28.09.2016
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Mordvorwurf: Anklage gegen Lea Sofies Stiefvater

Die zweijährige Lea-Sofie ist im Beisein der engsten Angehörigen auf dem Bonner Nordfriedhof beerdigt worden. (Symbolbild)

Die zweijährige Lea-Sofie ist im Beisein der engsten Angehörigen auf dem Bonner Nordfriedhof beerdigt worden. (Symbolbild)

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dpa

Chorweiler -

Drei Monate nach dem qualvollen Tod der kleinen Lea-Sofie aus Chorweiler hat die Kölner Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Sie wirft der Mutter Franziska M. (20) vor, „durch Unterlassen einen Menschen getötet zu haben, ohne Mörder zu sein“ und geht von Totschlag aus. Ihr Lebensgefährte Patrick L. (23) muss sich wegen Mordes „aus niederen Beweggründen“ verantworten. Während die Mutter nach dem Jugendstrafrecht eine Höchststrafe von bis zu zehn Jahren erwartet, droht Patrick L. lebenslange Haft.

Am Tattag, dem 21. Dezember 2012, war Franziska M. einkaufen und Patrick L. mit der Zweijährigen allein zu Haus, als er in einem angeblichen „Blackout“ auf das Kind einprügelte. Lea-Sofie soll im Kinderzimmer ihre Trinkflasche ausgeschüttet und laut geweint haben: Das Jammern des Kindes und der durchnässte Teppichboden erregte den Zorn des Stiefvaters. Er schlug der Kleinen mit voller Wucht die Faust ins Gesicht. Als sie hinfiel, zog er sie so heftig an den Haaren hoch, dass er ein Büschel Haare samt Kopfhaut in den Händen hielt. Noch zweimal schlug er zu und verursachte dabei derartige Gesichtsverletzungen, dass die Mutter bei ihrer Rückkehr beim Anblick der malträtierten Tochter erschrak. Mit Kühlkissen versuchte sie, die völlig apathisch wirkende Zweijährige in ihrem Bett zu beruhigen. Der Freund habe ihr angeblich verboten, einen Arzt zu rufen.

Der qualvolle Todeskampf von Lea-Sofie dauerte nach Einschätzung von Medizinern zwei, wenn nicht drei Tage. Beide Angeklagte – so die bisherigen Ermittlungen – hatten die Leiche in einen Müllsack verpackt und in einen Einkaufstrolley gelegt. Am nächsten Morgen legten sie das tote Mädchen gemeinsam in einem Waldstück am Fühlinger See ab, zerrissen seine Kleidungsstücke und verteilten sie in alle Richtungen, um falsche Spuren zu legen. Am gleichen Tag meldete Franziska M. ihre Tochter als vermisst. Noch am selben Abend verwickelte sie sich bei der Polizei in Widersprüche und gestand schließlich, was passiert war. Wäre Franziska M. unverzüglich mit der lebensgefährlich verletzten Tochter zum Arzt gegangen, hätte Lea-Sofie eine Überlebenschance gehabt. Das haben die Ermittlungen ergeben.

Patrick L. hatte Franziska M. erst drei Monate vorher kennengelernt und war zu ihr in die Chorweiler Wohnung an der Stockholmer Allee gezogen. Der Vater eines knapp zwei Jahre alten Sohnes galt als gewalttätig und unberechenbar. Deshalb hatte sich die Mutter des Jungen bereits vor einem Jahr von ihm getrennt. Franziska M. soll eine liebevolle Mutter gewesen sein, sie lebte von Sozialhilfe. Dem Jugendamt war Franziska M. nicht bekannt.

Nachdem Patrick L. zu Mutter und Tochter gezogen war, hatten Nachbarn wiederholt die Polizei alarmiert. „Wenn er trank, wurde es laut“, werden Mieter des Hauses in den Ermittlungsakten zitiert. Auch Franziska M. soll immer wieder unter der Gewaltbereitschaft des neuen Freundes gelitten haben – ebenso wie Lea-Sofie. Die Kleine war Patrick L. offensichtlich ein Dorn im Auge, immer wieder soll er die Mutter zu härteren Erziehungsmaßnahmen angehalten haben. Die Rede ist von drastischen Schlägen auf das Gesäß.

Für den Prozess hat die Ermittlungsbehörde mehr als 70 Zeugen und acht medizinische und psychologische Sachverständige aufgelistet. Warum die bisher nicht vorbestrafte Mutter immer wieder zusah, wie ihr Freund Lea-Sofie misshandelte, wird eine der zentralen Fragen des Prozesses sein. Patrick L. hat neun Vorstrafen, unter anderem wegen Drogenbesitzes, Beleidigung, Bedrohung und Körperverletzung.
Der Prozess beginnt voraussichtlich Mitte April vor der Jugendstrafkammer des Kölner Landgerichts.