26.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Schauspielern mit Behinderung: Ohne Beine auf die Bühne
28. March 2014
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Schauspielern mit Behinderung: Ohne Beine auf die Bühne

Seit zwölf Jahren lebt Christiane Altenbach mit Ehemann Tom in einem barrierefreien Bungalow. Der Rollstuhl ist stets in Reichweite.

Seit zwölf Jahren lebt Christiane Altenbach mit Ehemann Tom in einem barrierefreien Bungalow. Der Rollstuhl ist stets in Reichweite.

Foto:

Petra Pluwatsch

Köln -

Vor drei Sommern ist Christiane Altenbach, Sachbearbeiterin beim Versorgungsamt Köln, Kajak gefahren. Das war nicht ganz einfach, denn sie hat Beine, die sehr kurz sind. Christiane Altenbach ist oberschenkelamputiert und sitzt seit 18 Jahren im Rollstuhl. Funktioniert hat das Kajakfahren trotzdem.

13 Jahre hat sie einen für ihre Bedürfnisse sehr unpraktischen Sportwagen gefahren. Der Rollstuhl reiste auf dem Beifahrersitz mit. Auch das hat all die Jahre prima funktioniert.

Anfang 2014 hat sie versucht, das Theaterspielen zu lernen. Das hat ganz und gar nicht funktioniert.

Christiane Altenbach, 47, aus Vanikum bei Rommerskirchen, hat keinen Schauspielkurs gefunden, an dem Menschen, die im Rollstuhl sitzen, teilnehmen können. Mehrere Volkshochschulen und das Kölner „Comedia Theater“ ließen sie abblitzen, weil sich kein barrierefreier Unterrichtsraum fand. Das, findet Christiane Altenbach, „geht einfach nicht“. Und deshalb möchte sie darüber reden, wie es sich anfühlt, wenn man außen vor bleiben muss, weil man keine Beine mehr hat.

Bedrucktes T-Shirt, helle Jeans, fröhliche dunkle Augen: Christiane Altenbach, verheiratet, keine Kinder, ist seit dem 1. Januar 2014 frühpensioniert. Das blondierte Haar ist kurz geschnitten. Die Hosenbeine enden ungefähr dort, wo früher ihre Knie waren. Darunter blitzen bunte Strümpfe hervor, mit denen sie die empfindlichen Beinstümpfe schützt. Neben dem Sofa steht ein Rollstuhl.

Bloß kein Mitleid, signalisiert sie

„Ein Straßenbahnunfall“, sagt die gebürtige Kölnerin knapp. Jetzt bloß kein Mitleid. Ihre Miene signalisiert das deutlich. „Ich war übrigens nicht schuld. Die Ampel war grün“. Die Bahn, das ergab später ein Gutachten, war zu früh losgefahren an jenem 29. November 1995. Christiane Altenbach war noch „etwa 2,4 Sekunden von der Sicherheitszone entfernt“, als die Bahn sie erfasste. So trennen ihr die Räder der Linie 16 auf den Gleisen der Haltestelle Amsterdamerstraße/Gürtel in Köln-Niehl beide Beine ab und verwiesen die damals 29-Jährige für den Rest ihres Lebens in den Rollstuhl. Der KVB-Fahrer wurde später wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt.

„Soll ich den Rest meines Lebens damit hadern, dass mir das Schicksal meine Beine genommen hat?”, fragt Christiane Altenbach. „Ich habe nur dieses eine Leben und versuche, das Beste daraus zu machen. Es sei denn, ich halte es mit den Hindus und glaube an die Wiedergeburt. Aber darauf will ich lieber nicht vertrauen.“

Und zu diesem einen Leben gehört eben auch das Theaterspielen. „Ich bin nicht gerade besoffen von meinem eigenen Talent“, sagt die 47-Jährige. „Aber ich bin ein kreativer Mensch und habe schon in der Schule gern Theater gespielt. Jetzt wollte ich wissen, ob ich das noch kann.“ Anfang Januar ruft sie zunächst bei der Volkshochschule im 13 Kilometer entfernten Grevenbroich an. Das Angebot klingt verlockend. Kurs Z030006 findet im örtlichen Bildungszentrum – „Raum drei, oben“ – statt und verspricht neben „dem Erlernen von Tricks und Techniken beim darstellerischen Spiel“ das Proben kleiner Szenen.

Nicht für Rollstuhlfahrer zugänglich

„Genau das Richtige für mich“, befindet Christiane Altenbach. Vorsichtshalber fragt sie nach, ob das Gebäude auch für Rollstuhlfahrer zugänglich sei. Das ist es nicht. „Raum drei, oben“ liegt über der Hochparterre, einen Aufzug gibt es nicht. Ob man den Kurs vielleicht in einen anderen Raum verlegen könne? In einen, der auch für sie mit dem Rolli problemlos zu erreichen sei? „Mit einem Schnauben“ habe man ihre Fragen weggewischt, erinnert sich Christiane Altmann verärgert. „Ich habe das erst mal so stehen gelassen. Schließlich gibt es im Umkreis mehr als eine Volkshochschule.“

Am nächsten Tag ruft sie beim „Zweckverband Volkshochschule Rhein-Erft“ in Brühl an, einem Zusammenschluss von vier VHS im Rhein-Erft-Kreis. Sie hat im Programm der VHS Pulheim einen Theaterkurs für Amateurschauspieler entdeckt, der sich vielversprechend anhört: „Darstellendes Spiel für Anfänger und Fortgeschrittene. Donnerstags 19 bis 22 Uhr.“ Start: 6. Februar 2014. Ort: die Christinaschule in Stommeln.

Die Schule, teilt ihr eine freundliche Dame in der Brühler Geschäftsstelle mit, sei möglicherweise barrierefrei, doch das müsse sie erst überprüfen. Die Kollegin, die für das Gebäudemanagement zuständig sei, werde sich am nächsten Tag bei ihr melden.

Fünf Tage später erfährt Christiane Altenbach nach mehrmaligem Nachfragen: Auch die Christinaschule ist nicht gebaut für Menschen wie sie. Und bedauerlicherweise könne der infrage kommende Kurs auch nicht in einen anderen Raum verlegt werden. Warum das nicht möglich ist, kann ihr die VHS-Mitarbeiterin nicht sagen. Und so fragt sich Christiane Altenbach nach diesem Gespräch: „Ist eine Verlegung des Kursraums nicht möglich oder ist sie nicht gewollt?“ Eine Anfrage dieser Zeitung ergibt schließlich: Sämtliche Unterrichtsräume der Schule, die von der VHS genutzt werden, sind nur über Treppen erreichbar. Was die Sache nicht besser macht.

Sauer nach der zweiten Abfuhr

Christiane Altenbach kann nicht leugnen, dass sie nach der zweiten Abfuhr etwas sauer wurde. „Ich will schließlich keine karierten Gänseblümchen. Ich möchte einfach nur Theater spielen“, sagt sie.

Zuviel verlangt in Zeiten der Inklusion? Acht Jahre sind vergangen seit der Verabschiedung der UN-Konvention „Über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“. Seit dem 26. März 2009 ist das Übereinkommen auch in Deutschland in Kraft. Darin heißt es: „Die Grundsätze dieses Übereinkommens sind die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und die Einbeziehung in die Gesellschaft.“ Und: „Die Vertragsstaaten verpflichten sich, Handlungen oder Praktiken, die mit diesem Übereinkommen unvereinbar sind, zu unterlassen und dafür zu sorgen, dass die staatlichen Behörden und öffentlichen Einrichtungen im Einklang mit diesem Übereinkommen handeln.“

Nach dem dritten Versuch geweint

Am 16. Januar unternimmt Christiane Altenbach einen dritten Versuch, das Theaterspielen zu lernen. Sie schreibt eine Mail an das „Comedia Theater“ in Köln, das ebenfalls Schauspielkurse anbietet, und fragt, „ob die Comedia einigermaßen rollstuhlgerecht ist“. Einen Tag später erhält sie eine Antwortmail von der Leiterin der „Comedia-Schauspielschule“. Ursula A. bittet sie, sich am nächsten Dienstag bei ihr zu melden, weil sie die Mail nur telefonisch beantworten könne. Am 21. Januar ruft Christiane Altenbach zur vereinbarten Zeit im „Comedia Theater“ an. Das Gespräch, sagt sie, sei nicht erfreulich gewesen, und sie habe danach sehr geweint.

„Frau A. hat mir quasi jede Befähigung zu schauspielern abgesprochen, weil ich behindert bin. Natürlich hat sie das etwas verbrämt. Sie sagte, sie hätten mal einen rollstuhlfahrenden Schauspielschüler gehabt, der nach fünf Stunden deprimiert aufgegeben habe. Diese Erfahrung wolle sie mir ersparen.“

Christiane Altenbach schluckt. „Vielleicht hat sie es sogar gut gemeint. Aber ein anderer Mensch kann nicht darüber entscheiden, ob ich eine Erfahrung machen darf oder nicht. Selbst wenn sie recht hat, ist es allein meine Entscheidung, ob ich mich dieser eventuellen Enttäuschung aussetzen will.“

Dass die 100 Jahre alte, denkmalgeschützte Wagenhalle, in der die Schauspielkurse stattfinden, ohnehin nicht barrierefrei ist, habe sie erst durch eine Entschuldigungsmail von Klaus Schweizer, dem Geschäftsführer des „Comedia Theaters“ erfahren. Dem ist die ganze Angelegenheit sichtlich unangenehm. „Wir bedauern selber, dass das alte Gebäude nicht barrierefrei ist, aber das ganze Treppenhaus müsste umgebaut werden. Dafür fehlt leider das Geld“, sagt er dieser Zeitung. „Die Kollegin wollte nur erklären, dass sich die Dame als einzige Rollstuhlfahrerin unter neun Normalos keinen Gefallen tut, wenn sie an dem Kurs teilnimmt. Das ist leider alles nach hinten losgegangen.“ Ursula A. hat das Telefonat mit Christiane Altenbach ohnehin ganz anders in Erinnerung. Sie möchte nur so viel dazu sagen: „Es tut mir leid, dass das Gespräch so eskaliert ist.“

Haushaltslage angespannt

Christiane Altenbach fragt sich: „Ist es von kreativen Menschen zu viel an Kreativität verlangt, einen Kurs in einen barrierefreien Raum zu verlegen? Diese Barrieren im Kopf der Menschen verletzen mich mehr als jede Treppe vor einem Eingang. Alle reden von Inklusion, doch die Lebenswirklichkeit sieht komplett anders aus.“ Sie hat deswegen in den vergangenen Wochen viele Mails und Briefe geschrieben. An die Behindertenbeauftragten mehrerer Städte. An die Bürgermeisterin von Grevenbroich. An den Landrat des Rhein-Kreises Neuss. An das „Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales“. Fast alle haben geantwortet, dass es in Deutschland in punkto Barrierefreiheit noch viel zu tun gebe. Und: Dass die Haushaltslage in den Städten und Gemeinden leider zu angespannt sei, um das in absehbarer Zeit zu ändern.

Sie hat zudem in Erfahrung gebracht, dass sie an den VHS im Rhein-Erft-Kreis problemlos klöppeln, filzen, häkeln und stricken lernen kann. Nur Kurse wie diese sind auch für Rollifahrer zugänglich. An der VHS Grevenbroich kann sie Sprachen lernen, die sie schon beherrscht oder nicht lernen will. „Alles andere geht nicht.“ Christiane Altenbach hat sich inzwischen bei einem Sportverein in Neuss für einen Rollstuhl-Badmintonkurs angemeldet.