26.07.2016
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Nach den Silvesterübergriffen: Die Bewährungsprobe für Köln hat erst begonnen

Die Halle des Hauptbahnhofs ist deutschlandweit zum Symbol für die Diskussion über Konsequenzen der Übergriffe der Silvesternacht geworden.

Die Halle des Hauptbahnhofs ist deutschlandweit zum Symbol für die Diskussion über Konsequenzen der Übergriffe der Silvesternacht geworden.

Foto:

Banneyer

Köln -

Köln schon wieder. Und mal wieder voll daneben. Diagnostiker des Morbus Coloniensis beschreiben als typisches Indiz dieser krankhaften kommunalen Persönlichkeitsstörung, dass selbst das Hässliche ins narzisstische Bild der Stadt von sich selbst integriert wird.

Köln ist halt so, sagen die Kölner. So sind sie halt, die Kölner, sagen die Ortsfremden. Seit Silvester funktioniert diese Art des Einverständnisses nicht mehr. Weil „Köln“ seit den Exzessen vor dem Hauptbahnhof nicht mehr für irgendwelche landsmannschaftlichen Skurrilitäten steht, sondern für Erschütterungen und Spannungen im sozialen Gefüge, die ein tektonisches Beben der Gesellschaft nicht ausgeschlossen erscheinen lassen.

Vier Wochen nach dem Gewaltausbruch am Hauptbahnhof hat die Polizei gerade mal eine Handvoll Tatverdächtiger ermitteln können. Unklar, widersprüchlich und mithin wenig belastbar sind die Aussagen über die Akteure der Silvesternacht, über ihre Motive und über die Zusammenhänge zwischen Nationalität, Aufenthaltsstatus und kriminellem Verhalten.

Und schon bricht Streit aus, ob die Rede von marokkanischen oder algerischen Banden Teil einer schonungslos-nüchternen Bestandsaufnahme sei oder die Denkfigur eines nicht mehr nur latenten Rassismus. Auch über „das Behördenversagen“ besteht mehr verbales Einvernehmen als gesicherte Erkenntnis. Von oben wurde die Treppe gefegt, fürs erste der Polizeipräsident geschasst, ein Untersuchungsausschuss eingerichtet.

Gute Arbeit in diffuser Situation

Aber am anderen Ende sind die Saubermänner unschlüssig, ob die Stufen auch hier zu kehren seien. Wer schon aus Gründen der Selbstberuhigung an die Funktionsfähigkeit von Rechtsstaat und Exekutive glauben will, der sagt, die Polizisten hätten getan, was sie konnten – selbst wenn das kollektiv nicht ausgereicht hat. Augenzeugen wissen dagegen zu berichten, die Beamten hätten auch individuell nicht das getan, was ihnen an Hilfe für die Gewaltopfer möglich gewesen wäre.

In dieser diffusen Situation wurde den Kölner Medien vielfach attestiert, sie hätten gute Arbeit geleistet, hartnäckig recherchiert, umfassend berichtet, ein differenziertes Bild geliefert – und Haltung bewiesen. Das ist nicht das Unwichtigste, wenn alle Welt nach „Informationen“ ruft, aber die Seriosität, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit der Quellen immer sogleich infrage steht.

Die sozialen Netzwerke als Häme-Durchlauferhitzer

Die Bewährungsprobe für Köln hat somit erst begonnen. Auch für die Oberbürgermeisterin, die den Bürgern vor ihrer Wahl Führung versprochen hat. Die Reaktion auf Henriette Rekers Armlänge-Abstand-Diktum war zwar das typische Resultat des Häme-Durchlauferhitzers namens „soziale Medien“. Aber richtig ist doch auch, dass eine Oberbürgermeisterin ihr Amt nicht mit der Leitung einer psychosozialen Beratungsstelle verwechseln darf.

Vielleicht war es das Empfinden eines Orientierungsdefizits in der Stadtspitze, das prominente Städter zu ihrer „Kölner Botschaft“ veranlasst hat. Auch die Debatte über die vier Forderungen und ihre Umsetzung hat erst begonnen. Der Ausgang ist – entgegen dem kölschen Grundgesetz – ungewiss.


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