28.07.2016
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Urban Gardening: Gartenglück über den Dächern

Anna Zowada entnimmt den Thymian, um ihn in die Erde zu setzen.

Anna Zowada entnimmt den Thymian, um ihn in die Erde zu setzen.

Foto:

Waldschmidt

Chorweiler -

Regenwürmer in der Erde? Fehlanzeige. „Vielleicht sollten wir uns ein paar per Post zuschicken lassen“, scherzt André Jörg, wirtschaftlicher Leiter im Marie-Juchacz-Zentrum, während er Pflanzentöpfe verteilt. Hoch oben auf dem Dach des Altenheims gärtnert neuerdings ein Senioren-Team. Ob mit oder ohne Regenwurm, wird sich in den nächsten Monaten noch herausstellen. Das Gartenprojekt startete kürzlich mit der Umwidmung einer Grünfläche im Innenhof zur kleinen Streuobstwiese – dort stehen jetzt Obstbäume und Beerensträucher.

Etwa 20 Heimbewohner beteiligen sich. Die einen kümmern sich als Baumpaten um die Obstwiese; die anderen bauen selbstständig Gemüse an. Dafür wurde jetzt auf der Dachterrasse ein mobiler Gemüsegarten angelegt. Urban Farming heißt das Vorhaben. Der Begriff stammt aus der Urban-Gardening-Bewegung, die ihren Ursprung in Großbritannien und den USA hat und jetzt offensichtlich auch in den hiesigen Seniorenheimen angekommen ist. Typisch für Urban Gardening: Es wird in mobilen Behältern angepflanzt, in Reissäcken oder Kunststoffkörben. Auch Betonflächen können so für den Gemüseanbau genutzt werden. Darüber hinaus haben solche Hochbeete den Vorteil, dass sie rückenfreundlich sind – schließlich müssen sich die Gärtner bei der Arbeit nicht allzu oft bücken.

50 Korbbeete mit Gemüse und Kräutern

Auf dem Dach des Juchacz-Zentrums stehen mehrere aus Kunststoffkörben zusammengesetzte Beet-Türme, als Sockel dienen Holzpaletten. Jedes Hochbeet umfasst zwölf Plastikkörbe nebeneinander, alle mit einer wasserdurchlässigen Folie ausgelegt und mit krumigem Torf-Muttererde-Gemisch befüllt. Insgesamt sollen es mehr als 50 Korbbeete werden. Ganz unten im Behälter lagert Tongranulat. „Das hilft, Staunässe zu verhindern“, erläutert André Jörg. Ein Brett wurde an die Mauer geschraubt, dort hängen Gartengeräte in knalligen Farben: Schippen, Hacken, Rechen, eine Blumenschere. Auch Arbeitshandschuhe und Schürzen hat die Hausleitung an die Seniorengärtner verteilt. Margarete Becker (87) findet das urkomisch: „Nein, früher zu Hause habe ich nie eine Schürze getragen, da bin ich einfach ohne nachzudenken von der Küche in den Garten gerannt“, sagt die Seebergerin und lacht. Die Gemüsesorten für den Dachgarten haben die Senioren selbst ausgesucht: Rhabarber, Kartoffeln, Sellerie, Spitzkohl, Kopfsalat etwa stehen parat und viele, viele Kräuter.

Gartenregel Nummer eins: Immer mit der Witterung gehen, nie dagegen! Angesichts dunkler, heranziehender Wolken wird Anna Zowada (83) denn auch unruhig. „Ich muss mit dem Pflanzen fertig sein, bevor es regnet!“ Eilig macht sie sich ans Werk, als erstes nimmt sie sich zwei Thymian-Stöcke vor: Erde auflockern, Loch ausheben, den Pflanzenball vorsichtig dem kleinen Topf entnehmen und dann in das Erdloch betten – nicht zu fest, sondern mit Gefühl. Gartenregel Nummer zwei: Sei nett zu deinen Pflanzen! „So, mein Thymian, ich wünsch’ dir viel Glück“, liebkost Anna Zowada noch zum Schluss das Junggrün. „Daraus will ich mir Tee zubereiten, Thymian hilft gegen chronischen Husten.“

Gärtnern für Stadtkinder

In Schlesien sei sie aufgewachsen, ihre Eltern hätten einst einen Garten gehabt, daher kämen ihre Kenntnisse, die sie auch gern weitergibt. „Oh je, doch nicht den Keim nach unten in die Erde“, sagt Anna Zowada zu Verena Köhne gewandt, die gerade Pflanzkartoffeln der Sorte Cilena setzt. „Ich bin Stadtkind und habe leider gar keine Ahnung von Gartenarbeit“, gesteht Köhne lachend. Im Juchacz-Zentrum ist sie als Koordinatorin zuständig für Marketing und Design. Optimistisch meint sie: „Ach, die Kartoffelkeime werden schon selbst den Weg wieder durch die Erde nach oben finden!“