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Abschlussfeste in Köln: Teurer Abiball im Fußballstadion

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Glamourös muss ein Abiball heute sein. Die Schulaula reicht da nicht mehr.  Foto: Sportstätten GmbH
Der Abiball muss heutzutage vor allem eines sein: glamourös. Statt in der Schulaula feiern die Kölner Absolventen im Gürzenich oder im Maritim. Schüler, die die Bälle organisieren, sind dabei für Millionenumsätze verantwortlich.  Von
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Roter Teppich, Sektempfang an der Rasenkante, Ansprachen vor der VIP-Tribüne mit feierlicher Zeugnisübergabe, Gala-Buffet im schicken Kleid und Anzug - so werden die Abiturienten des Heinrich-Mann-Gymnasiums das Ende ihrer Schulzeit zelebrieren.

"Es soll etwas Extravagantes sein", sagt Yakub Cicek. Der 19-Jährige hat zusammen mit ein paar Schulkameraden ein Riesenevent für über 1000 Gäste organisiert: Die Abiturienten aus Volkhoven-Weiler werden in diesem Jahr mit ihren Familien und Freunden im Rhein-Energie-Stadion feiern. Jahrelang haben ein paar engagierte Schüler das Großereignis vorbereitet, geplant und mit hohen Summen jongliert. Rund 45 000 Euro kostet der Abend im Stadion - Getränke exklusive.

Gürzenich statt Schulaula

Glamourös wie bei einer Oskar-Verleihung soll es beim Abiball zugehen: Gürzenich statt Schulaula, Maritim statt Bürgerzentrum - in Köln haben die Abende, die Schüler anlässlich ihres Abiturs veranstalten, bislang unbekannte Dimensionen erreicht. Im Stadion sind neun Schulen zu Gast. Allein bei Köln-Kongress, Vermieter von Gürzenich, Kristallsaal und Tanzbrunnen, finden in diesem Jahr 24 Bälle statt. "Es wird immer aufwendiger und stilvoller", sagt Köln-Kongress-Chef Bernhard Conin.

An 43 Kölner Gymnasien und Gesamtschulen wird Abitur gemacht, an den Gymnasien sind durch die Schulzeitverkürzung sogar zwei Jahrgänge gleichzeitig auf dem Sprung in einen neuen Lebensabschnitt. Kleine Säle reichen nicht. Agenturen haben genau wie Saalvermieter einen neuen Markt erschlossen. Rechnet man alle Ausgaben, zum Beispiel auch für schicke Kleider mit, lassen sich durchschnittlich pro Abiball locker 55 000 Euro Umsatz veranschlagen. Kölner Schüler verantworten Millionenumsätze.

Viel größer gehe es eigentlich nicht mehr, sagt David Schmitz vom Humboldt-Gymnasium. "Objektiv betrachtet könnte man sagen: Das muss nicht sein. Aber es geht darum, aus dem letzten Abend etwas ganz Besonderes zu machen." Es sei "einfach die letzte Chance, gemeinsam und groß zu feiern", meint Carolin Roeder vom Albertus-Magnus-Gymnasium. Sie gehört zu den Organisatoren des Balls für ihre Schule in der Halle/Tor 2. Eine vierköpfige Familie zahlt 220 Euro, um dabei zu sein. 80 Euro wurden bereits in den vergangenen zwei Jahren eingesammelt, jetzt sind noch einmal 35 Euro pro Karte zu zahlen. Auch die Abiturienten müssen für ihr eigenes Fest eine Karte kaufen.

Finanzierung ist Herkulesaufgabe

Die Finanzierung der Bälle ist eine Herkulesaufgabe, die mancher Jugendliche schon übernommen hat, bevor er volljährig wurde. Da könne einem schon mal etwas mulmig werden, sagt Cicek. "Man hat viel Verantwortung für viel Geld." Mit dem Einsammeln von Eintrittsgeldern ist es nicht getan. In allen Schulen gibt es Arbeitskreise, die sich ums Geldverdienen kümmern: Waffelbacken, Kuchenverkauf, Blutspenden, Sommerfeste, Partys - ein nicht unerheblicher Teil der Kosten wird vorher eingespielt.

In Porz kann man Abiturienten für diverse Aufgaben mieten. "Rent an Abiturient" lautet das Motto. "Leider machen längst nicht alle mit", sagt Hanna Loosen. Ihre Stufe am Maximilian-Kolbe-Gymnasium ist bei der Ortswahl für den Abiball etwas bescheidener geblieben. Man geht in einen türkischen Hochzeitssaal. Auf den Eintrittspreis haben alle diese Aktivitäten jedoch kaum Auswirkungen: 50 Euro sind zu berappen.

Haupteinnahmequelle für viele Schulen sind sogenannte "Vorfinanzierungs-Partys", die mit schillernsten Namen um jugendliche Besucher werben. Um die Gunst des zahlenden Publikums ist ein heftiger Konkurrenzkampf ausgebrochen. Angesichts des riesigen Angebots muss mancher Abijahrgang nun eingestehen, nur wenig auf diese Weise eingenommen zu haben.

Andere sind dagegen aber so erfolgreich, dass sie nach dem Abi auf eigene Rechnung weitermachen. So ist auch aus David Schmitz vom Humboldt-Gymnasium ein Veranstaltungsprofi geworden: Marketing, Organisation, Sponsorensuche, Finanzierung - wer wissen will, wie's geht, kann den 19-Jährigen fragen. "Das ist viel Arbeit, macht aber auch viel Spaß." Er hat mit seinem Team so viel Geld verdient, dass die Abiball-Karte an seiner Schule nicht mehr als 25 Euro kosten soll.

Über das finanzielle und rechtliche Risiko, das Einzelne hier eingehen, möchte so mancher Betroffene lieber nicht nachdenken. An einigen Schulen wurden von Anwälten geprüfte Formulare an alle Schüler und Eltern verteilt. Alle hätten erklärt, im Falle eines Misserfolgs als Gemeinschaft geradezustehen, sagt Maren Hennen vom Apostelgymnasium.

Eltern gegen „Eventmaschinerie“

"Das ist eine Spirale, die sich immer weiterdreht", sagt Sabine Jäger, Schulpflegschaftsvorsitzende an der Gesamtschule Holweide. Hier haben Eltern den Kampf gegen die "Eventmaschinerie" aufgenommen, von der Dieter Schütze-Sladeck, Direktor des Erich-Kästner-Gymnasiums, spricht. Diejenigen, die bezahlen müssen, wehren sich - gegen den Trend, gegen zuschauende Schulen, aber auch gegen ihre eigenen Kinder. Die Schüler entscheiden nämlich in der Regel alleine, wo und wie sie feiern wollen, danach werden die Eltern in Kenntnis gesetzt. Der Gruppenzwang erledigt den Rest.

Für manchen seien die Preise, die da aufgerufen würden, zu hoch, sagt Jäger. Ihr Ziel: eine schulinterne Verabredung über die Rückkehr der Abibälle in die Aula. Als Gegenleistung dürfen die Schüler erwarten, dass ihnen mehr Freiheiten bei der Gestaltung der Feier gewährt werden. Ein Ende um Mitternacht oder ein Alkoholverbot seien ernstzunehmende Argumente, der Schule entfliehen zu wollen. "Abiturienten wollen keine Apfelschorle trinken."

"Wir fänden es auch besser, wenn der Abiball wieder in der Schule stattfände", sagt Klaus Zimmermann, Direktor am Apostelgymnasium. "Aber wir haben es bislang nicht geschafft, die Schüler davon zu überzeugen." Fragt man Schulleitungen, wer die Spirale stoppen soll, verweisen sie auf die Eltern. "Wenn sich Eltern beschweren, sage ich: Das sind ihre Kinder", meint Michael Mohr, Leiter des Heinrich-Mann-Gymnasiums. Aber natürlich hätte auch die Schule die Aufgabe, den Abiturienten zu vermitteln: "Kommt mal wieder runter - Schulen sind auch schöne Orte zum Feiern." Mohr wird im Stadion die Abizeugnisse verteilen, Schütze-Sladek im Gürzenich. Andere Schulleitungen gehen bewusst auf Distanz zum teuren Pomp, indem sie die Zeugnisvergabe vom Abiball trennen.

Einige glauben, erste Gegentrends zu erkennen: Das Gymnasium Schauertestraße etwa hat statt dem Maritim im Vorjahr nun einen Saal in Hürth angemietet. Auch Michael Mohr sieht bei den Schülern Gegenbewegungen, die einen anderen Umgang mit dem Geld einfordern. Yakub Cicek bestätigt, dass im Abiturjahrgang 2014 viele angekündigt hätten, dass sie bei einer aufwendigen Feier wie im Stadion nicht mitmachen wollten. "Irgendwann findet man zurück zu einem gesunden Maß", prophezeit Köln-Kongress-Chef Conin.

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