27.08.2016
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Kinderrechtebericht: Gerührter Quark aus Genf

Kardinäle auf dem Petersplatz in Rom

Kardinäle auf dem Petersplatz in Rom

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dpa

Pater Mertes, gehen Sie mit der Kritik der UN an der katholischen Kirche konform?

KLAUS MERTES: Nicht jede Kritik ist sachlich und sachdienlich. Zum Beispiel kann ich nur den Kopf schütteln, wenn der UN-Bericht immer noch auf einer zwingenden Meldepflicht von Missbrauchsfällen an die staatliche Justiz herumreitet. Darüber sind wir in der Diskussion längst hinweg. Gerade die Opferschutzverbände warnen vor solch einem Automatismus.

Warum?

MERTES: Man kann nicht an den Opfern und ihren Wünschen vorbei melden. Für einen staatlichen Ermittler steht an erster Stelle die Unschuldsvermutung zugunsten eines mutmaßlichen Täters. Das heißt, er muss die Angaben der Opfer zunächst einmal bezweifeln. Dann kommt die ganze Maschinerie mit Befragungen, Glaubwürdigkeitsgutachten et cetera in Gang. Davor haben viele Opfer Angst. Aber das sieht der UN-Bericht in seiner Naivität nicht.

Naivität?

MERTES: Da ist von einer zentralen Hotline im Vatikan für Missbrauchsopfer aus aller Welt die Rede. Ich weiß nicht, wie die Leute in Genf sich das vorstellen. Als ob das Problem gelöst würde, wenn die Zentrale es an sich zieht. Zentralisierung ist Teil des Problems. Aber die UN haben da die gleiche Wasserkopf-Denke wie der Vatikan selbst. Und wenn dann noch Themen wie Abtreibung oder Homosexualität in den Bericht einfließen, kommt endgültig gerührter Quark heraus.

Warum? Sie haben doch selbst immer moniert, der kirchliche Umgang mit Homosexualität begünstige und fördere strukturell das Vertuschen und Verschweigen von Missbrauch.

MERTES: Das stimmt. Aber das muss man dann schon differenzierter entwickeln als die UN. Beim Thema Homosexualität geht es zunächst einmal um ein Menschenrechts-Thema, und in zweiter Linie dann auch um die Frage, wie der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema Homosexualität Gewalt in der Kirche begünstigt. Statt solcher Unterscheidungen mixt der Bericht alles zusammen, was an Vorbehalten gegenüber der katholischen Kirche herumwabert. Dabei sind die UN selbst weder interesselos noch ideologiefrei.

Also ist Rom mit Recht verschnupft?

MERTES: Ich warne davor, auf beleidigte Leberwurst oder verfolgte Unschuld zu machen. Schließlich enthält der Bericht immer noch genügend berechtigte Kritik. Das Grundproblem ist und bleibt die Aufklärung – nicht nur der Einzelfälle, sondern auch der Strukturbedingungen, die Missbrauch ermöglichen und fördern.

Aufklärung funktioniert nicht, wenn sie nach oben verlagert wird, sagen Sie. Aber der Vatikan ist ja „oben“.

MERTES: Stimmt. Aufklärung funktioniert nur, wenn sie nach außen verlagert wird. Das gilt auch für den Vatikan: Er muss sich in den fraglichen Fällen einer externen Prüfung stellen, also unabhängigen Ermittlern und Gutachtern. Und es muss endlich disziplinarische Konsequenzen für Kirchenmänner geben, die vertuscht haben.

Woran denken Sie?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und vernebelt hat, mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war. Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein?

Wo sehen Sie den Vatikan auf einer Wir-haben-verstanden-Skala von eins bis zehn?

MERTES: Den Vatikan als Institution? Nicht sehr weit, bei zwei bis drei vielleicht. Sicher, Papst Benedikt XVI. hat schon mehr verstanden als sein Vorgänger. Und eine der besten Veranstaltungen fand 2011 im Vatikan statt, als Bischöfe sich hinsetzen, die Geschichten von Opfern anhören mussten und nicht vor ihnen davonlaufen konnten. So etwas sollte regelmäßig passieren. Die Teilnehmer haben anschließend gesagt: „Wir dachten immer, das sei alles antikirchliche Propaganda. Jetzt merken wir, das sind ja wahre Geschichten!“ So eine Erfahrung verändert Menschen mehr als ein Haufen Papier mit vielen Spiegelstrichen.

Das Gespräch führte Joachim Frank


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