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„Talkgottesdienst“: Wut hat sein Leben beherrscht

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Als Gast des 20. Kölner Talkgottesdienstes in der Lutherkirche sprach Detlef Korczak (l.) am Sonntag mit Pfarrer Hans Mörtter. Foto: Michael Bause
Detlef Korczak wurde als Kind jahrelang von einem Presbyter missbraucht. Heute ist er als psychologischer Berater tätig und spricht offen über das Thema. In der Lutherkirche forderte er bei einem „Talkgottesdienst“ besser hinzuschauen.  Von
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Wenn man der Wut keinen Raum gibt, sie nicht durchlebt, „wird die Krankheit einen Nährboden finden“, sagt Detlef Korczak.

Der 60-Jährige hat seine Wut lange unterdrückt. „Ich habe zu allem Ja gesagt, mich in alles eingefügt – bis ich krank wurde. Die Schilddrüse hat mich fast erwürgt.“ Dann ließ er die Wut zu. Die Wut darüber, dass er als Kind von 1962 bis 1964 von einem Presbyter und Konfirmationslehrer sexuell missbraucht worden war. Und die Wut darüber, dass seine Mutter dies geduldet hatte.

Am Sonntag sprach Korczak dort über den Missbrauch, wo er ihn erlebt hat: Er war zu Gast im „Talkgottesdienst“ der Lutherkirche in der Südstadt. Im Gespräch mit Pfarrer Hans Mörtter gab er ungewöhnlich offen Auskunft.

Peiniger hat Missbrauch dokomentiert

Als „guter Onkel von nebenan“ und Nachhilfelehrer habe sich der Presbyter, der als Psychologe tätig war, das Vertrauen der Familie erschlichen, erzählte Korczak. Die Mutter war geschmeichelt von der Aufmerksamkeit, und der Vater, wochenlang auf Montage, bekam von den Vorgängen nichts mit.

Bald machte sich der Mann den Jungen gefügig, etwa indem er ihm sagte, er müsse „mit mir üben, damit ich später einer Frau gerecht werden kann“. Der Täter engagierte sich in den 60er bis 80er Jahren ehrenamtlich in den Presbyterien der Lutherkirche und in Riehl, außerdem bei einer evangelischen Stiftung; diese betrieb damals ein Jugendheim, das er eine Zeit lang leitete. 1995 starb er.

Wie ein Buchhalter habe der Psychologe den Missbrauch dokumentiert, sagte Korczak: Akribisch habe er in Büchlein eingetragen, mit welchem Kind und wie lange er welche Handlungen vorgenommen und was er dabei empfunden hatte.

„Ohne Liebe wäre es nicht gegangen“

Mit 23 heiratete Korczak. Schon wegen seiner sexuellen Schwierigkeiten habe sich seine Frau sagen müssen: „Mit dem stimmt was nicht, aber ich liebe ihn.“

Zwei Söhne kamen zur Welt. Korczak arbeitete im kaufmännischen Bereich, war für 180 Mitarbeiter verantwortlich. 15 Jahre nach der Hochzeit erklärte er sich seiner Frau. Doch noch viel Zeit verging, bevor er die unterdrückte Wut, die sein ganzes Leben beeinträchtigte, zulassen und sich daranmachen konnte, sie zu bewältigen.

„Es waren sehr schwierige Jahre, ohne Liebe wäre es nicht gegangen“, sagte er. Auch nicht ohne religiösen Halt, ohne den Glauben daran, es habe „einen Sinn, dass du dieses Leben lebst“; ihn trug das Gefühl, „begleitet zu sein, einen Engel an der Seite zu haben“.

Mit Selbsttherapie ins Reine gekommen

Erste Therapien brachten nicht den gewünschten Erfolg. Dann entschloss er sich, sich „selber zu therapieren“. In einem langwierigen Prozess rang er mit dem Schuldgefühl, bis er akzeptieren konnte: „Ich war ein Kind, ich hatte keine Möglichkeit, mich zu retten.“

In einem zweiten Schritt musste er mit der inzwischen verstorbenen Mutter ins Reine kommen; zehn Jahre lang dauerte der „Kampf“, immer wieder auch am Grab der Toten – bis die ausgelebte Wut abebbte. Blieb als drittes Stadium, „die Beziehung zu meiner Frau zu klären“. Hätten sie einander vorher vor allem gebraucht und gestützt, sagte Korczak, so habe sich ihre Liebe nach dem „harten, aber notwendigen Weg“ vertieft.

Heute arbeitet er als psychologischer Berater und betreibt mit seiner Frau eine Heilpraktikerschule. Er hat es geschafft, an seinem Schicksal zu wachsen und es zu tragen – anders als viele andere Opfer, von denen Pfarrer Mörtter sagte: „Sie bleiben auf der Strecke.“

Zur Frage der „Entschädigung“, die ohnehin kaum mehr als symbolisch sein könne, merkte er an, die Landeskirche tue sich bei allen Bemühungen schwer mit dem Thema; es sei „ein mühsamer, angstbesetzter Prozess“.

Vor dem Hintergrund immer neuer Missbrauchsberichte waren er und sein Gast, der 2010 seine Leidensgeschichte öffentlich gemacht hat, sich darin einig, dass die Allgemeinheit „wacher werden und besser hinschauen“ müsse. Korczak: „Deshalb sitze ich hier.“

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