26.08.2016
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Rollenspiel: Kriegerische Wochenend-Germanen

Auf ins Getümmel: Die Kämpfer treten in Kostümen, die nach historischen Vorbildern geschaffenen wurden, gegeneinander an.

Auf ins Getümmel: Die Kämpfer treten in Kostümen, die nach historischen Vorbildern geschaffenen wurden, gegeneinander an.

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Martina Goyert

Longerich -

Kampfgebrüll schallt über die Wiese. Es scheppert bedrohlich, wenn Schwerter, Äxte, Lanzen und Speere auf Kettenhemden und gefütterte Ledermäntel treffen, so genannte Ledergambies. Passanten bleiben gebannt stehen, schauen einen Moment zu und gehen ungläubig weiter. Scheinbar tödlich getroffen humpelt Markus Brück an den Rand des Schlachtfelds und wartet auf die nächste Runde. Wäre er nicht so dick gepolstert, hätte ihm sein Gegner mindestens eine starke Prellung zugefügt. Hier an der Grünfläche nahe der Geestemünder Straße/Ecke Neusser Landstraße in Longerich üben sich die Kämpfer vom RCFK, dem Reenactment Combat Fighting Köln, jeden Sonntag in der frühmittelalterlichen Kriegsführung.

„Andere gehen drei Stunden zum Fußball, wir auf das Schlachtfeld“, sagt der 24-jährige Brück. Er ist Trainingsleiter der Truppe. Die etwa 35 Mitglieder gehören zum einzigen eingetragenen Reenactment-Verein in Köln. Von den fünf Frauen führen zwei Waffen, Claudia Schmidt ist eine von ihnen.

Blaue Flecken gehören dazu

„Wir absolvieren genau dasselbe Programm wie die Männer, werden nicht geschont – und schonen auch niemanden“, sagt die kleine Frau mit den langen roten Haaren. „Die Technik – vor allem das richtige Platzieren von Treffern – ist uns wichtiger als der brutale Krafteinsatz. Und wenn doch ein Schlag zu heftig ist, tut das den Männern genauso weh wie uns“, ergänzt die 39-Jährige. Blaue Flecken und Hautabschürfungen seien bei diesem Sport durchaus möglich – und im Eifer des Gefechts kaum zu vermeiden. Die stumpfen Metallwaffen dürfen nicht unterschätzt werden. Bei schmerzhafteren Verletzungen wie Platzwunden kümmert sich der Verursacher sofort um seinen niedergestreckten Gegner, hilft ihm aus der Rüstung und reicht Kühlakkus oder Pflaster.

Claudia Schmidt ist seit 2011 im Verein. Vorher hat sie jahrelang bei einem Wikinger-Rollenspiel mitgemacht, bei dem die Teilnehmer in eine gemeinsame Fantasiewelt mit Göttern, Fabelwesen und Helden eintauchen. Die Spieler kreieren hier einen fiktiven Charakter, den sie für die Dauer eines Treffens konsequent annehmen. Schmidt wechselte zum Reenactment, weil sie mit Stahl- anstelle von Latexwaffen kämpfen wollte.

Kleidung und Ausrüstung perfekt kopiert

„Ich nähe meine Gewandungen – das sind die Kostüme – selbst, fahre viele Mittelaltermärkte ab und versuche, alles so authentisch wie möglich zu gestalten“, berichtet sie. Auch die anderen Krieger des RCFK kopieren möglichst perfekt Rüstungen, Kleidung, Geschirr, Zelte und Schmuck anhand archäologischer Funde, die zum Beispiel aus Siedlungen und Gräbern stammen.

Dabei orientieren sie sich an Quellen aus dem frühen Mittelalter, das die Geschichtswissenschaft auf den Zeitraum vom sechsten bis zum elften Jahrhundert festgelegt hat. Eine große Bandbreite. Und auch was die dargestellten Figuren und deren Herkunftsland angeht, haben die Vereinsmitglieder eine große Auswahl. So kann es passieren, dass auf dem Schlachtfeld von Longerich ein schwedischer Haudegen aus dem 10. Jahrhundert gegen einen Germanen aus dem 6. Jahrhundert kämpft. Souverän setzt sich die multikulturelle Schar über zeitliche und geografische Grenzen hinweg. „Alles lässt sich problemlos vereinbaren. Die Kriegsführung zum Beispiel hat sich im ganzen Frühmittelalter nicht maßgeblich verändert. Und unsere Aufmachungen sind für Außenstehende kaum voneinander zu unterscheiden, so gut passen sie zusammen“, sagt Markus Brück.

Vorbild aus dem 11. Jahrhundert

Er selbst stellt einen Angelsachsen aus dem 11. Jahrhundert dar. Sein Bezugspunkt ist ein Soldat auf dem Teppich von Bayeux, das ist die einzige zeitnahe Quelle über die Schlacht von Hastings von 1066, in der Wilhelm der Eroberer die Herrschaft über England erlangte. Brück versucht, die Rüstung der Figur genau zu imitieren. Doch war er bisher mit dem Kostüm noch nicht zufrieden. „Mein Ledergambie will ich durch ein Kettenhemd ersetzen, um Schultern, Nacken und Arme besser schützen zu können. Sechs Wochen lang habe ich jeden Abend daran gearbeitet, jetzt ist es endlich fertig.“


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