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Einsturzstelle: Neuer Streit um den Schacht

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Am ehemaligen Stadtarchiv werden Pfähle für einen Schacht gesetzt, der zu einem Loch in der U-Bahn-Wand führen soll.  Foto: Stefan Worring
Über einen 27 Meter tiefen Schacht wollen Gutachter die Einsturzursache für das Stadtarchiv ergründen. Der Gutachter der am Bau der U-Bahn-Grube beteiligten Unternehmen hält den Besichtigungstunnel hingegen für sinnlos.  Von
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Das Gerät, das von weitem aussieht wie ein riesiger Baustellenkran, dreht ein 1,50 Meter breites Stahlrohr in den Untergrund. Zentimeter für Zentimeter, bis auf eine Tiefe von 38,70 Meter. Insgesamt 21 dieser Röhren sollen gesetzt werden, um sie dann mit Beton zu füllen. Die Pfähle sollen dem fünf mal zwölf Meter großen Schacht Stabilität verleihen, mit dem Gutachter die Einsturzursache für das Stadtarchiv ergründen wollen. In einer Tiefe von etwa 27 Metern vermuten zahlreiche Experten ein Loch in der Außenwand der angrenzenden U-Bahn-Grube, durch das das Erdreich unter dem Archiv in die Bahn-Baustelle gespült worden sein könnte – wodurch es schließlich zum Einsturz gekommen sein soll.

Die Pfähle sollen bis Ende Mai gesetzt, das gesamte Besichtigungsbauwerk aber wohl frühestens erst im Frühjahr nächsten Jahres fertig sein, sagen Insider. Während die Arbeiten auf dem ehemaligen Archivgelände vier Jahre nach dem Unglück langsam vorangehen, ist hinter den Kulissen ein heftiger Streit über den Sinn des Besichtigungstunnels entbrannt.

Sinnloses Außenbauwerk

Der Schacht sei komplett überflüssig, meint der Gutachter der am Bau der U-Bahn-Grube beteiligten Unternehmen (Arge). Denn es könne mittlerweile als bewiesen gelten, dass es überhaupt kein Loch und keine Lücke in der Schlitzwand gebe. Statt mühsam das angeblich sinnlose Außenbauwerk zu errichten, das etwa 27 Millionen Euro kosten soll, müsse die havarierte Baugrube jetzt von innen begutachtet werden.

Bei seiner Forderung bezieht sich der Arge-Gutachter auf neue Untersuchungen im Untergrund der Einsturzstelle. Dabei handelt es sich um sogenannte Rammsondierungen, bei denen Stangen in den Boden getrieben werden, um dessen Beschaffenheit zu ergründen. Zwar ist das Gelände in den vergangenen Jahren schon über 200 Mal sondiert worden, aus Sicherheitsgründen aber noch nie in unmittelbarer Nähe der Schlitzwand-Lamelle 11, die nach der Einschätzung zahlreicher Sachverständiger fehlerhaft und damit die vermutliche Ursache für die Katastrophe ist.

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Bei der aktuellen Sondierung jedoch sei der unmittelbare Bereich vor der vermuteten Fehlstelle „in einem engmaschigen Muster“ untersucht worden, betonte Arge-Sprecher Stefan Kombüchen auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Dabei habe sich herausgestellt, dass der Boden vor der vermuteten Fehlstelle „dicht bis sehr dicht gelagert“ sei. Wenn es ein Loch gäbe, müsste das Erdreich jedoch wesentlich lockerer sein.

Eine derartige Interpretation, sollte sie sich bewahrheiten, würde den Arge-Unternehmen in die Karten spielen. Denn von den Firmen zu verantwortende Baumängel, die zahlreiche Experten als Ursache für die Havarie am 3. März 2009 vermuten, „sind demnach schon heute praktisch auszuschließen“, meint Kombüchen.

Der Einsturzgrund

Verursacht wurde das Unglück durch die U-Bahn-Grube am Waidmarkt. Im Gegensatz zu den Baufirmen gehen zahlreiche Gutachter davon aus, dass durch ein Loch in Lamelle 11 der Baustellen-Außenwand und illegal abgepumptes Grundwasser ein immer größer werdender Hohlraum im Erdreich unter dem eingestürzten Stadtarchiv entstanden ist. (det)

Diese Sichtweise, die die Baufirmen womöglich vor Schadensersatzansprüchen in Höhe von mehreren Hundert Millionen Euro bewahren würde, teilen die sechs anderen am Verfahren beteiligten Sachverständigen jedoch nicht. Die Experten, unter anderem der vom Landgericht beauftragte Gutachter für die Beweissicherung, sind dem Vernehmen nach weiterhin der Meinung, der momentan von außen gebaute Besichtigungsschacht sei nötig und sinnvoll.

Noch komplizierter

Denn die Arge-Interpretation der neuen Sondierungsdaten ist umstritten. „Unter anderem wird bei diesen Schlussfolgerungen davon ausgegangen, dass in kurzer Zeit mehrere Tausend Kubikmeter Erde durch das Loch gerauscht sind, das deshalb sehr groß sein müsste“, sagt ein Insider. Die Größe oder der Zeitraum, in dem das Erdreich in die Grube eingedrungen ist, seien aber noch unklar.

Zudem sei das von der Arge geforderte Besichtigungsbauwerk im Inneren der verschütteten Haltestelle noch deutlich komplizierter und aufwendiger zu realisieren als der derzeit geplante äußere Schacht. Und abgesehen davon sei die gewünschte Innenbeweissicherung auf absehbare Sicht schon deshalb nicht realistisch, weil sie vernünftigerweise mit der Sanierung des U-Bahn-Gleiswerkes einhergehen müsse. Über diese Punkte jedoch gibt es bis zum heutigen Tage noch keinerlei verbindliche Überlegungen oder Absprachen zwischen den beteiligten Unternehmen und den Kölner Verkehrs-Betrieben oder der Stadt.

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