewohner müssen vorerst draußen bleiben.

„Es gab zwei Tote, wir untersuchen zurzeit die Brandursache, bitte haben Sie Verständnis“, beschwichtigt ein Beamter einen jungen Vater, der Hygieneartikel für seinen 19 Monate alten Sohn aus der Wohnung holen möchte. Der Mann, seine Frau und das Kind waren Freitagabend gegen 21.30 Uhr bei Verwandten um die Ecke, als in dem Mehrfamilienhaus das verheerende Feuer ausbrach.

Erinnerungen an den Nagelbombenanschlag

Die Ursache für das verheerende Feuer in Höhenberg ist nach wie vor unklar. Foto: Arton Krasniqi, KSTA

Seitdem rätseln die Anwohner der Straße über die Brandursache. „Es war ein Anschlag, was sonst?“, sagt ein 49-jähriger Türke, der nebenan wohnt. Aber aus welchem Grund? Und wer steckt dahinter? Darauf hat der Mann keine Antwort.

„Da hatte jemand ganz einfach die Schnauze voll von den Kinderwagen, die immer hinter der Haustür abgestellt werden und hat einen angezündet“, ist eine Mieterin zwei Häuser weiter überzeugt. Das Problem mit den Kinderwagen, die Kellertreppen und Haustüren blockieren, ist in der gesamten Straße bekannt, es tritt in vielen Häusern auf. Aber wird deshalb jemand zum Brandstifter?

Gebetsmühlenhaft betonen Polizei und Staatsanwaltschaft seit Freitagabend: „Wir schließen nichts aus, alles ist möglich, die Ermittlungen laufen in sämtliche Richtungen.“ Hinter vorgehaltener Hand freilich ist zu hören, dass es bislang keine Hinweise für ein politisch motiviertes Attentat gibt. Laut äußern möchte das niemand; zu frisch sind die Erinnerungen an die Ermittlungspannen nach dem Nagelbombenanschlag des NSU in der Keupstraße 2004 und die allzu frühe Verneinung eines ausländerfeindlichen Anschlags.

Vorsatz oder Fahrlässigkeit?

Im Zentrum der Ermittlungen stehen vorerst die beiden Toten – eine 19-jährige Kosovarin, die seit zwei Wochen in einer der drei Dachgeschosswohnungen lebte, und ihr 30 Jahre alter Freund Marco N. Er soll ihr die Wohnung beschafft haben, weil er den Hausbesitzer kennt. Einen Mietvertrag besaß die 19-Jährige noch nicht. Nach Beobachtung eines Augenzeugen, der vor der Feuerwehr eintraf und löschen wollte, sollen sie versucht haben, etwas Brennendes aus ihrer Wohnung durchs Treppenhaus auf die Straße zu tragen.

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Doch es gibt derzeit mehr Fragen als Antworten: Warum verbrannten die beiden einen Meter vor Erreichen der Haustür? Anwohner berichteten von einem Knall: Gab es eine Explosion? Und warum ist der Kinderwagen, der hinter der Haustür stand, komplett ausgebrannt? Die Polizei bezeichnet den Wagen sogar als „möglichen Entstehungsort“ des Brandes. Nach dieser Version ist möglich, dass Marco N. und seine Bekannte in ihrer Wohnung das Feuer im Hausflur rochen, durchs Treppenhaus flüchten wollten, aber der brennende Kinderwagen ihnen den Weg auf die Straße versperrte.

Leichen bis zur Unkenntlichkeit verkohlt

Und schließlich: Führte Vorsatz oder Fahrlässigkeit zu dem Feuer? Am Fuße der Kellertreppe fanden Ermittler zahlreiche Zigarettenkippen. Unklar ist zudem, in welcher Beziehung die 19-Jährige zu dem 30-Jährigen stand. Nachbarn berichten, Marco N. habe die junge Frau herumkommandiert, sie hätten sich häufig gestritten, Türen seien zugeknallt worden. Ihre Leichen waren so stark verkohlt, dass die Polizei sie zunächst nicht identifizieren konnte. Bei Marco N. gelang es schließlich auch anhand auffälliger Tätowierungen, die teilweise noch sichtbar waren.

Die meisten der 13 verletzten Bewohner lagen am Montag noch im Krankenhaus. Die Stadt will sich um Notunterkünfte kümmern, sagte eine Sprecherin. Andere haben Unterschlupf bei Nachbarn oder Verwandten gefunden. (mit kna)

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Tim Stinauer
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