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Abschluss nicht anerkannt: Ausländische Fachkräfte haben es in Deutschland schwer

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Aus erfahrenen Krankenschwestern werden Pflegehelferinnen: Die Qualifikation von Zuwanderern wird selten anerkannt. Foto: dpa
Aus Lehrern werden Erzieher, und Ärzte fahren Taxi: Gut ausgebildete Migranten müssen in Deutschland häufig unter ihrer Qualifikation arbeiten. Ihre Abschlüsse werden - wenn überhaupt - erst Jahre später anerkannt, zeigt eine Studie.  Von
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Die Ärztin kam aus Afghanistan – und geriet in die Mühlen der deutschen Bürokratie: Um eine Fortbildung zu besuchen, brauchte sie eine Bescheinigung der Bezirksregierung. Das Papier bekam sie aber nicht, weil ihr Abschluss in Deutschland noch nicht anerkannt war. Doch die Fortbildung wollte sie machen, um genau diese Anerkennung zu erreichen - ein klassisches Henne-Ei-Problem. Schließlich hatte die Frau Glück: Ein Rechtsanwalt öffnete ihr juristisch die Türen, sie durfte endlich teilnehmen.

Solche Geschichten hat Dr. Eva Müller von der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim für ein Forschungsprojekt gesammelt. Die Ergebnisse zeigen: Im Durchschnitt vergehen vier Jahre, bis Zuwanderer nach der Einreise einen Antrag stellen, um ihre Qualifikation aus dem Heimatland anerkennen zu lassen. Vier Jahre - da sinken die Chancen auf einen Job erheblich, und wertvolles Know-how geht verloren.

Lehrer geben Nachhilfe

Bisher wurden die Berufs- und Lebensbiografien von qualifizierten Migranten mit Abschluss im Ausland kaum untersucht, stellt Eva Müllers Chefin, Prof. Türkan Ayan, fest. Das gelte „insbesondere für den Sozial- und Gesundheitssektor“. Die Psychologie-Professorin Ayan leitet das Projekt Berufsintegrierte Studiengänge zur Weiterqualifizierung im Sozial- und Gesundheitswesen, das vom Bundesforschungsministerium finanziert wird.

In einer ersten Befragung kamen 30 Migranten zu Wort, die überwiegend aus dem Nahen Osten und Osteuropa stammten. „Unter den Befragten hatten wir Pädagogen, die sich mit Gelegenheitsarbeiten oder Nachhilfe den Lebensunterhalt sichern. Es gab auch zwei arbeitslose Psychologinnen“, berichtet Eva Müller, die sich in der Initiative „Kulturwechsel“ für eine neue Führungskultur engagiert.

Eine „Lose-Lose-Situation“

Das Stichwort lautet „Dequalifikation“: Zum Beispiel arbeiten häufig erfahrene Krankenschwestern als Pflegehelferinnen, oder Lehrer erhalten einen Job als Erzieher. Eine „Lose-Lose-Situation“ nennen das Bettina Englmann und Martina Müller in ihrem Buch „Brain Waste“. Denn: Die Migranten verlieren ihre berufliche Qualifikation – und sowohl das Aufnahme- wie das Herkunftsland kann dieses geschwundene Humankapital nicht mehr nutzen.

Diese Verluste an Wissen und Kompetenz kann sich auf Dauer niemand leisten – ganz besonders keine Gesellschaft, die auf große Klippen am Arbeitsmarkt zusteuert, weil der demografische Wandel immer deutlicher zu spüren ist. Das hat auch Bundespräsident Joachim Gauck erkannt, der „offene Tore für Zuwanderer“ forderte, als er im Januar 2013 die Bundesagentur für Arbeit besuchte. Gauck machte sich in Nürnberg stark für eine „Willkommenskultur“ gegenüber Migranten.

Willkommenskultur? - Die brenzlige Situation am Arbeitsmarkt hat inzwischen auch die Politik aufgeschreckt: Am 1. April 2012 trat das Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) in Kraft. „Durch dieses Gesetz darf beispielsweise ein hochqualifizierter Arzt aus dem Ausland endlich auch als Arzt arbeiten - und muss nicht mehr länger Taxi fahren“, sagte die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan. „Für mich ist das eine Frage der Gerechtigkeit und des Respekts vor der Qualifikation eines Menschen". Ihr Ministerium schätzt: Bis zu 300.000 Menschen könnten vom BQFG profitieren.

Und der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Friedrich Huber Esser, freute sich: „Der Elektriker aus Tadschikistan und die Krankenschwester aus Chile können endlich ihr volles berufliches Potenzial in Deutschland einbringen.“ Doch nach Presseberichten klafft noch ein große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Zwischen April und Oktober 2012 gab es 1500 Anträge für Industrie- und Handwerksberufe, nur in 270 Fällen haben die Behörden die ausländische Qualifikation akzeptiert (18 Prozent).

„Angst vor Qualitätsverlusten“

Warum ist es für Zuwanderer so schwer, ihre Qualifikation anerkannt zu bekommen? „Das BQFG sichert Migranten nur das Recht zu, ihre Qualifikation prüfen zu lassen“, sagt Wissenschaftlerin Eva Müller. Der Weg zur Anerkennung bleibe schwierig, zumal das neue Gesetz auf Bundesebene gilt. Gerade die sozialen und medizinischen Berufe würden durch Landesrecht geregelt – und da gibt es bisher nur in Hamburg und im Saarland entsprechende Anerkennungsgesetze. Hinzu kommt: „Wir haben in Deutschland eine große Angst vor Qualitätsverlusten“, so Müller, „weshalb wir uns sehr an formalen Kriterien orientieren, wenn es um diese Form der Anerkennung geht.“

Das bedeutet: Das duale Ausbildungssystem in Deutschland sieht vor, dass ein Prüfling sowohl theoretische wie praktische Kenntnisse bei einem Berufsabschluss nachweist. Wer aber aus dem Ausland kommt, hat in der Regel ein anderes Bildungssystem durchlaufen, das nicht dual aufgebaut ist. Er kann zwar über eine gute theoretische Ausbildung verfügen und viele Jahre in seinem Beruf gearbeitet haben. „Aber diese Berufserfahrung ist kein formales Wissen und wird daher häufig nicht anerkannt“, erklärt Müller. So waren in der Pilotstudie nur 6 von 30 Befragten erfolgreich - und erhielten eine volle Anerkennung ihrer Qualifikation, was einer mageren Quote von 24 Prozent entspricht.

Respekt vor alten Menschen

Laut BQFG wird jetzt geprüft, ob eine „Gleichwertigkeit“ zwischen dem ausländischen Berufsabschluss und einem deutschen Referenzberuf besteht – völlig unabhängig vom Herkunftsland. Die Hürde: Es dürfen keine „wesentlichen Unterschiede“ zu finden sein (§ 4, Abs. 2, BQFG). Wichtig sind auch so genannte „Ausgleichsmaßnahmen“ (§ 11 BQFG): Der Gesetzgeber versteht darunter einen „höchstens dreijährigen Anpassungslehrgang“ oder das „Ablegen einer Eignungsprüfung“. Dabei ist zu berücksichtigen, welche Berufserfahrung die Migranten mitbringen.

Messlatte ist das deutsche Ausbildungssystem, doch „viele Migranten bringen Kompetenzen mit, die deutsche Arbeitnehmer nicht unbedingt haben“, so Müller. Zum Beispiel gäbe es in anderen Kulturen einen sehr ausgeprägten Respekt vor alten Menschen, was entscheidend für eine hohe Qualität der Altenpflege ist. In solchen Fällen sollte nicht allein die deutsche Perspektive zählen.

Das hat die BA ebenfalls eingesehen: Sie fordert zur „Trendumkehr“ am Arbeitsmarkt einen „breiten Ansatz, der viele Hebel nutzt, Denkgewohnheiten aufbricht und Positionen hinterfragt.“ Die Behörde hofft, 400.000 bis 800.000 zusätzliche Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen zu können, „sofern die Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland durch die Etablierung einer umfassenden Willkommenskultur erhöht wird.“

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