27.09.2016
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Der Dauer-Demonstrant: „Ich will andere warnen“

Johann Lang (78) protestiert mehrmals in der Woche vor Filialen der Commerzbank.

Johann Lang (78) protestiert mehrmals in der Woche vor Filialen der Commerzbank.

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Peter Rakoczy

Köln -

Ob er sich wie Tausende anderer Anleger auf dem Neuen Markt bloß verzockt hat oder von einem ehrgeizigen Fondsmanager ausgetrickst wurde – wer will das nach zwölf Jahren noch beantworten? Für Johann Lang liegt der Fall klar. Der heute 78-jährige ehemalige Lebensmittel-Kaufmann aus Lindenthal fühlt sich betrogen.

„Ich habe der Dresdner Bank im Jahr 2001 meine Rentenersparnisse anvertraut. 25 000 D-Mark waren das damals, und mehr als 80 Prozent habe ich verloren.“ Das ist lange her. Klar habe er damals den Fehler begangen und nicht in solide Kommunalobligationen bei seiner Hausbank investiert. Das gibt der Rentner gern zu. Die scheinbar hohen Renditen seien auch für ihn sehr reizvoll gewesen. „Heute bin ich froh, dass ich mit dieser Entscheidung nicht meine gesamte Existenz vernichtet habe.“

Dresdner Bank ist Geschichte

Die Dresdner Bank gibt es längst nicht mehr, sie ist im Mai 2009 in der Commerzbank aufgegangen. Johann Lang gibt es noch. Mit seinen Versuchen, das Geld zurückzubekommen, ist er gnadenlos gescheitert. Dabei hat Lang alle Hebel in Bewegung gesetzt: Rechtsanwälte, die Verbraucherzentrale, das Bundeskartellamt, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, den Dachverband Kritischer Aktionäre, den Ombudsmann der Privatbanken, das Bundesverfassungsgericht, den Europäischen Bürgerbeauftragten, den Europäischen Gerichtshof und und und. Das war 2003 – genutzt hat es nichts.

Vielleicht hätte sich Johann Lang irgendwann damit abgefunden, dass die „Giftpapiere“, wie er sie nennt, nicht mehr viel wert waren. Doch dann kam ein Brief, der ihn bis heute fassungslos macht. Im Februar 2002 schickte ihm die Dresdner Bank ein formloses Schreiben und bot ihm als „Chance zur Veränderung“ einen Fondstausch an: „Wir hoffen, Sie auch weiterhin zu unseren zufriedenen Kunden zählen zu können.“ Es gibt Sätze, die das Leben eines Menschen verändern können. Bei Johann Lang war es dieser Satz.

Protestplakate auf der Windschutzscheibe

„Die wollten allen Ernstes auch noch den Rest meiner Ersparnisse verbrennen.“ Bis heute regt sich Johann Lang „über diese Unverfrorenheit“ auf. Es dauert ein Jahr, bis er einen Weg gefunden hat, seinen Frust zu kanalisieren. Am 22. April 2003 beginnt eine neue, etwas andere Geschäftsbeziehung zwischen der Dresdner Bank und Johann Lang. In der Tiefgarage der damaligen Filiale an der Komödienstraße. Um sieben Uhr morgens parkt Lang dort seinen Wagen mit gelben Protestplakaten auf der Windschutzscheibe. Das böse Wort vom „Anlagebetrug“ taucht ebenfalls auf. „Die Sicherheitsleute wollten mich wegschicken, aber dummerweise konnte ich meinen Autoschlüssel nicht finden.“ Erst nach sechs Stunden verlässt er die Tiefgarage wieder. Und freut sich über den gelungenen Coup.

Seither ist Johann Lang Woche für Woche unterwegs. Bis zu fünf Banken macht er am Tag. Je nach Wetterlage dreimal in der Woche. Inzwischen fährt er nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad. Vor den Filialen, damals der Dresdner Bank und heute der Commerzbank, klappt er ein zum Plakatständer umfunktioniertes Wäschereck auf, befestigt es mit Abspannseilen in den Pflasterfugen und macht so auf sein Schicksal aufmerksam.

„Ich will andere warnen“

Vor dem Wäschereck gab es die „weiße Frau“, eine mit weißen Bettlaken umhüllte Trittleiter, „die man schon aus 100 Metern Entfernung sehen konnte“ und auf die er seine Plakate tackerte. Doch es war auf Dauer zu beschwerlich, die „weiße Frau“ mit dem Fahrrad zu transportieren. Man werde schließlich nicht jünger. „Ich will andere warnen, bei Geldanlagen sehr vorsichtig zu sein.“

Die Reaktionen seien durchweg positiv, nur einmal sei er von einem Angetrunkenen angegriffen worden. Lang kennt jeden seiner Protestplätze genau. In einer Plastiktüte führt er alles mit sich, was er für die mobile Bank-Mahnwache benötigt: Paketband-Abroller, einen kleinen Hammer, Spanngurte für den Gepäckträger.

Zwei Stunden am Hohenzollernring, dann radelt er weiter zum Ebertplatz und zum Neumarkt. Eine andere Route führt ihn nach Braunsfeld und Ehrenfeld. „Anfangs hat man versucht, mich von der Polizei entfernen zu lassen. Das hat nicht funktioniert. Dann hat man mir rechtliche Schritte angedroht. Seit ein paar Jahren werde ich einfach ignoriert.“

Auf einen Vergleich gehofft

In den ersten Protest-Jahren habe er noch gehofft, „dass ich denen auf die Nerven falle und man mir einen Vergleich anbietet“. Heute weiß er, dass dieser Fall niemals eintreten wird.

Aber Lang ist ein Mensch, der durchzieht, was er sich einmal vorgenommen hat. Ihm macht es nichts aus, dass viele ihn für skurril halten und denken, „da steht der Idiot schon wieder bei uns vor der Tür“. Von einem freundschaftlichen Verhältnis zur Commerzbank sei keine Rede, aber es sei ihm zu Ohren gekommen, dass einige Banker seinem Dauerprotest zumindest mit Respekt begegneten. Lang ist entschlossen, noch viele Jahre durchzuhalten. Wenn er in Urlaub fährt, „meistens nach Bayern“, kündigt er bei den Filialen der Commerzbank seinen Protest vorher an. „Meine Frau geht so lange in ein Café.“

Ob sie seine Dauer-Demos nicht satthabe? „Sie lässt mich machen“, sagt Johann Lang nur.

Kürzlich hat er „denen in Frankfurt“ bei der Commerzbank wieder einen Brief geschrieben. Nicht mit Forderungen, sondern nur mit einem freundlichen Hinweis. Seine Eltern seien 94 Jahre alt geworden, „also müssen Sie noch 16 Jahre mit mir rechnen“. Antwort habe er nicht bekommen. Das habe er aber auch nicht erwartet.


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