Träume sind oft merkwürdige Gebilde. Zum Teil pastellfarben, mitunter schillernd, aber häufig konturenlos. Der Traum von Bettina Montazem war hingegen von Anfang an klar umrissen. Und im Gegensatz zu vielen Luftschlössern, die sich irgendwann auflösen, ist dieser Traum längst auch für andere erlebbar geworden.
Montazems Traum lässt sich betreten, durchqueren und sogar heizen. Man kann ihn mit Gegenständen füllen, mit Menschen, Stimmen und immer wieder mit neuen Ideen. All das tut Montazem mit viel Idealismus, Einsatz und Herzblut. Seit sechs Jahren kann man den Namen ihres Traums an einer Hausfassade an der Bonner Straße lesen: „Theater die Baustelle“.
Die Räumlichkeiten fand die 43-Jährige durch ein Zeitungsinserat, das „Leben und Arbeiten“ in Bayenthal versprach. Als sie den idyllisch anmutenden Innenhof betrat, wusste sie sofort, dass sie hier eine reale Adresse für ihre Wunschvorstellung gefunden hatte. Wie viel Arbeit und Kraftanstrengung es kosten würde, die ehemalige Hinterhof-Schlosserei in einen Bühnenraum zu verwandeln, ahnte die Frau, die im Hauptberuf als Theaterpädagogin am Gymnasium in Pulheim tätig ist, da allerdings noch nicht.
Seit vielen Jahren mit der Bühne verbandelt
In mancherlei Hinsicht sei sie „ziemlich naiv“ an die Sache rangegangen, sagt Bettina Montazem und blickt lächelnd zu dem Menschen, ohne den sie ihren Traum gar nicht hätte stemmen können. In Stefan Maria Jung hat Bettina Montazem nämlich auch menschlich die ideale Ergänzung für das Projekt „Leben und Arbeiten“ gefunden. Der 49-jährige Innenarchitekt und Diplom-Designer hegte schon immer ein starkes Interesse für Malerei und Bildhauerei. In Kölns jüngstem Theater gestaltet er nun praktisch alles, was mit Bühnenbild und Ausstattung zusammenhängt.
Bettina Montazem ist bereits seit vielen Jahren mit der Bühne verbandelt. Begonnen hat sie ihre Arbeit als Regieassistentin im Rheinischen Landestheater in Neuss und hat sie danach in anderen Häusern fortgesetzt. 80-Stunden-Wochen sind im Regiefach keine Ausnahme. Doch als erst Rosa und zwei Jahre später Lea auf die Welt kam, entschied sie, „auch mal meine Töchter sehen zu wollen“. Sie wechselte vom Regiepult an die Kölner Uni und studierte Germanistik, Philosophie und Orientalistik. Montazem ist ein Flüchtlingskind. Sie kam während der iranischen Revolution nach Deutschland und weiß, wie es ist, alles zu verlieren. Aufgrund dieser Erfahrung fehlt ihr die Angst, noch einmal vor dem Nichts zu stehen. Eigentum hat für sie keine Bedeutung. Der rund 100 Quadratmeter große Bühnenraum, der Wohnbereich und das Atelier, in dem Stefan Maria Jung die Bühnenausstattung herstellt, sind nur gemietet.
Seit Theatergründung haben die 43-Jährige und ihr Lebenspartner – oft im Zusammenspiel mit den Töchtern – 17 Produktionen für Kinder und Erwachsene auf die Beine gestellt; darunter zum Beispiel Ann-Christin Fockes Stück „Himmel sehen“, welches sich mit dem Schicksal der sogenannten „Schwabenkinder“ beschäftigt.
Tod und Demenz in „King Kongs Töchter“
Die Kölner Uraufführung erfolgte 2009 in der Kunst-Station Sankt Peter. Dass sie den Raum einer katholischen Kirche für ihre Inszenierung nutzen und ein Werk zeigen durfte, dass sich unter anderem mit der Problematik des Kindesmissbrauchs auseinandersetzt, erfüllt sie mit Stolz.
Ihr letztes Erwachsenenstück „King Kongs Töchter“ beschäftigte sich zwar nicht mit versklavten Kindern, hat jedoch ebenfalls eine Thematik, die manch anderer lieber unter der Decke hält: Es geht um Tod und Demenz.
Montazem gehört zu denen, die „dem Publikum auch mal was zumuten“ wollen. Das hat nichts mit purer Lust am Schockieren zu tun. Montazem und ihr Mann lieben Menschen und interessieren sich für sie. Das wird im Gespräch spürbar, aber auch in den Theaterkursen oder Workshops, die sie in der „Schule in der Baustelle“ anbieten.
Apropos: Kölns jüngstes Theater heißt natürlich nicht zufällig „Theater die Baustelle“. „Ich glaube, dass dort, wo etwas nicht fertig ist, besonders viel entsteht“, erklärt die Intendantin ihr „Interesse an Bruchstellen“ und ihre Vorbehalte gegenüber Perfektionismus. Im Ensemble, das inzwischen auf eine Gruppe von etwa 25 professionellen Schauspielern und Musikern angewachsen ist, werden ihr Mut, aber auch Gespür für unbequeme Stück-Inhalte unterstützt. Und nicht nur dort.
„All you need is Cheese“
Inzwischen häufen sich die Nachfragen von Theatern in ganz Deutschland, zum Teil auch aus der Schweiz oder Italien, die Montazems Inszenierungen auf ihre Bühne bringen wollen. Darüber hinaus gibt es feste Kooperationspartner in Köln, etwa die Kirchengemeinde St. Bruno in Klettenberg, die ihren Veranstaltungssaal zur Verfügung stellt. So nun auch aktuell für die 50er-Jahre-Revue „All you need is Cheese“.
Hierin geht es um eine Handvoll Frauen, die versuchen, ein Restaurant zu eröffnen. Die Spezialität der Damen: Sie singen beim Kellnern, was sie besser nicht täten, weil sie es nicht wirklich können.
Bei diesem musikalischen Reigen mit vielen schönen 50er-Jahre-Hits hat Montazem bewusst einmal leichtere Kost gewählt, die – mit viel Witz und dem unverzichtbaren Käse-Igel angereichert – von November an (31. Oktober ist Premiere) im Brunosaal zu sehen ist. Während der Theaternacht werden Ausschnitte gezeigt.
An manchen Stellen ist Montazems Traum noch aufstockbar. Natürlich würde sie gerne ganz davon leben können; genauso, wie sie all den idealistischen Mitwirkenden gerne öfter richtige Gagen zahlen würde. Solche Gedanken beschäftigen Bettina Montazem, wenn sie früh um halb sieben in der Küche sitzt, Stille genießt und eine halbe Stunde strickt.



