28.07.2016
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Überforderte Polizisten, aggressive Täter: Zeugen schildern schreckliche Silvesternacht im Hbf Köln

Die Kölner Polizei hat nach den sexuellen Übergriffen eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. (Symbolbild)

Die Kölner Polizei hat nach den sexuellen Übergriffen eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. (Symbolbild)

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Arton Krasniqi

Köln -

Panik und Hilflosigkeit – Es sind diese zwei Worte, die Thorsten Schneider (Name geändert) in den Sinn kommen, wenn er an die Silvesternacht zurückdenkt. Mit seiner Lebensgefährtin und seinen zwei Kindern (13 und 15 Jahre alt) wollte der Kölner wie im Jahr zuvor im Schatten des Doms das neue Jahr begrüßen. Was dann passierte, verschlägt dem 49-Jährigen auch Tage danach noch die Sprache.

„Schon am Ausgang der Bahnhofshalle zum Dom hin, kam uns eine riesige Menschenmasse entgegen“, schildert er seine Erlebnisse gegen 23 Uhr. „Ich fragte mich dann: Warum wollen die alle rein? Wir wollen doch raus.“

Und plötzlich gab es kein Zurück mehr. „Wir waren mittendrin, keine Chance mehr der Menschenmenge zu entkommen, nicht nach links, nicht nach rechts, nicht nach hinten oder vorne.“

Von der Familie getrennt

Er beschreibt, wie sich „eine große Gruppe Ausländer“ von vorne in die Besuchermenge drängte. Schneider wurde abgedrängt, verlor seine 48-jährige Lebensgefährtin und die Kinder in der Menschenmasse. „Meine Partnerin konnte ich ein paar Meter hinter mir noch sehen, meine Kinder nicht. Das war das Schlimmste.“

Seiner Familie zu helfen, war für Schneider nicht möglich. Er beschreibt wie die Täter die Menge einkreisten, wie geplant ihm das Vorgehen im Nachhinein vorkommt. „Das war kein Zufall. Die wussten, was sie da taten. Sie schrien und lachten, während sie die Menge umzingelten. Ich wurde gedrückt, gedrängt und geschubst. Man griff mir in die Jackentaschen.

Freundin und Tochter begrapscht

Schneider schaffte es schließlich als erster der Menschenmenge zu entkommen. Nach 20 Minuten kam seine Lebensgefährtin mit den Kindern dazu. „Sie waren geschockt und zitterten“, erzählt Schneider. Seine 15-Jährige Tochter habe geschrien und geweint. „Die Angreifer hatten ihr und meiner Lebensgefährtin an die Brust und zwischen die Beine gegriffen. Sie hatten versucht in Jeans und den Slip zu kommen.“

Seinem 13-jährigen Sohn habe man das Handy aus der Hosentasche gestohlen, berichtet er weiter. Um den Tätern zu entkommen, lief die Familie dann zur Mitte des Platzes. Doch auch dort habe er sich nicht sicher gefühlt, erzählt er.

„Von überall her liefen die Täter auf uns zu. Sie schrien etwas auf Arabisch und hatten Dinge wie Bürsten, Haarreifen oder Handykopfhörer in der Hand. Die waren einfach überall und warfen Raketen und Böller in die Menge.“

Über die Herkunft der Täter kann Schneider nur spekulieren, er möchte sich lieber zurückhalten, „vom Aussehen her könnten es Nordafrikaner gewesen sein“, sagt er. „Die waren direkt vor mir, aber ich habe niemanden erkannt. Wer das ist, war mir in dem Moment aber auch völlig egal.“

Polizei fühlte sich nicht sicher

Schneider lief mit seiner Familie schließlich zum Rolex-Haus auf dem Bahnhofsvorplatz. Nur dort hatte er von weitem Einsatzwagen der Polizei erkennen können. „Nirgendwo auf dem Platz war Hilfe“, sagt der 49-Jährige. „Von dem Moment an, an dem wir umzingelt wurden, bis wir draußen waren, habe ich keinen einzigen Polizisten gesehen.“

Vor dem Rolex-Haus schilderte der Familienvater den Polizeibeamten dann seine Erlebnisse. „Die sagten einfach nur, wir sollen den Platz so schnell wie möglich verlassen“. Selbst bei der Polizei habe er sich nicht sicher gefühlt. „Präsenz war da, aber kein Einsatz. Die Angreifer konnten machen, was sie wollten“.

Wie Schneider berichtet, war das Chaos vor den Eingängen in die Bahnhofshalle zu diesem Zeitpunkt immer noch groß. Also verließ die Familie den Platz in Richtung Bankenviertel. Doch auch in den Straßen rund um den Dom seien ihnen „sehr aggressive Ausländer“ entgegengekommen, beschreibt er die Umstände. „Die warfen Böller in die Menge. Manche rannten wie auf der Flucht durch die Straßen.“

Gegen 0 Uhr fand sich die Familie dann in einer ruhigen Straße ein und feierte - „wenn man das so beschreiben kann“ – Silvester. „Einfach für die Kinder. Wir wollten, dass die ein bisschen runterkommen.“

Schneider hat nun Anzeige gegen Unbekannt erstattet – wegen Diebstahl und sexueller Belästigung. Seiner Familie gehe es „soweit gut“, sagt er. Auch wenn er und seine Frau unter Schlafproblemen leiden würden. „Ich kann das einfach kaum beschreiben. Ich war in der Situation völlig hilflos. Dass meine Kinder so etwas miterleben mussten, ist für mich das Schlimmste. Man denkt schon viel darüber nach. Ich glaube schon, dass bei meinen Kindern irgendetwas von dieser Nacht steckenbleibt.“

Erschrocken ist er vor allem darüber, dass so etwas mitten in Köln passieren kann. Traurig über die Tatsache, dass ihnen niemand zur Hilfe gekommen sei.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Eine Afghanin schildert die Silvesternacht am Hauptbahnhof.

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