29.07.2016
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Urban Gardening: Vom Dachgarten in die Küche

Magdalene Plautz entfernt sorgfältig die Stielansätze der Tomaten, damit sie gut zu pürieren sind.

Magdalene Plautz entfernt sorgfältig die Stielansätze der Tomaten, damit sie gut zu pürieren sind.

Foto:

Waldschmidt

Chorweiler -

Prall, rund und rot, so müssen Fleischtomaten aussehen, und genauso reifen sie derzeit im Dachgarten des Marie-Juchacz-Altenzentrums heran. Seit April wird dort Gemüse angebaut, in transportablen Kunststoffkörben, die auf etwa einen Meter Höhe gestapelt sind – also bequem zu erreichen auch für die Rollstuhlfahrer und Rollatorengänger unter den Senioren. Das Urban-Gardening-Projekt war eine Idee der Heimleitung und wird von den Hausbewohnern mit viel Enthusiasmus angenommen – rund 20 sind als Hobbygärtner aktiv.

Es ist Tomatenzeit, also wird Tomatenmarmelade eingekocht. „Die schmeckt nicht nur gut zu Fleisch oder Fisch, sondern sogar auf Stutenbrot mit Butter“, sagt Ute Klostermann. Die Betreuungsassistentin leitet seit 2012 im Haus eine Koch- und Einweckgruppe, an der sich in wechselnder Besetzung rund zehn Seniorinnen regelmäßig beteiligen. Derzeit entsteht ein Kalender für 2014 mit lauter Einmachrezepten. Die vorher in der eigenen Versuchsküche erprobt werden. Selbstverständlich unter Verwendung von Saisongemüse aus dem Dachgarten – Ehrensache!

Mit Eifer bei der Sache

Für die Tomatenmarmelade werden ein Kilo Früchte gebraucht, doch leider sind nicht genügend reif geworden – die Natur arbeitet nun mal nicht auf Kommando. Ein Zukauf aus dem Supermarkt war also unvermeidlich. Als sie das gesteht, lacht Ute Klostermann (56) verlegen, es scheint ein wenig an ihrem Hausfrauenstolz zu nagen. Dabei beweist sie ja damit eigentlich nur ihr Improvisationstalent. Überbrühen, häuten, zerkleinern, pürieren, würzen: die Arbeitsschritte, bevor der Sud im Topf auf dem Herd zehn Minuten lang unter Rühren mit Gelierzucker einkochen muss.

Die Seniorinnen sind mit Eifer bei der Sache, auch wenn die Finger nicht mehr so flink sind wie in jungen Jahren. Gertrud Marek (92) zum Beispiel schneidet nur mit einer Hand, ihr linker Arm ist in Folge eines Schlaganfalls gelähmt. Christine Wolber (85) schwelgt in Erinnerungen: „Gut einlegen lassen sich auch Eier, Soleier gab’s früher in Kneipen gegen den Kater, ich hab’ sie auch oft auf Kreuzfahrtreisen gegessen, damit ich nicht seekrank wurde.“

Zu viele Kartoffeln geerntet?

Magdalene Plautz ist nicht ganz so fröhlicher Stimmung. Sie hat sich über einen Hausbewohner geärgert. Der arbeitet beim Gartenprojekt nicht mit, transportierte aber dennoch kürzlich eine überdimensional große Menge Kartoffeln von der Terrasse ab: „Er hatte den Karton auf dem Schoß. Und als er mich sah, sauste er mit seinem Rollstuhl in den Aufzug, ohne mich zu grüßen.“ Wer wie viel von welchem Beet nehmen darf – die Frage beschäftigt die Seniorengärtner schon von Anfang an. Die Hausleitung hat zwar verfügt, dass alle im Haus, Mitarbeiter und Bewohner, ernten dürfen. In der Praxis ist das aber für einige Garten-Aktivisten wie Magdalene Plautz ein wunder Punkt, entwickeln sie doch automatisch zu den von ihnen betreuten Beeten ein Gefühl der Verantwortung. Und erleben es dann als schmerzlich, wenn die ungefragt geplündert wurden. „Was soll das?“, fragt die 77-Jährige missbilligend. „Es gibt hier im Heim doch genug zu essen.“

Sie steht jetzt an der Spüle, wäscht die Gläser ab, in kochend heißem Wasser. Dann füllt Ute Klostermann die brodelnde Tomatenmasse ein, schraubt sie blitzschnell zu. Kopfüber müssen die vollen Marmeladengläser nun eine Weile ruhen, damit sich ein Vakuum bildet und die Deckel luftdicht schließen. Apropos Dachgarten. „Ich habe da gestern einen schönen, großen, reifen Kürbis gesehen“, sagt Klostermann. Also los in den fünften Stock. Ausufernd kriecht das Kürbisgrün bis runter auf den Betonboden. Jedoch: „Schon weg!“ Eine leere Stelle klafft. Jemand war schneller. Einen Speiseplan machen und dann wie auf Bestellung die benötigte Menge ernten wollen – das klappt im Juchacz-Garten nun mal nicht. Spontaneität ist gefragt.