29.07.2016
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Kinderheime: „Mit der Zwangsjacke in die Wanne“

Heim St. Vinzenz

Monika Stey spielt Klavier und arbeitet in einer eigenen Fußpflege-Praxis.

Kerpen -

Unerbetenen Besuch erwarten die Schwestern des Ordens der „Armen Dienstmägde Jesu Christi“ wieder am Samstag, 30. August, 11 Uhr, vor den Toren ihres Mutterhauses in Dernbach bei Montabaur: Denn wie schon zweimal in diesem Jahr hat ein Heimkinderverband für diesen Tag eine Demonstration dort angekündigt, um gegen Verbrechen zu protestieren, die die Ordensschwestern in den verschiedenen Kinderheimen des Ordens in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts den dort untergebrachten Kindern angetan haben soll.

Auch Monika Stey will bei der Demonstration wieder dabei sein. Die 55-Jährige ist Mitglied im Vorstand des Heimkinderverbands und lebte von 1961 bis 1966 im St.-Vinzenz-Kinderheim in Kerpen. Das war neben einem gleichnamigen und nicht zu verwechselnden Kindergarten und anderen Einrichtungen in dem 1883 erbauten und um 1980 abgebrochenen Vinzenzhaus an der heutigen Stiftsstraße untergebracht. Dort wurden geistig behinderte Kinder betreut, so dass das Heim zeitweise auch „Blumenkinderverwahranstalt“ oder „Idiotenanstalt zu Kerpen“ genannt wurde.

Für Stey war der Aufenthalt ein regelrechtes Martyrium, wie sie berichtet. Schwerste Misshandlungen durch die Schwestern habe es häufig gegeben. „Ich war sehr lebendig und zappelig. Damit waren die Schwestern überfordert.“

1961 war das aus ärmlichen Verhältnissen stammende Mädchen mit acht Jahren von einem Arzt als „schwachsinnig“ eingestuft und aus ihrer Familie genommen worden - auch um sie vor dem gewalttätigen, unbeherrschten Vater zu schützen. Eine frühkindliche Hirnschädigung wurde festgestellt, das Mädchen wurde in das heimische Landeskrankenhaus Düren eingewiesen. Dort blieb es aber nur ein Monat. Weil Monika Stey als „bildungsfähig“ eingestuft wurde, kam sie ins Vinzenz-Kinderheim nach Kerpen.

Hyperaktiv, „Zappelphilippsyndrom“, ADS, Autismus - heutzutage gäbe es viele Diagnosen und Therapieansätze, mit denen man Kindern wie Monika Stey hätte helfen können. Damals jedoch seien ihr vornehmlich Psychopharmaka zur Ruhigstellung gereicht worden. Das Medikament aber habe wenig bewirkt. „Ich suchte die Liebe meiner Mutter und wollte nicht in das Heim.“ Mit dem „wibbeligen und frechen Mädchen“ seien die Schwestern nicht fertig geworden. „Die haben mich in eine Zwangsjacke gesteckt. Damit musste ich von morgens bis abends in einer Ecke stehen. Wenn ich weiter schrie, wurde mir noch ein Sack über den Kopf gestülpt und mit einer Kordel zugeschnürt, bis ich keine Luft mehr bekam und blau anlief.“ Nutzte auch das nichts, sei sie inklusive Zwangsjacke und Sack in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser gesteckt worden.

Nur eine Hand voll Schwestern habe es auf den beiden Stationen des Kinderheimes gegeben, auch an die Namen kann sie sich noch erinnern. Auf der Marienstation seien „die ganz Kleinen“, um die 20 Kinder bis zehn Jahren, untergebracht gewesen. Die Elisabethstation sei für Jugendliche reserviert gewesen. Nach dem Mittagessen musste mit dem Kopf auf den Tisch geschlafen werden: „Wer so zappelig war wie ich, hatte rasch einen Holzlatschen am Kopf. Das ging nicht immer ohne Blut ab.“ Auch Schläge mit einer Peitsche, einem eisernen Kochlöffel oder eine Rute habe es häufiger gegeben. „Und wenn ich ins Bett gemacht hatte, musste ich einen Nacht auf dem Boden, ohne Decke und Matratze, schlafen.“

Dabei sei nicht alles schlecht gewesen, räumt Monika Stey ein: „Wir haben Gedichte und Tänze gelernt“, erzählt sie und rezitiert gleich das Behaltene. Auch ein paar Tanzschritte von damals kann sie noch vorführen. „Einmal in der Woche konnten wir mit Legosteinen spielen.“ Spaziergänge an die Erft habe es auch gegeben.

Ende 1966 schließlich kamen die Schwestern mit der dann schon Zwölfjährigen gar nicht mehr zurecht: Als der Rohrstock wieder einmal auf ihrem Rücken auf- und niederging, habe sie einer Nonne kräftig in die Wade gebissen, erzählt Monika Stey. Wegen „aggressiver Verhaltensweise“ sei sie dann in die geschlossene Psychiatrie des Landeskrankenhauses Langenfeld überwiesen worden. Ein paar Jahre später kam sie wieder in die Klinik Düren. „Dort ging es langsam mit mir aufwärts, ich bin richtig gefördert worden.“ Sie holte den Hauptschulabschluss nach und legte schließlich eine Prüfung als Krankenpflegerin ab.

Heute lebt Monika Stey im bergischen Engelskirchen, arbeitet als Krankenpflegerin und als selbstständige Fußpflegerin. Ihr Leben ist selbstbestimmt, auch wenn sie wegen ihrer traumatischen Kindheitserlebnisse und „Hospitalisierungsschäden“ noch in Behandlung bei einem Psychiater ist. 1989 hatte ihr ein Amtsarzt des Arbeitsamtes bescheinigt, „nicht schwachsinnig“ zu sei. Frühere, „anders lautende Diagnosen“ seien falsch gewesen.

Wenige Jahre nach dem Auszug Monika Steys ist auch das St.-Vinzenz-Kinderheim geschlossen worden, die Nonnen zogen aus. Der gleichnamige Kindergarten wurde 1973 von der Kirchengemeinde übernommen und später in einem Neubau fortgeführt.

Philipp Hery, Geschäftsführer des Ordens der „Heiligen Dienstmägde Jesu Christi“ weist die von Monika Stey und anderen erhobenen Beschuldigungen zurück: „Wir haben alle konkreten Vorwürfe durch eine unabhängige Rechtsanwaltskanzlei untersuchen lassen. Gott sei Dank ist keiner dieser Vorwürfe wahr.“ Zwar seien die meisten Schwestern von damals schon verstorben. Doch es gebe noch unabhängige Zeugen und auch andere Heimkinder, die bestätigten, „dass dies nicht so gewesen sein kann“. Natürlich sei die Erziehung damals anders als heute gewesen. „Ein Klaps war schon mal drin. Es gab aber keine so brutalen Praktiken wie sie Frau Stey schildert.“

Leider sei es so, dass sich der Orden auch wegen anderer Kinderheime immer wieder den Attacken des Heimkinderverbandes ausgesetzt sehe, der von einer Frau Hermine Schneider angeführt werden. Mit ihr habe man sich auch schon gerichtlich wegen Entschädigungsforderungen auseinander gesetzt. „Der Hermine Schneider geht es nur ums Geld.“ Dabei habe das Gericht festgestellt, dass es sich bei den Vorwürfen um ein „Falls-Memory-Syndrom“ handele - also eine Art falsche Erinnerung: „Die haben sich über die Jahre etwas zusammenkonstruiert, an das sie selber glauben, das aber objektiv anders war.“

Was nun wirklich wahr oder falsch ist, könnten vielleicht Historiker herausfinden: So hat die Deutsche Bischofskonferenz angesichts der schon seit Jahren laufenden Diskussion für die früheren konfessionellen Kinderheime ein Studie darüber in Auftrag gegeben. Und auch der Landesverband Rheinland (LVR) hat drei Wissenschaftler damit beauftragt, die Geschichte der eigenen Heime zu untersuchen. Unter 0221 / 809-4001 wurde sogar eine Hotline eingerichtet, wo sich Betroffene melden können. Circa 90 sollen schon angerufen haben.

 www.imheim.de

 www.hermine-schneider.de

 www.heimkinderverband.de

 www.dernbacher.de


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