28.07.2016
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Bürgerticket: Ein Flatrate für Bus und Bahn

Ein Bürgerticket für alle könnte Bus- und Bahnfahren attraktiv machen.

Ein Bürgerticket für alle könnte Bus- und Bahnfahren attraktiv machen.

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Worring

Köln -

Ein "Bürgerticket für alle", eine Flatrate für Bus und Bahn, soll die Verkehrspolitik in deutschen Großstädten mit überlasteter Infrastruktur fit für die Zukunft machen. Das fordern Verkehrsexperten wie der Bonner Stadtplaner und emeritierte Professor für Angewandte Geografie, Raumentwicklung und Landesplanung, Heiner Monheim.

Die Idee, die dem Semesterticket für Studenten zugrunde liegt, würde dann für alle gelten: Jeder muss den gleichen Preis zahlen - egal, wo er wohnt und wie oft er Busse und Bahnen nutzt. Anlässe fürs Umdenken gibt es genug: Das Fundament der Finanzierung des Nahverkehrs in den deutschen Großstädten wackelt. Obwohl das Vorhandene saniert und ausgebaut werden müsste, werden Zuschüsse gekürzt. Gleichzeitig brechen die Gewinne der Energieunternehmen ein, mit denen vielerorts die Verluste der Nahverkehrsunternehmen ausgeglichen werden.

Geringere Ausschüttung durch Energie-Konzerne

Der Energiekonzern RWE hat seine Anteilseigener mit einer Halbierung der Dividende geschockt. Der Rheinisch-Bergische Kreis ist betroffen, auch Düsseldorf subventioniert seine Rheinbahn mit der RWE-Dividende. In Köln werden die KVB-Verluste mit den Gewinnen der Rhein-Energie ausgeglichen. 2012 waren es wieder über 81 Millionen Euro, die unter dem Dach der Stadtwerke von der einen Kasse in die andere geschoben werden konnten.

Dramatische Gewinneinbrüche wie bei RWE seien bei der Rhein-Energie in nächster Zeit nicht zu erwarten, sagt Aufsichtsratschef Martin Börschel, gleichzeitig Chef der SPD-Ratsfraktion. Mittelfristig stünden aber auch hier "die Energiegewinne unter Druck".

Muss der Nutzer von Bussen und Bahnen in Zukunft für alle Kosten selbst aufkommen? Wer die Tarifpolitik von Kommunen und Verkehrsunternehmen im Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) bewertet, könnte zu diesem Eindruck kommen. Der Preis für ein Einzelticket in Köln steuert ungebremst die Drei-Euro-Marke an. Bahnfahren ist teuer, und zum 1. Januar 2014 steigen fast alle Ticketpreise weiter. "Wir müssen möglichst nahe an der Kostendeckung sein", sagt VRS-Geschäftsführer Wilhelm Schmidt-Freitag. Gleichzeitig wisse man jedoch: Ohne Zuschüsse geht es nicht.

Andere Städte sind weiter

Würde man allein mit den Ticketeinnahmen den Nahverkehr bezahlen wollen, müssten im VRS die Preise um rund 35 Prozent angehoben werden. "Das würde die Zahl der Nutzer erheblich reduzieren", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Karsten Möring, der auch Vorsitzender der VRS-Verbandsversammlung ist. "Das Defizit pro Fahrgast wäre noch höher als heute. Und die Straßen wären verstopft, weil sie die zusätzlichen Autofahrten nicht verkraften könnten."

Diese Argumentation legt nahe weiterzudenken. Doch während in anderen Städten wie Hamburg, Tübingen oder Erfurt schon fleißig über ein Bürgerticket und den fahrscheinlosen Nahverkehr diskutiert wird, ist das Thema in Köln noch nicht richtig angekommen. Die großen Parteien stehen genau wie der VRS den Überlegungen eher skeptisch gegenüber und formulieren Bedenken. Börschel findet ein Bürgerticket sogar "ungerecht", die FDP argumentiert ähnlich.

Klare Befürworter sind die Linke und die kleine Piraten-Partei, die aus dem Bürgerticket ein Top-Thema für den anstehenden Kommunalwahlkampf machen will. Weil der Nahverkehr schon heute in so starkem Maße subventioniert werde, unterscheide sich das neue Modell viel weniger von der derzeitigen Finanzierung, als es scheint, sagen die Befürworter. In Köln wie in anderen Kommunen zahlten längst alle für das Nahverkehrsangebot mit - egal, ob sie es nutzen oder nicht.

Mittel gegen die "Riesenverkehrsprobleme"

Die Kosten für ein Bürgerticket, die jeder zu tragen hätte, hängen davon ab, ob die heutigen Quersubventionierungen weiterlaufen oder nicht. In Hamburg würde ein solches Ticket für alle 14 Euro kosten, in Tübingen, wo die Überlegungen sehr weit sind, zwölf Euro, rechnet der langjährige Leiter der Abteilung Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, Axel Friedrich, vor. Eine kleine, dann eine große Kommune sollten anfangen, um zu zeigen, dass es funktionieren kann. Irgendwann könnte es die "Bahncard 100 für alle und für ganz Deutschland geben", sagt Heiner Monheim. Die Perspektive soll "ganz Europa" sein.

Monheim ist davon überzeugt, dass das Bürgerticket ein erfolgreiches Mittel gegen die "Riesenverkehrsprobleme" der Großstädte ist. Die Infrastruktur, vor allem die für den Individualverkehr, ist an ihren Kapazitätsgrenzen angekommen. Hinzu kommen die Anforderungen, die Klimaschutzziele stellen. Der Bonner Experte glaubt, dass man mit dem Bürgerticket in Kombination mit einer "intelligenten, differenzierten Pkw-Maut" alle Verkehrsprobleme lösen kann. Voraussetzung sei, dass gleichzeitig das Nahverkehrsangebot ausgebaut werden muss.

"Wenn alle jederzeit fahren könnten, kollabiert das System", sagt VRS-Chef Schmidt-Freitag. In den vergangenen 20 Jahren sei zu wenig in die Steigerung der Leistungsfähigkeit des Nahverkehrs investiert worden. Das müsse nun erst einmal mühsam nachgeholt werden. "Natürlich wollen wir mehr Fahrgäste, aber zurzeit können wir nicht viel mehr." Für Monheim ist das eine Ausrede. Er hält die meisten deutschen Verkehrsunternehmen für wenig beweglich und fahrgastunfreundlich. Sie seien Bremser von Innovation. "Die Zeit ist reif für einen neuen Ansatz. Die Diskussion muss beginnen."