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Freiwillig gegen Hochwasser: Fluthelfer - warum sie sich engagieren

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Fluthelfer stapeln Sandsäcke. Ihre Motivation: „Bei den schlimmen Meldungen hat man das Gefühl, dass man was tun muss.“ Foto: dpa
Ein „Flut-Märchen“: Tausende Bürger retten Städte und Dörfer vor dem Absaufen. Freiwillig, unermüdlich und hoch motiviert. Unternehmen könnten daraus lernen, anders mit Mitarbeitern umzugehen - statt sie innerlich kündigen zu lassen.  Von
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Sie sehen für ihre Arbeit keinen Cent, schuften aber bis zum Umfallen. Sie schützen oft nicht ihre eigenen Häuser, füllen aber Sandsäcke wie am Fließband. Sie reihen sich ein, packen an – und eine Hymne würdigt bereits ihre Leistung: „Wir halten zusammen und beweisen den Mut“, heißt es im Refrain, „denn gemeinsam sind wir stark, stärker als die Flut“. Was treibt diese Menschen an? Was sollten Unternehmen daraus lernen?

Ein Schild mit einer Danksagung an die Fluthelfer hängt an einem Zaun in Dannenberg (Niedersachsen).
Ein Schild mit einer Danksagung an die Fluthelfer hängt an einem Zaun in Dannenberg (Niedersachsen).
Foto: dpa

Zur ersten Frage: „Wer hilft, einen kleinen Damm zu bauen oder Häuser zu retten, hat etwas bewirkt“, so Regina Bergdolt, Expertin für Personalführung und Fachautorin. „Das geschieht im Hier und Jetzt; dazu kommt noch die positive Bestätigung durch die Gemeinschaft.“

Zum Beispiel in Neu Darchau: Eine Einheit des Katastrophenschutzes kam aus dem Ruhrpott; 132 Helfer stapelten 120.000 Sandsäcke auf, um die Elbe zu bändigen. Und das in sieben Tagen und Nächten! In dieser Einheit engagierten sich 126 ehrenamtliche Kräfte: „Die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehren ist von unschätzbarem Wert. Sie sind das Rückgrat des Katastrophenschutzes. Ich danke ihnen von ganzem Herzen“, sagte Dr. Gerd Bollermann, Regierungspräsident in Arnsberg (NRW), gegenüber WAZ-Online.

„Wirksame Helden im Kleinen“

Eine Wirkung unmittelbar erzielen, darauf kommt es laut Regina Bergdolt an: „Vielen Menschen geht das Erlebnis, etwas zu bewirken, immer mehr verloren, zumindest in der Arbeitswelt.“ Daher spricht Einiges für die Idee, „dass Kooperation uns antreibt und gut für unser Lebensgefühl ist“, sagt die Expertin für Personalführung. Das sei auch ein Ergebnis der aktuellen Motivationsforschung.

Zwei Helfer räumen einen durch die Flut durchnässten Schuppen aus.
Zwei Helfer räumen einen durch die Flut durchnässten Schuppen aus.
Foto: dpa

Die heutige Wirtschaft sei aber geprägt durch „globalen Konkurrenzkampf, Arbeitsverdichtung, und fremdbestimmte Ziele“. Das wäre nicht gerade das Umfeld, in dem sich Menschen als „wirksame Helden im Kleinen“ erleben können. Bergdolt: „Gefühlte Sinnlosigkeit macht sich breit wie eine Epidemie und führt immer öfter in psychische Krisen bis hin zur zeitweiligen Arbeitsunfähigkeit.“ Das zeigen viele Statistiken mit erschreckenden Zahlen.

Wie anders ging es im Kieswerk von Barby zu: Mehr als 100 freiwillige Helfer füllten dort Sandsäcke, unter ihnen auch die Teenager Friederike, Annika und Benjamin, wie die Nachrichtenseite volksstimme.de berichtet. Ihre Mutter Elke Harting sagte: „Bei den schlimmen Meldungen hat man das Gefühl, dass man was tun muss.“ Daher kam sie mit ihren Kindern in die Kiesgrube, obwohl die Flut ihren Heimatort Gnadau nicht erreicht hatte.

Sand für fremde Menschen schippen

Freiwillige Feuerwehr fern der Heimat; Familien, die Sand für fremde Menschen schippen: Monate vor der ersten Flutwelle erklärte Michael Tomasello der Zeitschrift „Geo“, warum Menschen so handeln. Tomasello ist Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Seine These nach 30 Jahren Forschung: „Wir kooperieren nicht nur, weil es nützlich ist oder weil wir dazu erzogen wurden, sondern wir arbeiten von Natur aus gerne zusammen. Mehr noch: Anderen zu helfen macht uns von Natur aus Freude“. Sein Fazit: „Konkurrenz allein konnte die menschliche Intelligenz und Kultur nicht hervorbringen.“

Zur Kultur der Gegenwart gehören auch soziale Netzwerke im Internet: Noch 2002 waren bei der ersten Jahrhundertflut SMS eine praktikable Methode, sich über Handys zu vernetzen. Sonst gab es vor allem Durchsagen mit dem Lautsprecher.

Diese Art der Kommunikation stellen inzwischen Social Media weit in den Schatten: 130.000 Menschen tauschen sich über die Facebook-Seite „Fluthilfe Dresden“ aus, fast 50.000 „Likes“ hat diese Seite erhalten. Und die Fluthelfer-Hymne hatte nach drei Tagen über 23.000 Klicks auf Youtube.

Die Fluthelfer-Hymne
Auszüge aus dem Text

„Für alle Helfer, die in den letzten Tagen gegen die Fluten gekämpft haben, ist dieser Song“, schreibt das medienhaus nord zur „Fluthelfer-Hymne“, die seit wenigen Tagen auf Youtube abrufbar ist. Die Hymne spiegelt die große Einsatzbereitschaft der Menschen wider, die oft uneigennützig Deiche sichern. Die Musik stammt von Benjamin Hildebrand, der Text von Jens Leonhardt und Eddy Steinfatt. Sie wohnen in der Elbe-Region und haben selbst Sandsäcke gefüllt.

Wir ließen uns an dir nieder / Haben unsere Häuser am Deich gebaut. / Wollten die Idylle genießen/Und haben nach vorne geschaut. (...)

Nun füllen wir Sand in Säcke hinein / Versuchen zu retten was geht / Wir stemmen uns gegen die Flut / Auch wenn das Wasser bis zum Halse uns steht.

Refrain: Doch wir halten zusammen / und beweisen den Mut. / Denn gemeinsam sind wir stark, / stärker als die Flut. (...)

Egal wie hoch der Pegel noch steigt / Wir stemmen uns gegen diese Macht / Die Sicherung der Deiche / bringt uns um die Nacht.

Jetzt willst du uns alles nehmen / Mit deiner Naturgewalt / darauf waren wir nicht vorbereitet / nun erwischt es uns eiskalt.

Generation Y: „Keine Gruppe von Egoisten“

„Menschen nutzen soziale Netzwerke, um zu Hilfe und Spenden aufzurufen und ihre Aktionen zu koordinieren“, freut sich Regina Bergdolt, „denn das Web 2.0 war von Anfang an ein ‚Mitmach-Web‘!“. Das gilt besonders für die „Generation Y“, junge Menschen, die nach 1980 geboren wurden. Sie bevölkern zu Tausenden Sandgruben, bringen fremde Möbel in Sicherheit – und orientieren sich über Facebook, wo ihre helfenden Hände gebraucht werden. Bergdolt ist sich sicher: „Da wächst keineswegs eine Gruppe von Egoisten heran.“ Vielmehr genieße die „Generation Y“ die Informationsvielfalt und Freude an der Arbeit. „Sie erlauben es sich, andere Wege zu gehen.“

Forscher Tomasello ist überzeugt: „Anderen zu helfen macht uns von Natur aus Freude“.
Forscher Tomasello ist überzeugt: „Anderen zu helfen macht uns von Natur aus Freude“.
Foto: dpa

Andere Wege? Sie sollte auch die Wirtschaft einschlagen, um junge Menschen als Fachkräfte zu gewinnen – und nicht erfahrene Mitarbeiter durch innere Kündigung zu verlieren. Was könnten Unternehmen von den freiwilligen Fluthelfern lernen? Der Unternehmercoach Axel Krämer, Partner von culture²business, gibt eine klare Antwort: „Motivierte Menschen machen mit, wenn Wert und Nutzen erkennbar sind, sowie Sinn und Zweck akzeptiert werden können – und das nicht nur in Krisen.“

Unternehmen sprechen zwar von Kultur; „Corporate Social Responsibility“ (CSR) macht als Schlagwort die Runde. „Doch viele doktern nur an den Symptomen herum“, so Krämer. „Grundsätzliche Fragen werden vernachlässigt.“

Wert und Nutzen einer Tätigkeit erkennen

Zum Beispiel diese Frage: Wie kann sich eine Unternehmenskultur an den „Ich- und Wir-Bedürfnissen“ der Mitarbeiter orientieren? Dabei geht es um soziale Rahmenbedingungen und eine faire Führung, „die sowohl Eigennutzen als auch Gemeinsinn der Mitarbeiter aktiviert.“ Ziel sollte es sein, „ein freiwilliges, freudiges Engagement“ zu erreichen. Die Möglichkeit, in einem Unternehmen wirklich mitzuwirken, hält der Coach aus Liechtenstein für entscheidend. Genauso wie Regina Bergdolt, die im „Mitwirken“ den Schlüssel sieht, um den unermüdlichen Einsatz der Fluthelfer zu erklären.

Die Konsequenz für die Wirtschaft: „Unternehmen sollten sich so organisieren, dass Mitarbeiter als ‚eigennützige‘ Individuen und ‚gemeinsinnige‘ Team-Mitglieder aktiv werden“, fordert Krämer. Dazu gehört: Mitarbeiter wollen in der Regel Wert und Nutzen ihrer Tätigkeit erkennen sowie eine faire Bezahlung erhalten. Erleben sie Solidarität, Feedback und Wertschätzung, entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit – und eine innere Kündigung ist weniger wahrscheinlich.

Denn: Wer im Unternehmen wirklich als Mensch gefragt ist, entwickelt „Identifikation, Motivation, Kompetenz und Performance“, so Krämer, der auch gerne Dr. Theresa Schmiedel von der Universität Liechtenstein zitiert: „Die Pflege der Kultur macht ein Unternehmen nicht kurzfristig schön, sondern langfristig gesund.“

Vielleicht wird eines Tages auch vom „Flut-Märchen“ die Rede sein, wo doch gerade Tausende beweisen: Nicht nur Fußball weckt Leidenschaft und Begeisterung, sondern auch der gemeinsame Kampf gegen die Flut. Ein Anlass, über Führung in Unternehmen nachzudenken – und manchen Personalvorstand zur Fortbildung auf die Deiche zu schicken.

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