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Atombunker : Kalter Krieg im Kalker Untergrund

Fahrgäste hasten zum Bahnsteig in der U-Bahn-Station Kalk Post. Dass die Tür links zu einem Bunker führt, dürften wohl die wenigsten wissen. Foto: Max Grönert
Täglich laufen in der U-Bahnhaltestelle Kalk Post tausende Menschen an einem Überbleibsel des Kalten Krieges vorbei. Mitte der 70er Jahre wurde hier ein Atombunker eingerichtet, der im Ernstfall Schutz bieten sollte.  Von
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Köln. 

Gut ist ein relativer Begriff. Vor allem, wenn der dritte Weltkrieg vor der Tür steht. Wäre es gut gelaufen, hätte Jürgen Schell Zeit gehabt, Diesel einzulagern, sowie Lebensmittel, Seife oder Medikamente zu kaufen. Er hätte alles vorbereiten können bis zum Atom-Angriff. Und 2366 Menschen hätten überleben können. Jedenfalls für 14 Tage.

Jürgen Schell schließt in der U-Bahnhaltestelle Kalk Post eine Tür auf. Es ist eine unscheinbare Tür, wer es nicht besser weiß, vermutet dahinter eine Besenkammer. Gegenüber decken sich Pendler am Kiosk mit Zeitungen und Schokoriegeln ein. Alles geht seinen normalen Gang an diesem Morgen. Menschen fahren die Rolltreppe hinab zur Zwischenebene mit dem Kiosk, dann weiter abwärts zu den Bahnen.

Jahrzehntelang gab es ein zweites Szenario für die U-Bahn-Station Kalk Post: Atombomben fliegen auf die Stadt, woraufhin schwere Tore die Eingänge zur Haltestelle verrammeln, in der gerade 2366 Menschen Schutz gesucht haben vor der nuklearen Zerstörung. Die U-Bahn-Station wäre zum Bunker geworden.

Zwei Wochen im Untergrund überleben

Pumpen hätten Trinkwasser aus einem Brunnen fördern können.
Pumpen hätten Trinkwasser aus einem Brunnen fördern können.
Foto: Max Grönert

Jürgen Schell, Katastrophenschutzsachbearbeiter bei der Kölner Berufsfeuerwehr, war für die Vorbereitungen zuständig. Laut Plan sollten die Menschen zwei Wochen lang überleben können, ohne in Kontakt zur kontaminierten Außenwelt treten zu müssen.

Auch gegen biologische und chemische Waffen war Kalk Post gerüstet. Schell hat noch immer den Schlüssel. „Man würde nicht vermuten, dass sich so eine Anlage dahinter verbirgt“, sagt der 49-Jährige. Der Blick fällt auf einen schier endlosen, spärlich beleuchteten Gang.

Von dort geht es in die Räume, in denen im Ernstfall die Versorgung der Männer, Frauen und Kinder organisiert worden wäre. Gleich vorne links hätten Sanitäter Erste Hilfe geleistet. Rechts die schweren Pumpen für die Trinkwasserversorgung. Am Ende des Ganges die Krankenstation, groß genug für Operationen und eine Armada mehrstöckiger Betten.

Die sogenannte Schutzanlage, umgeben von 1,40 Meter dicken Betonwänden, wäre zum Herzstück des Bunkers geworden. Noch heute sieht hinter der unscheinbaren Tür alles so aus wie 1980, als die Haltestelle Kalk Post in Betrieb genommen wurde.

Ein Schmutzfilm hat sich auf Notstromaggregate, Toiletten und Waschbecken gelegt. Es riecht muffig, hier und da blättert graue Farbe vom Boden des auf Funktion und nacktes Überleben getrimmten Katastrophenkellers. Ansonsten hat sich seit 33 Jahren nicht viel verändert. Es ist eine vergessene Welt aus einer anderen Zeit: Der lange Gang führt auch zurück zu den Schrecken des Kalten Kriegs.

Seit 2005 offiziell außer Dienst

Feldbetten in der Krankenstation. Im Ernstfall sollten sie auch auf den Bahnsteigen aufgebaut werden.
Feldbetten in der Krankenstation. Im Ernstfall sollten sie auch auf den Bahnsteigen aufgebaut werden.
Foto: Max Grönert

Schell ist um Sachlichkeit bemüht. Doch der Gedanke an den Ernstfall treibt ihn um, obwohl der Bund die Anlage, für die er einst 3,3 Millionen Mark ausgab, 2005 offiziell außer Dienst gestellt hat.

Manchmal schüttelt Schell den Kopf. Was, wenn mehr als 2366 Menschen Schutz gesucht hätten? „Die anderen wären abgewiesen worden“, sagt Schell, der sich nicht vorstellen will, „was hier vor der Tür los gewesen wäre.“ Wie wäre es nach zwei Wochen weitergegangen?

„Die Leute wären entlassen worden in die verstrahlte Welt.“ Was, wenn es nicht gut gegangen wäre und vor dem Angriff keine Zeit geblieben wäre, um alle Vorräte einzulagern? „Dann wäre schon nach Stunden Schluss gewesen.“ Es sind „grauenvolle Gedanken“, die Schell beschleichen.

Etwa 4000 Quadratmeter Platz hätten die Schutzsuchenden in der Kalker Unterwelt gehabt. Das entspricht 1,7 Quadratmetern pro Person. Laut Notfallplan sollten vor dem Kiosk und auf den Bahnsteige Feldbetten aufgestellt werden. Zwei Straßenbahnzüge sollten ebenfalls als Notquartiere herhalten. Sowohl die Eingänge als auch U-Bahn-Tunnel wären hermetisch abgeriegelt worden. Bei einem Zusammenbruch des öffentlichen Versorgungssystems wären die Maschinen in der Schutzanlage angesprungen.

Jürgen Schell im Bunker.
Jürgen Schell im Bunker.
Foto: Max Grönert

Pumpen hätten Wasser aus einem eigenen Brunnen gefördert, ein riesiger Schiffsmotor hätte Strom erzeugt. Allein die Lüftungsanlage ist ein hoch kompliziertes System. Vielleicht würden die schweren Geräte noch funktionieren, genau weiß Schell es aber nicht: 2005 stellte der Bund die technische Überprüfung ein.

Ob Kalk Post im Ernstfall eine gute Adresse für das Überleben gewesen wäre? „Der Beweis musste zum Glück nie angetreten werden“, sagt Schell. Natürlich auch nicht anderswo.

Mitte der 1970er Jahre wollte der Bund fünf U-Bahn-Stationen zu Atombunkern umfunktionieren. Dazu kam es nicht. Nach der U-Bahn-Station Kalk Post wurde 1987 lediglich die Station Rudolfplatz zur „Mehrzweckanlage“ ausgebaut, allerdings nur für etwa 1400 Menschen.

Jürgen Schell kümmert sich mittlerweile um die Rückabwicklung der Kölner Atom-Anlagen. Auch im Kalker Untergrund sollen die Spuren des Kalten Kriegs bald verschwunden sein: Schon in diesem Jahr, so Schell, sollen hinter der unscheinbaren Tür nur noch Lagerräume zu finden sein.

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