28.05.2016
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Herkulesstraße in Köln-Ehrenfeld: Flüchtlingsheim dient als Unterschlupf für Intensivtäter

Vor zwei Wochen kontrollierte die Polizei mit einem Großaufgebot die Bewohner der Notunterkunft.

Vor zwei Wochen kontrollierte die Polizei mit einem Großaufgebot die Bewohner der Notunterkunft.

Foto:

Arton Krasniqi

Köln -

Straftäter nutzen das Flüchtlingsheim an der Neuehrenfelder Herkulesstraße offenbar bereits seit vielen Monaten als Operationsbasis und Unterschlupf. Das geht aus einem Bericht von NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zur Razzia am 6. November hervor, der dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegt.

Demnach hat die Polizei seit Jahresbeginn im Schnitt jeden dritten Tag einen Einsatz in der Notunterkunft – häufig werden die Beamten von unbescholtenen Bewohnern alarmiert, die sich von den Straftätern bedroht fühlen. Das ehemalige Straßenverkehrsamt stuft die Polizei inzwischen als „gefährlichen Ort“ ein. Das heißt: Dort dürfen die Beamten Personen ohne konkreten Tatverdacht jederzeit überprüfen.

Mehr Bewohner als bisher bekannt

Die Stadt hatte bislang stets darauf verwiesen, dass ihr keine Probleme in dem Heim bekannt seien und auch aus der Nachbarschaft keine Klagen kämen. Nachfragen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ bei der Stadtverwaltung blieben gestern unbeantwortet. Ein Sprecher kündigte eine Stellungnahme für Donnerstag an.

In dem Gebäude und in den Containern auf dem Parkplatz leben zudem wohl deutlich mehr Menschen als bislang von der Stadt kommuniziert. Das Innenministerium spricht von 687 Personen, die laut einer Belegliste des Wachdienst es „Adlerwache“ in den 170 Zimmern wohnen. Die Stadt hatte bis zuletzt angegeben, in der Herkulesstraße zwischen 550 und 600 Menschen untergebracht zu haben.

Nach Angaben der Verwaltung gibt es bislang keine geregelten Zugangskontrollen, es erfolgt lediglich eine „Sichtkontrolle“ durch die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Ungebetene Besucher fallen dabei offenbar häufig nicht auf. Während der Razzia vor zwei Wochen beispielsweise hielten sich auf dem Gelände allein 50 polizeibekannte Taschen- und Ladendiebe auf, obwohl sie dort nicht wohnen. Insgesamt hat die Polizei in diesem Jahr laut Jägers Bericht 159 Straftäter ermittelt, die im Heim in der Herkulesstraße untergeschlüpft waren oder sind – oder zumindest in ihrer Vernehmung angegeben haben, dort zu wohnen.

Rückzugsort für Intensivtäter

Die allermeisten der Beschuldigten seien keine Flüchtlinge, sondern Intensivtäter, die das Heim als „Rückzugsort“ nutzen, sagt die Polizei. Was das konkret bedeutet, schildert ein Beamter so: „Wir haben es mit Kriminellen zu tun, die durch ganz Europa reisen.“ Viele hätten familiäre Verbindungen zu Bewohnern von Flüchtlingsheimen. „Die Täter rufen ihre Verwandten an, fragen, ob sie ein, zwei Nächte bleiben können und nutzen ihren Aufenthalt für Beutezüge“, sagt der Polizist. Dann setzten sie sich in die nächste Stadt ab, zu anderen Onkels, Tanten oder Cousins. „Die sind oft ahnungslos, wissen gar nicht, dass sie Straftäter beherbergen.“

421 Taten ordnet die Kripo den 159 Verdächtigen aus der Herkulesstraße zu – überwiegend Diebstähle, aber auch Körperverletzungen, Raubüberfälle und Verstöße gegen das Rauschgiftgesetz. Wie zu erfahren war, stieg in den vergangenen Monaten auch die Zahl der Diebstähle in der Nähe der Herkulesstraße, vor allem auf der Venloer Straße. Die Masche der Täter ist immer gleich: Besonders in Super- und Drogeriemärkten lenkt einer einen Kunden ab, ein Komplize stiehlt Wertsachen aus Manteltasche, Rollator oder Kinderwagen. Daneben häuften sich Ladendiebstähle. Und auch so genannte „Antänzer“, die mit gespielt guter Laune Handys in Kneipenvierteln rauben, suchen in der Herkulesstraße erwiesenermaßen immer wieder Unterschlupf.