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Stunksitzung: Das Leben ist kein Pony-Schlecken

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Auch Pussy Riot haben den Weg in die Stunksitzung gefunden.  Foto: Stefan Worring
Kein Skandal, kein Glanzstück – aber politisch wie schon lange nicht mehr. Die Premiere der Stunksitzung hat dennoch offenbart: Die Stunksitzung bleibt das Prunkstück des alternativen Karnevals.  Von
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Köln

Das Leben ist kein Pony-Schlecken. Das muss in der Stunksitzung Miss Mutti, die Angela Merkel verdammt ähnelt, vor der Wahl zum Bundessheriff feststellen. Und das gilt vor allem für die anderen.

Auf der benachbarten Willy Branderosa von Ben Schmidt sind dessen Söhne Frank-Walter Adam, Big Gabriel und Little Steinbrück ausgeritten, um ihr das Lied vom Tod zu spielen. Es geht um den Diebstahl von 30 Millionen Stück Stimmvieh. „Da war immer unser Willy-Brandabzeichen drauf“, klagen die Brüder und suchen verzweifelt ihre Themenpflöcke.

Bonanza-Persiflage ist einer der Höhepunkte

Die wunderbare Bonanza-Persiflage ist einer der Höhepunkte der diesjährigen Stunksitzung. Die ist ein Garant für durchweg gute Unterhaltung, die dieses Mal zwar ohne großen Skandal oder Glanzstück aufwartet, aber dafür politisch ist wie lange nicht mehr.

So muss sich das Oberlandesgericht mit einem besonders erschreckenden Fall ritueller Beschneidung befassen. Das Opfer: Der Filialleiter der Sparkasse Heimersdorf, beschnitten an Weiberfastnacht, als drei seiner Mitarbeiterinnen über ihn herfielen. Es war elf Uhr elf. „Dann hat’s schnippschnapp gemacht“, erinnert sich der traumatisierte Westfale. Und der Schlips war ab.

„Wer Einzelhandel kann, kann auch Einzelkinder“

„Wann hätten wir ihn denn sonst beschneiden sollen?“, verteidigen die Angeklagten ihren uralten Ritus und albernen Blödsinn, und wehren sich dagegen, das dieser als Unfug hingestellt werde. „Aschermittwoch etwa? In der Uniklinik?“ Er habe doch von dem Eingriff gar nichts gemerkt, kontern die Damen: „Der hat vorher zwei Stunden Paveier gehört. Der muss völlig schmerzfrei gewesen sein.“ Das Urteil lautet schließlich: Jeder soll seinen Schlips tragen, wie er will. „Irgendein Arsch fühlt sich sowieso immer draufgetreten.“

Seit Familienministerin Ursula von der Leyen entlassene Mitarbeiterinnen einer Drogeriemarktkette zu Erzieherinnen umschult, herrscht in der Kita „De Schleckermäulchen“ eine ganz neue Ordnung. U3 heißt jetzt U 2,99, die Kinder werden auf dem Laufband eingebucht, nach der Regalpädagogik erzogen, und dann ist Ruhe im (Waren-)Karton. „Wer Einzelhandel kann, kann auch Einzelkinder.“ Pflegebedürftigen alten Menschen ergeht es auch nicht besser. Sie werden von Robotern betreut, die zwar über einen Witzmodus verfügen, aber leider eine leichte Batterieschwäche haben. Und der Syrien-Konflikt wird zur Bilderbucherzählung für Kinder, die versucht zu erklären, wofür es eigentlich keine Worte mehr gibt. Da wird aus dem Arabischen Frühling ein Winter, der böse Assad verteidigt seinen Sandkasten und will allen Andersgläubigen die Aleviten lesen. Vor allem die Frauen im Land haben da das Nachsehen. Tschador eigentlich.

Putin von Ostheim: „Führen statt diskutieren“

Als Putin von Ostheim entpuppt sich der Präsident der Löstigen Kallendresser von 1736 seit seiner Dienstreise nach St. Petersburg. Für eine sichere Wiederwahl sind die Wahlzettel schon vor Wahlbeginn ausgefüllt und seine neue Linie lautet „Führen statt diskutieren“. Bis sich die ewig nur Schnittchen schmierenden Vorstandsfrauen in „Pussy Riots“ verwandeln.

Auf dem Vormarsch ist das schöne Geschlecht auch im Sitzungskarneval, in dem statt Höhner nun Hennen, die „Flittarder Flittchen“ und ein rein weibliches Dreigestirn auftreten: „Das Niveau der Männer können wir leicht unterbieten.“

Womit wir bei den kölschen Themen der Sitzung wären. Natürlich gibt es die übliche „KVB kommt nie“-Nummer und die Rote-Funken-Persiflage. Auch wenn Letztere den Stunkern selbst(-ironisch) langweilig zu werden scheint, weshalb die drei rot-weißen Kosmonauten bei der Marsmission im Sketch am Ende durch blau-weiße ersetzt werden.

Eine neue Optik bekommt auch das marode „Gebetshäuschen von Joachim Kardinal M.“ bei einem Besuch des Renovierungstrupps von TV-Einrichtungsexpertin Tine Wittler verpasst. Nachdem sein „Messenhaus“ von herumliegenden, altbackenen Ansichten befreit ist, kommt als letztes der Dreikönigsschrein auf den Sperrmüll. Der Kardinal erkennt sein Haus kaum wieder – es ist nun ’ne Moschee.

Willy Millowitsch schaut vom Himmel auf sein Köln

Umstellen müssen sich auch die FC-Fans der „Milden Horde“, denen eine Psychologin ihre „primitiven Schmähgesänge“ abzugewöhnen versucht. Doch in der Euphorie geht es selbst mit der Akademikerin durch: „Keine Gewalt, sonst gibt’s was auf die Fresse!“

Das käme dem „Verdroschenen“ gerade recht. Der sadomasochistische Reimredner erzählt in einer wunderbaren Solonummer von seinen Höllenqualen im Gürzenich: „Die Domina mit rotem Haar, singt Mottolied wie jedes Jahr. Nikuta un die Kolibris, der Kölsche es för ja nix fies.“ Und „Beim Dieter“ in der Eckkneipe versucht der strippende Wirt, den Umsatzverlusten durch das Rauchverbot zu trotzen: „Ich nenne es Grotesktanz.“

Derweil schaut Willy Millowitsch vom Himmel auf sein Köln, wie in einer melancholischen Melaten-Nummer sichtbar wird, und stöhnt: „Ich sehe das, was ich schon immer geahnt habe. Der Peter ist ein schlechter Schauspieler.“ Dazu singen Ostermann und Berbuer. Das ist der Horror für Trude Herr, die vom Dauerkarneval genervt erscheint. Doch wir haben endlich die Gewissheit: Das Paradies ist kölsch – und die Stunksitzung immer noch auch ein bisschen böse.

Alle 46 Vorstellungen sind ausverkauft. Das WDR-Fernsehen sendet einen Zusammenschnitt an Weiberfastnacht (7. Februar) um 22 Uhr.

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