24.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Arbeitsmarkt: „Schlecker-Frau“ eröffnet Laden

Addi Mahlberg ist für das Kaufmännische und den Textilbereich zuständig. Manuela Stutzer leitet nebenan den Drogeriemarkt – sch

Addi Mahlberg ist für das Kaufmännische und den Textilbereich zuständig. Manuela Stutzer leitet nebenan den Drogeriemarkt – schließlich kennt sie sich in der Branche bestens aus.

Foto:

Waldschmidt

Esch -

Während des Gesprächs wippt Manuela Stutzer unruhig auf dem Stuhl hin und her, ihre Nervosität ist mit Händen zu greifen, sie sitzt auf heißen Kohlen. Vor der Eröffnung ist noch so viel zu tun, die Regale müssen eingeräumt, die Waren einzeln ausgepreist werden. Auch der Zigarettenständer ist noch leer, und der Postkartenständer ragt als kahles Gerippe in den Raum. Weil keine Karten in den Halterungen liegen, entblößt er sein fragiles Skelett. „Der war zu schade zum Wegschmeißen, wir haben ihn aus der alten Drogerie“, so Manuela Stutzer. „Das andere Inventar war schrottig, es ist in den Sperrmüll gewandert.“ Im seit Februar geschlossenen Laden stand bei der Übernahme im Sommer noch das komplette Mobiliar. Nur die Warenregale waren leer. Das sei typisch, viele Schlecker-Drogerien seien nach dem Ausverkauf fluchtartig verlassen worden, erzählt Stutzer. Seit 29 Jahren lebt sie in Pesch.

Ihr Geschäftspartner ist Addi Mahlberg, ein 62-Jähriger mit typisch kölschem Schnauzbart und ebenfalls aus Pesch. Mit ihm hat sie die ehemalige Schlecker-Filiale an der Chorbuschstraße, gegenüber der Apotheke und der Bank, übernommen. 50 000 Euro aus eigenen Ersparnissen investierten die beiden, um das rund 200 Quadratmeter große Ladenlokal auf Vordermann zu bringen, neue Fenster kamen rein, Wände, Fußboden, Regale, Kassentresen – alles neu. Der Zigarettenständer ist ein Schnäppchen aus dem Internet, er kostete 600 Euro, der Neupreis beträgt sonst 3500 Euro. „Es soll alles ein bisschen moderner sein, einladend, fröhlich und hell“, sagt Manuela Stutzer. Der Laden ist zweigeteilt, links vom Eingang wird Mahlberg Textilien verkaufen, „auch Übergrößen“, rechts ist Stutzers Reich, dort gibt es die klassische Drogerieware, Kosmetika, Reinigungsmittel. Der Laden heißt „Em & Es – Ihre Drogerie und mehr“.

Engagiert, lebenserfahren, anpackend, verlässlich

Stutzer ist eine jener Frauen, die seit der Schlecker-Pleite von aller Welt nur „Schlecker-Frauen“ genannt werden. Früher als arme, ausgebeutete Hascherl verachtet, machen sie gerade einen Imagewandel durch, gelten neuerdings als „wahnsinnig engagiert, lebenserfahren, anpackend, verlässlich“, so etwa Wolfgang van Ooyen, Pressesprecher der Kölner Arbeitsagentur für Arbeit.

Manuela Stutzer (49) entspricht ziemlich genau diesem Bild: Sie trägt einen modischen, patenten Kurzhaarschnitt, ihre mit viel hellblauem Lidschatten geschminkten Augen blicken wach und aufmerksam durch die randlose Brille. Ihre kräftigen Arme verraten, dass sie zuzupacken weiß und vor keiner Arbeit zurückschreckt. Die gelernte Arzthelferin und geschiedene Mutter zweier erwachsener Söhne hat 13 Jahre für Schlecker gearbeitet. Zuletzt leitete sie die Filiale Neusser Straße 629 im Norden von Weidenpesch. Zum 1. April wurde sie gekündigt. „Das war krass, ich war in dem Glauben, dass ich bleibe“, sagte Stutzer. Am Boden zerstört, habe sie vor Existenzangst wochenlang nicht schlafen können, ihr Hausarzt schrieb sie schließlich krank. Acht Bewerbungen schickte sie ab, nur eine Antwort kam zurück – eine Absage. Sie fragte persönlich in der Filiale eines Mitbewerbers nach. „Da hieß es von oben herab: «Schlecker-Mitarbeiter wollen wir nicht.» Okay, dachte ich, gehe ich wieder.“ Was also tun?

Da kam Addi Mahlberg auf sie zu – auch er gewissermaßen ein Schlecker-Geschädigter. Seine derzeit kranke Frau Ingrid (62) war mehr als 20 Jahre lang bei dem Unternehmen beschäftigt und bereits in der Altersteilzeit, als sie die Kündigung erhielt – eine Kündigungsschutzklage ist beim Arbeitsgericht anhängig. Mahlberg, gelernter Kaufmann, besaß früher ein Geschäft in Pesch. „Ich wollte schon immer wieder mal was machen“, erläutert er. „Und Frau Stutzer ist dynamisch, ein junger Hüpfer“, sagt er lachend.

Die Idee, einen mobilen Waffelstand aufzumachen, verwarfen sie, als sie im Fernsehen einen Bericht über Sonja Weisenburger sahen. Die ehemalige Schlecker-Frau, wie Stutzer Opfer der ersten Entlassungswelle bei der Drogeriemarktkette, wagte Anfang Juni den Weg in die Selbstständigkeit. An ihrem Wohnort Maikammer in der Pfalz eröffnete sie in einer früheren Metzgerei eine eigene Drogerie.

Und war damit Pionierin. Seither kann sie sich vor Presseanfragen kaum retten – sämtliche Fernsehsender waren da. „Wir haben uns spontan ins Auto gesetzt und sind die 300 Kilometer nach Maikammer gefahren, um sie zu besuchen“, erzählt Addi Mahlberg. „Als wir ankamen, hing ein Schild im Fenster: Mittagspause.“ Da Weisenburger im Haus gegenüber wohnt, machten sie sie ausfindig. Das Hauptproblem für eigenständige Drogerie-Betreiber sind die Lieferanten. Sie liefern meistens nur ab einer Mindest-Abnahmemenge oder -summe. „Frau Weisenburger hatte große Schwierigkeiten, Lieferanten zu finden. Bei ihr klappt es jetzt, vor allem seit sie im Fernsehen war, wollen viele Firmen mit ihr zusammenarbeiten“, so Mahlberg. Auch die Pescher fanden schließlich kooperationswillige Lieferanten.

Nach Gewerkschaftsauskunft ist Manuela Stutzer in Köln bisher die einzige Ex-Schlecker-Beschäftigte, die ein eigenes Geschäft eröffnet hat. Auch ihr Beispiel macht landesweit Schule. Nach einem Fernsehbeitrag über sie riefen ehemalige Kolleginnen an: „Zwei Frauen aus Recklinghausen zum Beispiel wollen sich auch selbstständig machen, wir überlegen, einen Ring zu bilden und uns gemeinsam beliefern zu lassen.“

Den Beruf geliebt

Zwar habe bei Schlecker stets Druck geherrscht, weil die Unternehmensleitung unrealistisch hohe Gewinnvorgaben machte. Dennoch habe sie ihren Beruf geliebt. „Wegen der Vielfalt. Man macht den Einkauf, die Buchhaltung, steht an der Kasse, hat Kontakt zum Kunden, ich bin ein Mensch, der die Bewegung braucht.“ Klar habe sie „Lampenfieber“. „Ich denke aber, es wird laufen, auch weil wir auf die individuellen Wünsche der Kunden eingehen können“, macht sie sich Mut.

„Em & Es – Ihre Drogerie und mehr“, Chorbuschstraße 44, ist seit Anfang dieser Woche geöffnet.