26.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Neuehrenfelder Salon: Reden über Gott und die Welt

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau diskutierte in einem Neuehrenfelder Wohnzimmer mit Bürgern.

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau diskutierte in einem Neuehrenfelder Wohnzimmer mit Bürgern.

Foto:

Christoph Hennes

Neuehrenfeld -

Wenn 30 engagierte Neuehrenfelder in einem kleinen Wohnzimmer mit der Bundestagsvizepräsidentin über den Staat und die soziale Freiheit debattieren, kochen die Emotionen schon mal über. Philosophische Einschübe, kleine Sticheleien, verbale Seitenhiebe und intellektuelle Spinnereien, aber auch genau durchdachte Argumente – hier muss mit allem gerechnet werden. Zwischenrufe mit dem simplen Inhalt „Quatsch!“ sind ebenso üblich wie ausschweifende Ausführungen. „Erster Neuehrenfelder Salon für Erbauung, Austausch und Spaß“ nennt sich der Abend, in dessen Rahmen dieses Spektakel alle paar Wochen veranstaltet wird.

Den Gästen geht es vor allem um den Austausch – sei es politisch, wissenschaftlich oder einfach alltäglich. Dafür treffen sie sich regelmäßig mit einem anderen Referenten zu einem bestimmten Thema in einem Wohnzimmer der Nachbarschaft und diskutieren bis spät in die Nacht hinein.

Themen von Astrologie bis Wertewandel

Vorbild der Idee ist der „Salon Europa“, der von Initiatorin Rose Packebusch vor zwölf Jahren in Höhenhaus in ihrem eigenen Wohnzimmer gegründet wurde. Er erinnert an alte Zeiten, als man sich noch in großen Salons der Häuser von Mäzenen traf, um über Gott und die Welt zu sprechen.

Vier Nachbarn überlegten sich daraufhin vor knapp fünf Jahren, in der Neuehrenfelder Hans-Wild-Straße einen eigenen Salon ins Leben zu rufen. Weil die Gastgeber keine Mäzene und ihre Wohnzimmer keine großen Salons sind, bezahlt jeder Gast zehn Euro, davon werden Wein und Referenten bezahlt. In der Vergangenheit standen Themen von Astrologie bis Wertewandel auf der Tagesordnung. An diesem Abend ist Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau zu Gast. Sie ist Mitglied bei der Linkspartei und beim NSU-Untersuchungsausschuss, hat zwei Stunden Zeit, viel Hintergrundwissen und viele provokante Thesen und Ansichten mitgebracht.

In Neuehrenfeld trifft sie auf Zuhörer, die vor allem eines haben: eine eigene Meinung. Das Thema des Abends lautet „Der Staat und die individuelle Freiheit“ und beinhaltet jede Menge Diskussionspotenzial. Es geht um Fragen wie „Kann man Bürgern mehr Volksabstimmungen anvertrauen?“ oder „Wie viel Mitbestimmungsrechte braucht eine Demokratie eigentlich?“

Meist sachlich und manchmal provokant

Die Diskussion kommt schnell richtig in Gang – und zwischen vielen sachlichen Argumenten wird auch mal provoziert und gestichelt. „Wer auf der Autobahn fährt, braucht einen Führerschein“, sagt einer der Gäste. „So sollte es bei Bürgern, die mitbestimmen wollen, auch sein.“

Der Beitrag lässt bei vielen die Emotionen hochkochen und löst Reaktionen wie diese aus: „Und welches System bevorzugen Sie? Ach, sagen Sie’s lieber nicht, ich möchte es gar nicht wissen.“ Selbst die Referentin wird direkt in die Diskussion miteinbezogen und aufgefordert, weniger Partei-Meinung und mehr persönliche Ansichten vorzubringen – dem sie gerne nachkommt.

Nach mehr als zwei Stunden verabschiedet sich Pau – mit einem kleinen Geschenkkorb voller Ehrenfelder Spezialitäten und einem Dankeschön von den heutigen Gastgebern Hilke Lamers und Carsten Schlebusch. „Der Salon ist jedes Mal eine schöne Sache, weil die Diskussion zum Nachdenken anregt“, sagt Schlebusch. Das sei für ihn Motivation genug, sein Wohnzimmer für den Salon hin und wieder zur Verfügung zu stellen, auch wenn mal ein Gläschen Wein auf dem Parkettboden verunglückt.

„Wir können uns selbst überlegen, worüber wir reden möchten und worüber nicht – dadurch wird es interessant. Und wenn man abends nach Hause geht, nimmt man immer etwas Neues mit.“