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Köln-Barometer: „Köln erstickt kreative Freiräume“

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KHD-Gelände Köln-Mülheim
Das ehemalige KHD-Gelände in Mülheim: Auf den Flächen, die teilweise brachliegen, arbeiten Künstler und Kulturschaffende. (Bild:Worring)
Köln

Im ehemaligen Ehrenfelder 4711-Haus ist ein Kreativzentrum entstanden. Dort haben sich Firmen und Initiativen vernetzt. Was kann man an ihrem Beispiel lernen?

TOBIAS THOMAS: Das Zusammenführen von Firmen und Aktivitäten auf überschaubaren Raum - also das Netzwerken - ist heutzutage sehr wichtig. Das Internet kann den direkten Austausch nicht ersetzen. Ein Cluster von verschiedenen Firmen, von Wissen und Kompetenz schafft Arbeitsplätze und bringt die Stadt voran. Bei uns sind auf 3000 Quadratmetern etwa 70 Firmen vernetzt.

Was bedeutet das für die Standortpolitik einer Stadt?

THOMAS: Sie sollte Orte für die Kultur und Kreativwirtschaft bereitstellen und die Vernetzung der Kreativwirtschaft kontinuierlich unterstützen. Dass das leider nicht selbstverständlich ist, kann man an dem Branchentreff C 'n' B sehen, den wir zur c/o-Pop organisieren. Wir sind mit dieser Veranstaltung in den letzten sieben Jahren schon viermal umgezogen, weil es zu wenig geeignete Räume gibt. Das sind keine guten Voraussetzungen, um etwas von internationalem Maßstab auf die Beine zu stellen, da uns die Planungssicherheit fehlt.

Mit dem Staatenhaus am Tanzbrunnen schien längerfristig eine Heimat gefunden. Das soll jetzt der der neue Musical-Standort werden.

THOMAS: Wirtschaftlich ist es gar nicht so verkehrt, da eine dauerhafte Nutzung reinzukriegen. Ärgerlich ist es aber dennoch, da vor zwei Jahren etwas anderes in Aussicht gestellt wurde. Wir haben uns genau wie andere auf diese Zusagen verlassen. Wenn wir jedes Mal neu anfangen müssen, kostet das viel Geld und Zeit, und die Qualität leidet darunter. Durch unsere grundsätzlich gute Zusammenarbeit mit der Stadt und den Gesprächen, die wir geführt haben, gehen wir aber davon aus, dass die Wirtschaftsdezernentin für die betroffenen Veranstaltungen eine Lösung findet.

Wie wichtig ist die Umgebung für das, was Sie machen? Ist es Zufall, dass Sie in Ehrenfeld arbeiten?

THOMAS: Es ist für uns wahnsinnig wichtig, in einem lebendigen Stadtteil zu arbeiten. Die Millionenstadt Köln hat im Gegensatz zu Hamburg oder Berlin nicht so viele interessante Viertel, die mehr als nur gute Wohn- und Einkaufsqualität bieten. Das Belgische Viertel oder Ehrenfeld sind solche Ausnahmen. Irgendwann wird man vielleicht auch das Agnesviertel oder den Bereich um den Ebertplatz dazu zählen. Etwas Ähnliches entwickelt sich vielleicht auch auf der rechten Rheinseite in Mülheim, Deutz oder Kalk.

Wird Kalk zum neuen Hotspot?

THOMAS: Ich habe davon gehört. Ich bekomme immer öfter Einladungen zu Veranstaltungen, die in Kalk, Deutz oder Mülheim stattfinden. Ich habe schon das Gefühl, dass da Leute bewusst hingezogen sind und nun etwas Neues aufbauen wollen. Das finde ich toll. Es kann an zwei Dingen scheitern: Zum einen sind die Kölner nicht besonders mobil. Zum anderen muss sich die alteingesessene Nachbarschaft darauf einlassen.

Wenn ein Viertel "in" ist, lockt es neue Bewohner und Investoren. Besteht die Gefahr, dass wieder kaputtgeht, was diese Viertel ausmacht?

THOMAS: Köln ist relativ resistent gegen solche Verdrängungsmechanismen. Die Stadt ist immer noch sehr bodenständig. Das verhindert, dass Entwicklungen eintreten wie zum Beispiel in Berlin-Mitte. Gefährlich wird es, wenn die Stadt oder ein Investor massiv Raum zerstört. Einkaufszentren, Arkaden, Bürobauten oder auch der Wohnungsbau, der jetzt am Grünen Weg geplant ist, macht sowohl die alteingesessene wie auch die neue Veedelskultur kaputt. Am Grünen Weg hätte sich die Stadt schützend vor das dort entstandene Kulturviertel stellen können. Jetzt ist es leider futsch.

Auch in Köln gibt es noch Brachflächen und alte Industrie-Areale, aus denen man zumindest zeitweise etwas machen könnte. Was muss geschehen, um da Leben hineinzubekommen?

THOMAS: Man muss nur mit den richtigen Leuten sprechen, um zu erkennen, was man aus den vielen wunderschönen Gebäuden, die überall vor sich hin schlummern, alles machen könnte. Da könnten Ateliers und Proberäume rein. Das sind Orte für Kreativität, die den Standort aufwerten. Das Thema Zwischennutzung ist ein so düsteres Kapitel in Köln. Überall steht was leer, und keiner kann rein, um etwas Sinnvolles zu machen. Das ist ein Grund, warum Initiativen wie einst die Mode-Messe "Bread & Butter" nach Berlin gegangen sind.

In Kalk haben junge Leute ein leerstehendes Gebäude besetzt und ein Autonomes Zentrum eröffnet. Muss eine Stadt so etwas hinnehmen?

THOMAS: Ich weiß zu wenig über das, was da entstanden ist und passiert. Grundsätzlich denke ich aber: Cool, macht mal, so was muss es auch geben. In einer Stadt, die so geizig mit ihren Orten ist, keine Zwischennutzungen zulässt und alles bürokratisiert, suchen Leute auch schon mal nach eigenen Wegen. Mit dem guten alten Konzept der Hausbesetzung kann man einige mal wieder aufwecken.

Nicht nur in der Kreativwirtschaft beklagen Unternehmer, dass zwei Welten aufeinanderprallen, wenn sie auf die Stadtverwaltung treffen. Es fehle an Fantasie und Risikobereitschaft. Was müsste eine öffentliche Verwaltung tun?

THOMAS: Umdenken. Vielleicht muss sich an einigen Stellen auch mal das Personal erneuern. Wenn sich an den Verwaltungsstrukturen und bei dem Personal, das sie vertritt, nichts ändert, wird man weiter auf Granit beißen. Und: Es müsste ein Vision davon geben, wohin man will. Den Sonntagsreden über Kultur und Medien müssten mehr Taten folgen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Stadt im Dauerkonflikt zwischen dem Schutz des Einzelnen und einer Stadtentwicklung zum Wohle aller?

THOMAS: All diese furchtbaren Auflagen, die teilweise berechtigt sind, machen es uns schwer. Es müsste der Stadt darum gehen, Neues möglich zu machen. Kreativität braucht Freiräume. In Köln werden die immer wieder erstickt. Es ist ein Wunder, dass sich immer noch so viele Leute engagieren.

Viele Kulturschaffende und Initiativen klagen über Bürokratie, Bauvorschriften oder die Folgen der Nichtraucherschutz-Verordnungen. Was ärgert Sie besonders?

THOMAS: Als Bürger empfinde ich es als beängstigend, wie sich das Ordnungsamt zu einer zweiten Polizei entwickelt hat, wobei ich klar sage: Mit der Polizei kommen alle besser zurecht. Da sind oft junge Leute im Dienst, die wissen, dass es Wichtigeres gibt, als bei einer Party für Ruhe zu sorgen. Bei den Mitarbeitern des Ordnungsamtes läuft das oft anders. Als städtische Behörde sollte sie eigentlich im Blick haben, was zum Wohl der Stadt und der Bürger passieren sollte. Stattdessen fahren die wie in Los Angeles in schwarzen Uniformen durch die Stadt und haben teilweise einen unglaublichen Ton am Leib. Die brüllen schon, bevor jemand "guten Abend" gesagt hat. So erstickt man urbane Kultur im Keim. Mit der Club- und Veranstalter-Initiative "Kölner Klubkomm", die wir 2010 mitbegründet haben, suchen wir das Gespräch, um klarzumachen, dass wir keine Verrückten sind, die nur nerven und Lärm machen. Wir wollen was für die Stadt tun.

Was halten Sie von den strengen Regeln, die in einer Stadt wie Köln auch am Wochenende um 22 Uhr die Nachtruhe durchsetzen sollen?

THOMAS: Es müsste mehr möglich sein, vor allem im Sommer. Man kennt nur Ausnahmen, wenn Karneval gefeiert wird oder die Bläck Fööss auf dem Roncalliplatz spielen. Da kann man mal 'ne halbe Stunde länger machen. Das ist doch idiotisch. Früher haben manche Parteien mal an diesen Dingen gerüttelt, aber das gibt es ja in der Form nicht mehr. Ich glaube, dass die meisten Bürger mehr nächtliche Kultur begrüßen würden. Ab und zu muss man kontrolliert die Schleusen öffnen.

Ist ein Interessenausgleich mit Nachbarn, die Ruhe fordern, überhaupt möglich?

THOMAS: Es geht um die grundsätzliche Entscheidung, in welcher Stadt man leben möchte. Die Dinge, worüber sich einige beschweren, sind auch Ausdruck für eine vitale Stadt und Errungenschaften einer offenen Gesellschaft. Die Stadt müsste sich auch mal schützend vor diejenigen stellen, die ein bisschen Lärm und Dreck machen. Das tut sie beim Karneval ja auch. Es geht um Dinge, die wichtig sind für Köln. Natürlich kann man sich auch anders entscheiden. Wenn man keine lebendige, kreative Stadt will, kann man alles runterfahren. Dann darf man sich aber auch nicht wundern, wenn die Leute abwandern.

Wie löst man ein Problem, wie es am Brüsseler Platz entstanden ist?

THOMAS: In Köln ist der öffentliche Raum rar, wo man gerne hingeht. Kein Liebespaar käme auf die Idee, sich auf dem Neumarkt zu treffen. Niemand möchte mit seinen Freunden auf dem Heumarkt abhängen. Oder der Rudolf- und der Friesenplatz - das sind gar keine Plätze. Treffpunkte gehören zur urbanen Kultur. Und so strömen alle zu diesem kleinen Plätzchen im Belgischen Viertel. Ich sage nicht, dass die Leute, die da bis zwei Uhr sitzen und ihre Bierflaschen in Blumenbeete schmeißen, recht haben. Aber ich kann das Bedürfnis, das dahintersteht, verstehen - genau wie die Sicht der Anwohner. Am Brüsseler Platz ist die Belastung so groß, weil es sich da ballt. Da hilft nur, neue Flächen und öffentliche Räume an anderen Stellen zu erschließen und attraktiv zu machen.

Das Gespräch führten Helmut Frangenberg und Kathrin Gemein

Zur Person

Tobias Thomas (41) ist Programmleiter der c/o pop. Außerdem bewegt er sich seit den 90er Jahren im Umfeld des Kölner Elektronik-Labels Kompakt und ist hier als DJ, Produzent und Party-Veranstalter tätig.

Das Festival "c/o pop" wurde nach dem Fortgang der Popkomm gegründet und findet seit 2004 statt - dieses Jahr vom 22. bis 26. Juni. Zu dem Musikfestival gehört die Messe "C'n'B - Creativity & Business Convention"; hier werden verschiedene Kreativwirtschaftsbranchen vernetzt. (kag)

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