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Verkehr: Der Pflug schwimmt durch die Straßen

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Bei Schneehöhen von etwa zehn Zentimetern ist es besonders wichtig, die Straße vor dem Streuen erst einmal freizuschieben. Salz alleine schafft solche Schneemengen nicht mehr. Foto: Hustedt
Unsere Reporterin Christina Hustedt hat die Männer des Winterdienstes der Stadt Kerpen eine Nacht lang begleitet. Gegen 4.30 Uhr waren alle Fahrzeuge auf Kerpens Straßen im Einsatz, und unsere Reporterin spürt, wie hart der Beruf ist.  Von
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Nur schemenhaft zeichnen sich Häuser und Straßenzüge in der nächtlichen Winterlandschaft ab, feine Schneeflocken knistern, vom frischen Wind getrieben, beim Auftreffen auf Büsche und Bäume. Es ist Mittwoch, 3.30 Uhr, und eigentlich weder Zeit noch Wetter, um sich vor die Tür zu wagen. Doch Erwin Giesen muss raus. Der Winterdienst-Einsatzleiter der Stadt Kerpen hat Rufbereitschaft. Das bedeutet, er hat bei winterlichen Wetterverhältnissen die Straßen zu kontrollieren, ob der Einsatz seiner Kollegen mit Räum- und Streufahrzeugen nötig ist. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat ihn und seine Kollegen begleitet.

In dieser Nacht stellt sich diese Frage nicht. Seit Dienstagnachmittag hat es geschneit, und die Schneedecke ist auf stattliche zehn Zentimeter angewachsen. Das bedeutet voller Einsatz für die Kollegen. „Das war gestern Abend schon abzusehen, deshalb fahre ich jetzt direkt zum Baubetriebshof“, erklärt Erwin Giesen. Bei weniger eindeutigen Wetterlagen fährt der Einsatzleiter zunächst bestimmte Punkte wie den Bahnhof in Horrem an, um zu sehen, ob und in welchem Umfang ein Wintereinsatz nötig ist.

Gegen 3.40 Uhr klingeln bei den ersten Mitarbeitern die Telefone: „Guten Morgen, Winterdienst“, heißt es knapp, dann wählt Giesen die Nummer des Nächsten auf der Liste. Die Einsatzpläne sind genau ausgearbeitet, um einen ständigen Wechsel der Kräfte zu gewährleisten. Vorschriften zu Arbeitsschutz und -zeiten erlauben auch im Winterdienst kein Arbeiten „rund um die Uhr“. Wer nachts um 3.30 Uhr beginnt, macht mittags Feierabend. Den Streudienst bis in den Abend hinein übernimmt dann die „normale“ Tagesschicht.

„Nach 20.30 Uhr fährt kein städtischer Winterdienst mehr. Das ist von uns nicht zu leisten“, betont Giesen. Anders sei es bei den Straßenmeistereien, die beispielsweise für die Autobahnen zuständig seien, die hätten einen 24-Stunden-Schichtbetrieb.

Grundsätzlich sind die Zuständigkeiten wie bei der Unterhaltung auch bei der Räumung der Straßen ein wichtiges Thema. Den Winterdienst auf Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen organisiert der Landesbetrieb Straßenbau, die Kommunen sind lediglich für städtische Straßen und Wege verantwortlich. So kann es passieren, dass eine „relativ kleine“ Straße in Horrem bereits geräumt ist, während die Autos auf der Hauptstraße noch auf Schnee schlittern, weil der Landesbetrieb dort noch nicht angekommen ist.

„Das verstehen viele Leute nicht, aber so ist das eben in Zeiten des Sparzwangs“, sagt Erwin Giesen. Das Geld für den Winterdienst aus dem Gebührentopf ist begrenzt. Zwar gebe es immer wieder einmal Ideen, die Zuständigkeiten aufzuheben und im Winterdienst nach Bereichen zu arbeiten, aber das sei politisch nicht gewollt und auch finanziell schwierig darzustellen.

Um kurz nach 4 Uhr betreten die ersten Mitarbeiter des Bauhofes die Halle, in der ihr Einsatzleiter bereits an einem Tisch sitzt, um die Streupläne zu verteilen. Jeweils zwei Kollegen werden auf die acht Fahrzeuge der Stadt verteilt. Wenn der Winterdienst mit Schneepflügen unterwegs ist, sind zwei Fahrer vorgeschrieben, da die ausladenden Lkw und Traktoren dann nicht ohne Einweiser rückwärts-setzten dürfen.

Insgesamt verfügt Kerpen über acht Fahrzeuge für den Winterdienst: zwei große Lkw, einen Traktor, einen kleineren Lkw für Nebenstraßen und vier kleine Schlepper für Nebenstraßen, Kreuzungsbereiche oder auch Parkplätze. Nach und nach rücken alle 20 Mitarbeiter der Bereitschaft voll beladen mit Spezialsalz aus. Der Bauhof verfügt seit dem harten Winter vor drei Jahren über eine eigene Halle mit einem Fassungsvermögen von 700 Tonnen Salz.

Eines der großen Räumfahrzeuge steuert Matthias Fuß, langjähriger Mitarbeiter des Bauhofes. Sobald er vom Gelände rechts auf die Kerpener Straße abgebogen ist, senkt sich der Schneepflug auf Knopfdruck und unter leichtem Rumpeln auf die Schneedecke. „Der Pflug ist schwimmend eingestellt, er passt sich also der Straße an“, erklärt Matthias Fuß. Schneehöhen ab einem bis zu zwei Zentimetern werden so an den Fahrbahnrand geschoben. Den Rest erledigt das Streusalz, das im hinteren Teil des Lkw, auf die Wetterlage genau eingestellt, Taumittel auf der Fahrspur verstreut. Im besten Falle ist nach dieser „Behandlung“ der schwarze Asphalt wieder sichtbar und die Straße gut befahrbar.

„Die Straßen werden nach Prioritäten aufgeteilt. Eins sind die Hauptstraßen, Bahnhöfe, Bushaltestellen, Fußgängerbrücken oder auch Kreuzungsbereiche. Danach kommen Nebenstrecken, Schulwege und die Außenbereiche von öffentlichen Gebäuden und so weiter.“ Vor allem die Fußwege, die per Hand geräumt und gestreut werden, brauchen Zeit. Mehr als 20 Leute hat Erwin Gisen pro Schicht nicht zur Verfügung, für alle Stadtteile Kerpens. Da kann es eben auch einmal länger dauern. „Ich kann die Kritik der Bürger verstehen, wenn ihre Straße noch nicht gleich morgens frei ist, aber wir tun, was wir können. Wir sind Dienstleister und wollen unsere Arbeit gut machen“, betont Giesen.

Gegen 4.30 Uhr sind alle Fahrzeuge auf Kerpens Straßen im Einsatz, und Erwin Giesen hat Zeit für seinen ersten Kaffee. In seinem Büro ist dann Ruhe für den „Papierkram“. Bis das Mobiltelefon das erste Mal klingelt. Meldung von einem Fahrer, alles laufe gut, keine Probleme. Das ist nicht immer so. Auch Räumfahrzeuge können sich festfahren, liegenbleiben oder im Stau stecken, dann muss der Einsatzleiter eine Lösung finden.

„Seit 20 Jahren bin ich schon im Winterdienst, da hat man einiges erlebt“, sagt Erwin Giesen. Der verwaltungstechnische Angestellte hat als Arbeiter auf dem Bauhof angefangen, sich fortgebildet und ist seit 15 Jahren Einsatzleiter im Winterdienst. Das ist aber nur eine seiner Aufgaben. Unter anderem kümmert er sich um Straßen, Wege und Außenanlagen der Schulen und öffentlichen Gebäude.

Und macht die Arbeit immer noch Spaß? Erwin Giesen überlegt: „Nicht immer. Früher war schon vieles einfacher, da war ich alleine verantwortlich für meinen Bereich. Heute mischen viele Leute mit, es gibt diverse Vorschriften, und dann ist da der Kostendruck.“ Meist mache er seine Arbeit aber immer noch gerne.

Und die umfasst auch das Kontrollieren der Arbeit seiner Kollegen. Um 6.30 Uhr, während die ersten Fahrzeuge zum Salz-Nachladen zurück auf den Bauhof kommen, fährt der Einsatzleiter mit seinem Pkw wieder los. „Am schlimmsten ist es, wenn es erst um 6 Uhr anfängt zu schneien, nach seiner Kontrollfahrt.“ Dann könne er den Winterdienst erst aktivieren, wenn der Berufsverkehr schon unterwegs ist. Dann kommen auch die Räumfahrzeuge nicht mehr durch.
An diesem Morgen aber ist Erwin Giesen zufrieden. Die meisten Straßen sind „ordentlich“ freigeräumt, die Fußwege am Horremer Bahnhof abgestreut, und kein Fahrzeug ist ausgefallen.

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