Köln
Nachrichten aus Köln und den Stadtteilen

Vorlesen
7 Kommentare

„Ärztival“: Die Ärzte rocken ihr eigenes Festival

Erstellt
Schlagzeuger Bela B von der Band „Die Ärzte“ beim ersten „Ärztival“ in Köln  Foto: CHRISTOPH HENNES
Als ob es nicht schon genug wäre, sich selbst „die beste Band der Welt“ zu nennen, haben sich Die Ärzte jetzt kurzerhand auch noch ihr eigenes Festival geschaffen – das „Ärztival“. Am Samstag ging es in Köln los. Headliner war natürlich die Band selbst.  Von
Drucken per Mail
Köln

Block Ost ist verknallt. Nicht in Bela, Farin oder Rod. Sondern in Lea. Zumindest die Leute, die in der Peripherie des Becksstands stehen. Dort tobt die geschätzt Siebenjährige mit dem hüftlangen Flechtzopf nämlich oben auf der Theke und feiert seit gut zwei Stunden, als gäb's kein Morgen mehr. Jeansshorts und ein weißes Trägertop hat sie an und ist so ziemlich die einzige, die der Ärzte-Aufforderung vom Anfang nachkommt: „Jetzt lasst Ihr Eure Hände einfach mal eine ganze Stunde oben“, hatte Farin Urlaub den ungefähr 35 000 Leuten im nicht ganz gefüllten Rhein-Energie-Stadion nämlich aufgetragen.

Lea ist das erste Mal bei bei den Ärzten, brüllt ihre Mutter auf Nachfrage gegen den Stadion-Sound an. Und trotzdem: Lea ist vor allem das menschgewordene Symbol dafür, dass es funktioniert, was die Ärzte sich für dieses Jahr ausgedacht haben: Die Berliner Punks gehen mit ihrem eigenen vergnügten Open-Air-Festival auf Tour, zwölf Ärztivals in drei Monaten. Es geht unter anderem nach Berlin, nach Bremen, nach Gräfenhainichen, nach Bietigheim-Bissingen, und auch mal rüber nach Wien. Das Line-Up ist von Stadt zu Stadt verschieden, mit dabei haben die Ärzte schlicht ihre Lieblingsbands – und die machen die Sausen noch generationenübergreifender, als Ärztekonzerte ohnehin schon sind.  Als sich zum Beispiel 1976 die britischen Punks von The Damned zusammentaten, waren bestimmt die Eltern einiger Ärztivalbesucher á la Lea nicht mal geboren. Gleiches gilt für die U.K. Subs, die in diesem Jahr ihr 24. Album herausgebracht haben. Die Line-Ups gehen quer durchs familiäre Plattenregal, drei Bands laden die Ärzte bei den meisten der Abende ein: Mit dabei sind auch NOFX, die Donots, Kraftklub, Bonaparte und Pascow.

Sonne, Pizza und Gummibären

In Köln ist jedenfalls an diesem sonnig-wolkigen Samstag der Auftakt des Ganzen angesagt. Und logischerweise ist alles vorhanden, was es für ein Festival braucht, die Ärzte sind keine Anfänger. Wiesen in der Sonne, auf denen man auf den Einlass warten kann. Sämtliche Fressstände von Pizza Mario bis zum Haribowagen, ohne die ein Festival so wenig Festival wäre wie ein Freibad ohne Pommes mit Majo kein richtiges Freibad ist. Und was sonst noch so dazu gehört: Zu wenig Toiletten, Warteschlangen, viel Bier und gute Laune.

Bevor die Ärzte auf die Bühne kommen, sind jedenfalls die mitgebrachten Bands an der Reihe. Zum einen eben The Damned: Altbewährt und brachial, vor allem aber für diejenigen, die sich schon am frühen Abend vorne vor der Bühne eingefunden haben. Für den großen Rest, der sich noch bierschlürfenderweise auf der Rasenabdeckung im hinteren Teil ausstreckt, versuppt der Stadionsound hinter den Merchandise-Ständen und Biersonnenschirmen im Innenraum.

Farin Urlaub kündigt „Nackert“-Stars von LaBrassBanda an

Auch Triggerfinger haben die Ärzte eingeladen: Bekannt sind die Antwerpener seit vergangenem Jahr durch ihre akustische Version des Superohrwurms der Schwedin Lykke Li: I follow Rivers. Der Rest des Repertoires ist weniger ohrwurmig und hebt auch auf den Tribünen nur wenige von ihre Sitzen. Das ändert sich dann allerdings ziemlich schlagartig, als Farin Urlaub höchstpersönlich auf der Bühne erscheint, um seine Kumpels von LaBrassBanda anzukündigen. Die Band, mit der der Eurovision Song Contest vor einigen Wochen für Deutschland ganz sicher weniger blamabel geendet wäre, hätte man sie denn mitmachen lassen, liebt man entweder oder man hasst sie: Der Großteil der Ärztivalbesucher jeden Alters findet die bayerische Funk-Ska-Blaskapelle jedenfalls großartig, fängt an zu feiern – und ist dann bereit für die Chefs des Abends.

Gegen 21 Uhr lassen die ihren traditionellen Vorhang fallen. „Wie es geht“ macht den Anfang des ungefähr zweieinhalbstündigen Auftritts und jeder, der dort ist, freut sich, als wäre es sein erstes Ärztekonzert. Ist es natürlich für den ein oder anderen auch. Für Lea zum Beispiel und viele andere Kinder mit dicken Kopfhörern auf den Ohren, die am Montag in der Schule tierisch was zu erzählen haben. Aber mit Sicherheit auch wieder für einen großen Teil derer, die noch jung genug sind, um im Pogo direkt vor der Bühne zu neuen Stücken wie „Waldspaziergang mit Folgen“ ihre Schuhe zu verlieren.

Weiter hinten stehen dann die, die bei „Mach die Augen zu“ nostalgisch werden und im Kopf ihre Ärztekonzerte zählen. Der eine kommt nur auf acht, der andere auf über 20. Vielleicht ist auch der ein oder andere noch mal gekommen, um Abschied zu nehmen: Wie schon so oft zuvor hält sich hartnäckig das Gerücht, Farin Urlaub, Bela B. und Rodrigo González würden ihrer 31-jährigen Karriere nach dieser Wohlfühl-Tour ein endgültiges Ende setzen.

Dazu fällt natürlich auf der Bühne kein Wort. Stattdessen gibt’s Uli-Hoeneß-Witze und Bläck-Föss-Zitate. Das zuverlässig gute alte Zeug, von „Westerland“ bis „Zu spät“, neuere Hits wie „Ist das noch Punkrock?“ und diskutable Schlager wie „Lasse redn“.

Seitenhieb für Heino

Als gegen Ende dann „Junge“ fällig ist, schickt Farin eine Warnung voraus: „Das ist ein Lied, dass man nicht mit verdunkelten Brillengläsern singen sollte“. Ein Hieb gegen Heino, der das Stück jüngst gecovert und für volksmusikalisch befunden hatte.

Mehr dazu

Auch Lea bleibt da lieber bei den Ärzten: Bei „Junge“ setzt sie zum Stagedive an. Schwebt hoch über den Köpfen, lässt sich wegtragen von ihrem Aussichtspunkt, einmal um ihre Mutter herum und dann wieder zurück auf die Biertheke. Und der ganze Block Ost ist sich still einig: Das darf auf gar keinen Fall Leas letztes Ärztekonzert gewesen sein.

Auch interessant
KVB Fahrplan
Start
Ziel
Datum
Zeit
 
Blicke in die Zukunft Kölns
Serie
Visionen für Köln

Mit der Serie „Köln 2020“ wagt der „Kölner Stadt-Anzeiger“ einen Blick in die Zukunft der Stadt.

Videos
Unsere Sonderveröffentlichungen
FACEBOOK
Blog
Digitale Themen
Das Logo von Rheinklick

Mini-Coding-Schulungen, Analysen oder Veranstaltungen, hier geht es um Themen rund um die digitale (Kölner) Szene.

Weitere Serien
Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!