Kalk
Brück, Höhenberg, Humboldt/Gremberg, Kalk, Merheim, Neubrück, Ostheim, Rath/Heumar, Vingst

Vorlesen
0 Kommentare

Großstadtdschungel: Ein verschlungener Pfad durch Kalk

Erstellt
Sommer auf dem Balkon – ein Anwohner genießt den Feierabend mit Blick auf den Hinterhof. Foto: Christ
Großstadtcharme im sozialen Brennpunkt: In Kalk gibt es einen sonderbaren Weg durch zwei Häuserblocks, der sich durch das pralle Leben des Stadtteils schlängelt. Der eine findet ihn gut, den anderen bringen keine zehn Pferde dahin.  Von
Drucken per Mail

Fast am Ende des Weges sitzt Sulbijan. Unter dem Ahornbaum am Spielplatz hockt er auf der Mauer und schaut auf sein Telefon. Aber niemand ruft an und überbringt gute Nachrichten. Also wird Sulbijan in ein paar Stunden seine erste Nacht in der Notschlafstelle Porz antreten. Kein guter Tag für den 21-Jährigen mit dem tätowierten chinesischen Schriftzeichen am Hals. Kein Job, keine Wohnung, die Freundin gerade stressig. Das von der Arge bezahlte Hotelzimmer – seit heute gekündigt. Sulbijan ist rausgeflogen, warum, ist ihm selbst nicht ganz klar. „Momentan – ich weiß nicht“, sagt er halb betrübt, halb wütend. Ein heißer Sommertag kann dunkel sein.

Die Ruhe hilft Sulbijan beim Nachdenken.  Foto: Grönert

Der Weg zu Sulbijan ist ein Kalker Mysterium. Wer sich nicht auskennt, findet ihn nicht. Wer sich auskennt, findet ihn gut – oder schlecht. Je nach Sichtweise. Ein Jugendlicher will seinen Namen nicht verraten. Dafür erzählt er, dass er gern herkommt – um „lustige Zigaretten“ zu rauchen, Joints also. Die Abgeschiedenheit ziehe ihn an. Andere gehen dem kleinen Pfad gerade deshalb aus dem Weg. „Drogen sind ein großes Problem hier“, sagt Mohamed aus Marokko. Abends und nachts, wenn die Beleuchtung schwach ist, sei das hier nicht sein Ort.

Fantastisch und finster zugleich

Der geheimnisvolle Weg schlängelt sich quer durch das Innere zweier Häuserblocks. Hier gibt es ein bisschen Grün im mit Parks spärlich gesegneten Stadtteil. Die Kalker Hauptstraße, die Kalk-Mülheimer Straße, die Vietorstraße und die Peter-Stühlen-Straße treiben es drumherum bunt und multikulti. Im Innern, jenseits der wuseligen Geschäftszeilen und kleinen Gassen, ist es fantastisch und finster zugleich.

Die Zugänge zur Kalker Hinterhof-Welt lassen sich leicht fehlinterpretieren. Die dunklen, niedrigen Entrees in den Erdgeschossen der mehrgeschossigen Rahmenbebauung weisen kaum auf ein zusammenhängendes System öffentlicher Naherholung hin. Eher auf die üblichen Garagenhöfe mit Mülltonnen. Die findet zwar auch, wer den Weg an der Kalker Hauptstraße betritt. Aber danach geht es weiter, vorbei am Gelände eines Kindergartens, an der unscheinbaren Moschee der Islamischen Kulturgemeinde Köln, an den alten Backsteinmauern der Förderschule Der kleine Prinz.

Vorbei an Mauern, Schulen und Moscheen schlängelt sich der Weg, der sowas ist wie ein Kalker Mysterium.  Foto: Grönert

Der kleine Fußweg hat die gewachsene Bausubstanz zu respektieren – er windet sich an Mäuerchen und Zäunen entlang und passiert im Zickzack-Kurs Winkel aus Grafitti-verzierten Mauern. Davor Sitzbänke, die Entspannung mit Blick auf vielgeschossiges Wohnen bieten. Großstadt-Charme.

Kinder spielen dort nicht mehr

An der Vorsterstraße endet der erste Teil der Innenblock-Exkursion. Kurz vor dem Abschied vom Karree noch ein Blick nach oben: Ein Hund liegt auf der Mauer eines der vielen Balkone und schaut treu herab. Das Gefühl des Unbeobachtetseins – es war pure Einbildung.

Normalerweise wartet auf der anderen Straßenseite Teil zwei der verwunschenen Wanderung. Der Zugang ist offen, doch danach versperrt ein Bauzaun das Fortkommen. Die Flanke des Blocks ist zum Glück löchrig: Die Vietorstraße bietet Einlass in jenes entkernte Kalk, das auf den ersten Blick grüner und entspannter wirkt als Block eins. Vögel zwitschern, Wäsche trocknet auf Leinen, irgendwo schreien Kinder. Yanbeyi Mehmetali stopft gerade Löcher unter seinem Gartenzaun. Die Igel fressen sonst alles weg, erzählt er. Sogar einen Kiwibaum hat der 68-Jährige mit der Schirmmütze auf seinen 150 Quadratmetern Innenblock-Garten gepflanzt. Jeden Tag sei er hier, um Zeitung zu lesen oder zu gärtnern, sagt der türkischstämmige Ruheständler in gebrochenem Deutsch: „Ich bin in Rente, ich muss ein Hobby haben.“ Soweit die schöne Seite. Über das, was ihm nicht gefällt, spricht Mehmetali ausführlicher. Über den benachbarten Spielplatz zum Beispiel, den Jugendliche für sich erobert hätten. Kinder spielten dort nicht mehr – aus Angst.

Yanbeyi Mehmetali gärtnert im Hinterhof.  Foto: Christ

Kaum zu glauben. An diesem Nachmittag wirkt der Wohnblock entspannt und friedlich. Nur Sulbijan sitzt auf der Mauer, die Vergangenheit geht ihm nicht aus dem Kopf. Die Ruhe im Karree hilft beim Nachdenken. Eine Zeit hat er Theater in einem Projekt für Jugendliche aus sogenannten sozialen Brennpunkten gespielt. Frühlings Erwachen und Die Räuber. „Das hat mir auf jeden Fall Spaß gemacht.“ Doch dann gab es Stress, und es war aus. Einen „schlechten Weg“ habe sein Leben danach genommen. Wie es nun weiter geht, weiß er nicht. Seinen Optimismus nimmt Sulbijan aber mit in die Notfallschlafstelle. Das chinesische Schriftzeichen an seinem Hals – es bedeutet Freiheit.

Auch interessant
KVB Fahrplan
Start
Ziel
Datum
Zeit
 
Videos
FACEBOOK
Blog
Digitale Themen
Das Logo von Rheinklick

Mini-Coding-Schulungen, Analysen oder Veranstaltungen, hier geht es um Themen rund um die digitale (Kölner) Szene.

Weitere Serien
Nachwuchs-Autoren

Szene, Lifestyle, Trends, coole Events: Schüler, Studenten und Auszubildende schreiben für junge Leute.

Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!