25.07.2016
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Dr. Becker Kliniken: „Unser Anspruch ist, unter den besten zehn Prozent zu liegen“

Die Schwestern Petra (links) und Ursula Becker leiten in zweiter Generation die Dr.-Becker-Klinikgruppe.

Die Schwestern Petra (links) und Ursula Becker leiten in zweiter Generation die Dr.-Becker-Klinikgruppe.

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Martina Goyert

Köln -

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte der Kölner Dr. Becker Kliniken in den späten 70er Jahren – und das ausgerechnet mit einem gesundheitlichen Rückschlag. Ernst Becker, ehemaliger Oberkreisdirektor in Arnsberg und Vorsitzender der Sauerland-Klinik Hachen, bekam einen Herzinfarkt.

Mit Anfang 50 ging er in den Ruhestand, wollte sich aber noch nicht auf das Altenteil zurückziehen. Ein befreundeter Arzt brachte ihn auf die Idee, dass dringend Betten für Suchtkranke benötigt würden. In der Zeitung stießen Becker und seine Frau Marie-Luise auf eine Anzeige. In der Nähe von Osnabrück stand eine Rehaklinik aus einer Insolvenz zum Verkauf. „Meine Eltern zögerten nicht lange und wie sich zeigte, war die Entscheidung richtig, denn nach dem Kauf und der Umwandlung in eine Suchtklinik waren die Betten schnell komplett belegt“, sagt Tochter Ursula Becker, die das Unternehmen zusammen mit ihrer Schwester Petra mittlerweile in zweiter Generation führt.

„Die Reha ist ein Produkt, mit dem wir Menschen helfen“

Weil weiterhin zusätzliche Betten gebraucht wurden, übernahm das Ehepaar Becker kurze Zeit später eine weitere Klinik aus der selben Insolvenzmasse. In den folgenden Jahren kamen bundesweit weitere Kliniken hinzu. Insgesamt sieben Rehakliniken betrieb das Familienunternehmen, als sich 1996 unter Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) die Gesetzlage veränderte und viele Rehakliniken in Schieflage gerieten. Der damalige Geschäftsführer der Becker-Kliniken verließ das Unternehmen und Ursula Becker, die erst Jura und dann BWL studiert hatte, entschied sich einzusteigen. „Ursprünglich hatte ich das gar nicht vor, aber dann stand die Entscheidung für mich fest: »Ich mach das!«“, sagt Ursula Becker. Sie und ihre Schwester seien von früher Jugend an über die Entwicklungen des elterlichen Unternehmens im Bilde gewesen. „Die Kliniken waren immer Thema und wenn ein neuer Arzt eingestellt wurde, fand das Vorstellungsgespräch im Wohnzimmer auf der Couch statt“, so Becker.

Vier Jahre später kam auch Schwester Petra in die Firma. Ihren Job bei der Unternehmensberatung McKinsey reduzierte die promovierte Wirtschaftsingenieurin auf Teilzeit, um im Familienunternehmen mitzuarbeiten. „Ich habe mich immer wieder hinterfragt, wo mein Herzblut liegt, und mir ist klargeworden, dass die Reha ein Produkt ist, mit dem wir Menschen helfen“, so Petra Becker.

30.000 Patienten im Jahr

Die Eltern hätten ihr Unternehmen sehr gut loslassen können, schildern die Schwestern den Generationswechsel an der Firmenspitze. So hätte das Ehepaar Becker zwar noch beratend zur Seite gestanden, aber keinen Schreibtisch mehr in der Firma gehabt.

Aber wie ist es, zusammen mit seinem Geschwister ein Unternehmen zu führen, und wie löst man in einem so engen Arbeitsumfeld Konflikte? „Wir haben zum Glück sehr unterschiedliche Stärken und ergänzen uns deshalb“, sagt Petra Becker. Ihr Geheimnis liege darin, dass die Aufgaben komplett aufgeteilt sind. „Ursula ist extrovertiert und deshalb die Außenministerin. Sie verhandelt mit Versicherungsträgern und Kassen, vertritt das Unternehmen in den Verbänden und gegenüber der Politik. Ich bin die Innenministerin, kümmere mich um Angebot und Versorgung, Controlling, EDV und treibe die Digitalisierung voran“, so Petra Becker.

Gemeinsam modernisieren die Schwestern das Unternehmen seit dem Ausscheiden der Eltern, führen Controlling und IT flächendeckend ein, erweitern das medizinische Angebot, trennen sich von einzelnen Häusern und übernehmen neue. Heute hat die Becker-Klinikgruppe mit Sitz in Marienburg insgesamt acht stationäre und eine teilstationäre Klinik sowie fünf Pflegeheime.

Drei Millionen Investition in der Rhein-Sieg-Klinik

Angeboten werden Anschlussheilbehandlungen, Frührehabilitation, ambulante Reha sowie Prävention. Schwerpunkte sind Neurologie, Orthopädie, Psychotherapie und Kardiologie. In der Rhein-Sieg-Klinik in Nümbrecht investieren die Schwestern gerade drei Millionen Euro in den Ausbau der neurologischen Frührehabilitation sowie die Ausstattung. Der Wettbewerb um die Auslastung der Betten und die Zuweisungen durch die Krankenkassen zwischen den Anbietern sei hart. „Der Preis ist das alleinige Kriterium, was dazu führt, dass die Kliniken sich unterbieten“, so Becker. „Das wollen wir nicht mitmachen.“

Knapp 1700 Mitarbeiter betreuen um die 30.000 Patienten pro Jahr und erwirtschaftet einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro. Expansion und der Blick auf kurzfristige Quartalszahlen stehen bei dem Familienunternehmen nicht im Vordergrund. „Wir haben uns ganz bewusst gegen starkes Wachstum entschieden, weil wir im Sinne der Patienten sehr gute Leistungen anbieten wollen “, sagt Ursula Becker. Und so steht die Qualitätssicherung im Zentrum der Unternehmensstrategie. „Unser Anspruch ist, unter den besten zehn Prozent zu liegen, und das lösen wir auch regelmäßig ein“, so Ursula Becker.

Langfristig setzt das Unternehmen auf Reha mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts. Dazu gehören vor allem die Neuen Medien und innovative Therapien. Gerade hat man ein Forschungsprojekt zur internetbasierten Reha-Nachsorge für psychosomatische Patienten mit der Uni Lüneburg gestartet. Es soll untersucht werden, ob diese Form genau so wirkungsvoll ist wie reale Therapiegruppen. „Das Internet gibt uns die Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen und eröffnet Patienten mehr individuelle Therapieangebote. Diese Chance wollen wir nutzen“, so Becker. Seit einiger Zeit betreibt die Gruppe ihren ersten Youtube-Kanal, für „Patienten von heute und morgen“.


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