30.06.2016
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Mein Veedel mit Anton Claaßen: Auf dem Kiez von Köln

Anton Claaßen, Langer Tünn genannt, war in den 60er, 70er und 80er Jahren eine Größe im Kölner Milieu – als Türsteher, Zuhälter und Zocker.

Anton Claaßen, Langer Tünn genannt, war in den 60er, 70er und 80er Jahren eine Größe im Kölner Milieu – als Türsteher, Zuhälter und Zocker.

Innenstadt -

Anton Claaßen kommt mit dem Rad zum Residenz-Kino am Ring. „Ich bin e bessche poliert“, sagt er und streicht über den Sattel. „Nit mieh esu frisch wie fröher.“ Früher war sein Fahrrad ein Porsche, den ersten hatte er, da musste er sich noch kaum rasieren, zwischendurch war er „ein paar Millionen frisch“, sagt er lachend.

Heute ist Anton Claaßen, kölnweit bekannt als Langer Tünn, für jeden gern der Toni, 67 Jahre, jugendlich. Sieht nicht mehr aus wie ein Modellathlet, aber immer noch sportlich, „ich trainiere wieder vier Mal die Woche“, sagt er, „nur im Moment nicht, habe Rücken, Bandscheibe“. Claaßen trägt Jogginghose, Adidas-T-Shirt, einen Plastikbeutel in der Pranke und ein stetes Strahlen im Gesicht. Er mag blank sein und nicht mehr frisch; wer sich die pelzbemantelten Milieukönige von einst heute als abgehalfterte Figuren vorstellt, liegt beim Langen Tünn falsch. Manche sahen ja damals aus wie ein Obdachloser im geliehenen Maßanzug, er war immer eleganter, hat nie getrunken oder Drogen eingesogen. Er hatte Charme und konnte reden. So was verlernt man nicht.

Jetzt verdient er also bei Stadtführungen ein paar Euro mit seiner Schnüss und seinen Geschichten, um sie dann wieder in ein paar Spielchen zu investieren. „Ich habe mein Leben lang nur verloren“, sagt er. „Millionen.“ Trotzdem nimmt er das Leben weiter konsequent als Spiel.

Kriminellste Stadt der Republik

Die Leute, die ihm auf den Führungen zuhören, Beamte, Ärzte, Lehrer, „sind eher stocksolide“, sagt er, „aber die sind früher auch solide in die Clubs gekommen“. Claaßen läuft mit ihnen also über Ringe und Friesenstraße, auf den Partymeilen der Massen, die einst das Milieu waren, Köln den Ruf als kriminellste Stadt der Republik eintrugen und in Dokumentationen romantisch verklärt wurden. „Das hier“, sagt er, „war 24 Stunden am Tag mein zu Hause. Faszinierend und geheimnisvoll, es konnte immer alles passieren. Hinter den Schreibtisch wollte ich nie.“ Seine Lehre zum Industriekaufmann brach er ab. „Als Türsteher konnte ich 500 Mark am Abend machen.“

Im Designmöbelladen Giorgetti war die Moni-Bar. „Ein stocksolider Laden war das“, sagt Claaßen, „oben saßen wir Zuhälter, unten war Friseusenball. Wir haben die Teenies raufgewunken, die fanden uns toll. 80 Prozent von denen sind dann für uns anschaffen gegangen. Es war ganz leicht.“ Nebenan das Billard-Café Schneider, steile Treppen führen in den Schlund, der Anfang der 1980er Jahre Columbo hieß. Der Lange Tünn war hier mal Türsteher, klar. „Hier habe ich Udo Lindenberg nicht reingelassen.“ Udo sei mit einem Kleinwüchsigen gekommen, „ich wusste nicht, dass Udo gerade ein Video mit Zwergen dreht“, sagt Claaßen. „Bei uns hatte ein Zwerg ein paar Wochen vorher geklaut, Zwerge kamen bei mir nicht mehr rein, da musste auch der Udo draußen bleiben.“

Der Spaziergang ist eher ein Flanieren und Stehenbleiben, Claaßens letzte Führung hat dreieinhalb Stunden statt 90 Minuten gedauert – weil er zu jedem Haus eine verruchte Geschichte weiß. Ein Bettengeschäft auf dem Ring war die „Fröhliche Weinstube“ – ein Vorläufer des diskreten Internetflirts, sozusagen. An den nummerierten Tischen gab es Telefone, „da hat der Herr von Tisch 19 de Schüss von Tisch 7 oder 10 angerufen, um ihnen zu sagen, dass er geil auf sie ist“, sagt Claaßen. „Stocksolide, eigentlich. Es gab nie Schlägereien. Lass uns mal rüber zum Diamonds gehen.“ Wir wechseln die Straßenseite. Claaßen geht bei seinen Touren gern zickzack über den Ring.

Heute seien die Ringe läppisch, findet Claaßen. Das Plätschern eines trüben Bachs. Damals dagegen war es, wie in die Brandung des Atlantiks einzutauschen, ein ewiges Rauschen und Schäumen, Farben, Lichter, Lärm, Lippenstift, Parfum. „Das ist wie Hollywood und Sibirien. Früher gab es Jobs und Gelegenheiten an jeder Ecke.“ Ein Sünder, der da nicht sündigte.

Womöglich ist das alles nur Folklore. Trotzdem unterhaltsam, mit einzutauchen in die große, vergangene Zeit des Langen Tünn. Claaßen steht vor dem Ascot-Hotel, nennt Promis, die hier regelmäßig absteigen. Eine steile Treppe führt zum hoteleigenen Fitnessclub, eine rothaarige Schöne kommt die Treppe hochgefedert. Damals war hier der Lovers Club. „Der beste Laden von Köln, ach was, von Deutschland. Mit der strengsten Tür von Köln.“ Hinter der, natürlich, er stand. Die grobschlächtige Schäfers Nas habe er mal nicht reingelassen, sagt er, Günther Netzer sei mit seinem Ferrari vorgefahren, „auch Jimi Hendrix hat bei uns verkehrt, Udo Kier, FC-Spieler, und die süßesten Mädels mit den kürzesten Röcken.“

Das Thema Mädels ist natürlich ein wichtiges. In Köln, Bonn, Stuttgart, München „hatte ich welche laufen“, sagt er, über 20 Jahre lang. Er sei immer nett gewesen zu den Mädels, eigentlich fast immer. Man könnte meinen, dass die Mädels ihm dankbar waren, für ihn anschaffen zu dürfen, wenn man ihn so hört. Es ist die falsche Gelegenheit, um über Schuld und Moral zu sprechen. „Ich würde alles nochmal so machen, hätte nur nicht alles verzockt“, sagt Claaßen. Auf den Ringen funktioniert die Welt vielleicht heute noch genauso schwarzweiß: Der eine stark, der andere schwach. Mädchen gehorchen den starken Jungs, die jeden im Griff haben. „Nur ist die Zündschnur kürzer geworden. Schlagringe und Baseballschläger werden schneller rausgeholt.“

Wir stehen vor der Commerzbank, ein paar Anzugträger kommen aus der Pause. An dieser Stelle gab es damals das „Happy Day“, und Hermanns Tünn habe an der Tür gestanden, „ein Schlägerlokal vom Allerfeinsten, ich habe da nicht gern verkehrt“. Auf der Straße Im Klapperhof blinkt die Leuchtreklame einer Spielhalle, eine Mitarbeiterin lugt raus und fragt, was wir wollen. „Hier war mal ein Casino, in dem um Millionen gespielt wurde“, sagt Claaßen, „Nicht so killefitt wie heute.“ Ein paar Meter weiter am Hildeboldplatz halbgeschlossene Rollläden. Vom Feinsten rasiert sei er hier eines Abends reingelaufen, mit nur 100 Mark in der Tasche. Und mit 120 000 wieder rausgekommen. „Weil ich falsch gespielt hatte. Danach hatte ich Angst um mein Leben, die Schlägertrupps des Inhabers waren brutal.“

Zeiten haben sich geändert

Ein andermal weilte er während einer Razzia in dem Spielclub. Die Tausender-Scheine seien zu Dutzenden auf den Boden geflattert, „ich konnte mir aber noch zwei greifen und in den Strümpfen verstecken“. Die Zeiten haben sich geändert. „Früher haben wir zehn, 20 Mil im Vorbeigehen gemacht.“ Zwischenzeitlich hat Claaßen Flaschen gesammelt, um ein bisschen frischer zu sein.

Der 67-Jährige schießt die Geschichten schneller ab als sein Schatten. Im Päff steht die Tür offen, der heutige Besitzer Michael Kampert macht sauber. Claaßen deutet zur Theke und sagt: „Hier saß ich, als 1986 der Wirt Prumbaum Willi erstochen wurde.“ Der sei angetrunken gewesen und habe einem österreichischen Zuhälter zugeraunt, er schulde ihm noch Geld. „Das war sein letzter Satz.“

Finale nach drei Stunden auf der Friesenstraße. Vor dem Klein Köln, dem ehemals berüchtigten Club, in den die Boxer nach ihren Kämpfen im Sartory kamen, hat Claaßen bis vor kurzem die Tür gemacht. Ein klar „stocksolider Laden heute“. Auf dem Friesenplatz kommt ein Zockerkumpel vorbei, Umarmung, ein paar launige Geschichten. „Der saß achteinhalb Jahre im Knast“, sagt Claaßen, „is aber ne leeve Jung.“ Zurück am Kino schließt der Lange Tünn sein Rad auf und fährt davon. „Auf ein paar Spielchen ins Casino.“