26.08.2016
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Raser in Köln: Bewährungsstrafen nach tödlichem Autorennen in der Innenstadt

Die Angeklagten im Amtsgericht Köln.

Die Angeklagten im Amtsgericht Köln.

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michael bause

Köln -

Tom S. (20, alle Namen geändert) hatte Leistungskurs Englisch in der Oberstufe. Da lag es nahe, nach dem Abitur 2015 ein paar Monate nach Australien zu gehen, um die Sprachkenntnisse für das anvisierte Wirtschaftsstudium zu intensivieren und das Leben zu genießen.

Doch die Zeit auf dem anderen Kontinent hatte nichts mehr mit einem Spaßfaktor gemein: vielmehr musste Tom sich mit den „Bildern im Kopf“ auseinandersetzen, jenem Geschehen, das im März 2015 geschah: Der damalige Abiturient hatte sich mit seinem gleichaltrigen Kumpel Louis P. nach Mitternacht auf der Aachener Straße ein Autorennen geliefert.

Die Ampel war bereits sechs Sekunden rot, als S. mit Vollgas - nach Einschätzung von Sachverständigen mit bis zu 115 kmh - über die Kreuzung fuhr und mit einem Taxifahrer zusammenstieß. Der Unfall forderte ein Todesopfer und drei leicht bis schwer Verletzte.

Wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung des Straßenverkehrs und Körperverletzung saß Tom S. gestern mit seinem Kumpel Louis P., der demnächst ein technisches Studium an der FH aufnehmen will, auf der Anklagebank des Jugendschöffengerichts. Genkickt hockten die beiden, aus bürgerlichen Verhältnissen stammenden jungen Männer mit betroffenen Mienen neben ihren Verteidigern, die für sie das Wort ergriffen.

Kein geplantes Rennen

Die Anklagevorwürfe räumten sie in allen Punkten ein, mit einer Ausnahme: „Es war kein geplantes, verabredetes Rennen“. Die Situation habe sich auf 250 Metern zwischen zwei Ampeln hochgeschaukelt, eine Eigendynamik entwickelt, als T. mit seinem Ford-Fiesta seinem Kumpel, der einen Opel fuhr, zeigen wollte, wer der Schnellere war.

„Sie haben sich in eine Situation hineingesteigert, hinreißen lassen“, bewertete der Ankläger das Geschehen, wenn gleich auch er den Angeklagten zugestand, „kein Autorennen verabredet zu haben, so, wie wir das hier in Köln kennen“.

Beide Angeklagte waren nicht alkoholisiert, bei Tom S. hatten Gutachter einen Cannabis-Konsum festgestellt, der nach Einschätzung des Experten allerdings „nicht Unfall relevant“ war. S. hatte eine Woche zuvor einen Joint geraucht, „in der Schule, wir hatten Abitur-Abschlußwoche“, wie er jetzt dem Gericht erklärte.

Beide Angeklagte leben noch im elterlichen Haushalt, beginnen gerade ihre Ausbildung, bekommen Taschengeld, das sie mit Nebenjobs - der eine an der Tankstelle, der andere als Barkeeper - aufstocken.

Da sie bei der Tat bereits über 18 waren und nach dem Gesetz als Heranwachsende gelten, war die Frage nach Anwendung des Jugendrechts im Prozess zu klären. Eine Frage, die sämtliche Prozessbeteiligte mit Blick auf den bisherigen, geradezu mustergültigen Lebenslauf der Angeklagten eindeutig bejahten.

Die Tat trägt „jugendtypische Züge“, sagte eine Jugendgerichtshelferin: „So handelt kein ausgereifter, selbstständiger Erwachsener.“ Somit stand also weniger die Bestrafung als der Erziehungsgedanke im Vordergrund.

„Folge einer völligen Selbstüberschätzung“

Dass gleichwohl Freiheitsstrafen auf Bewährung - ein Jahr vier Monate für Tom S. und ein Jahr für Louis P. - herauskamen, anstelle einer sonst üblichen Verwarnung, liegt an der Schwere der Schuld, den tödlichen Unfallfolgen, die eine Bestrafung erforderlich macht, hieß es im Urteil.

Zwar hätten die Angeklagten bisher einen einwandfreien Lebenswandel geführt, auch keine Punkte in Flensburg angesammelt und sich überhaupt mehr als beeindruckt von ihrem Fehlverhalten gezeigt, andererseits jedoch sich „absolut bedenkenlos und ohne jede Hemmschwelle auf ein Rennen eingelassen“.

„Die Tat war die Folge einer völligen Selbstüberschätzung“, sagte der Richter im Urteil. Die Angeklagten hätten „ganz bewußt und völlig rücksichtslos“ sich und andere einem Risiko ausgesetzt.

Ein Jahr Führerscheinsperre

Beide erhielten zudem eine weitere Führerscheinsperre von einem Jahr. Danach, so machte es das Gericht deutlich, werde eine medizisch-psychologische Untersuchung, der sogenannte Idiotentest, auf sie zukommen, bevor sie wieder hinters Steuer gelassen würden.

Tom S. machte in seinem Schlußwort deutlich, dass er das Geschehen bis an sein Lebensende nicht werde vergessen können: Er hat am selben Tag Geburtstag wie das 30 Jahre ältere verstorbene Opfer.

Milde Strafen für Raser
Köln, 12.01.16: Bewährungsstrafen und ein Jahr Führerscheinentzug. Ein Gerichtssprecher erklärt, warum die beiden Raser von der Aachener Straße nach Jugendstrafrecht verurteilt wurden.

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