28.08.2016
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Ernährungsmesse Anuga: Vegane Küche liegt stark im Trend

Elisa Neutatz aus Bayern vor Pfannen mit veganem Curry und Chili non Carne.

Elisa Neutatz aus Bayern vor Pfannen mit veganem Curry und Chili non Carne.

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Martina Goyert

Köln -

Die ehemalige Schauspielerin Barbara Rütting tut es, ihr amtierender Kollege Uwe Kockisch (Weißensee) tut es ebenfalls, und der Speisenmeister Christopher Hinze tut es sogar vor den Augen vieler interessierter Anuga-Besucher. Während oben im Congress-Saal der EU-Kommissar für Energie, Günther H. Oettinger, zum Auftakt der weltgrößten Fachmesse für Ernährung die Löhne in der Fleischindustrie beklagt, demonstriert Bio-Spitzenkoch Hinze am Stand der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), dass man nicht nur auf Fleisch, sondern komplett auf tierische Produkte verzichten und trotzdem köstlich essen kann.

Hinzes Rote-Beete-Carpaccio mit Zitrusvinaigrette und die Kichererbsenpfanne finden großen Zuspruch – wie viele Produkte in der Halle 5.1, wo sich der neue Ernährungstrend am deutlichsten widerspiegelt.

Nach Worten von Jean François Ordureau am belgischen Stand Veggitude „wächst der Markt in Deutschland schneller als sonst irgendwo in Europa“. Ordureau zeigt auf einen Burger, der sich optisch kein bisschen vom fleischigen Kollegen unterscheidet und erklärt, dass die Äußerlichkeit ganz wichtig sei, um vor allem Jugendliche anzusprechen. Schon heute könne man oft erleben, dass die Heranwachsenden ihre Eltern in Sachen vegane Ernährung umkrempelten.

Chili non Carne

Für die 20-jährige Elisa Neutatz aus Bayern ist das längst keine Frage mehr. Die junge Frau rührt am Stand von Bioland in einem „Chili non Carne“ und erzählt von ihrer Umstellung. Erst sei sie Flexitarierin gewesen und habe nur sonntags Fleisch gegessen. Dann habe sie sich von diesem Gegenentwurf zum Veggie-Day verabschiedet und verzehre seit sieben Monaten weder Fleisch, noch Milch, noch Eier.

Befragt man die offizeillen redner am Eröffnungstag nach ihrer Einstellung zu veganer Ernährung, stößt man auf „viel Verständnis“ (Oberbürgermeister Jürgen Roters), möchte sich „aber nicht vorschreiben lassen, wann ich was zu mir nehme“, (Werner Hoyer, Präsident der Europäischen Investitionsbank). Auch der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Wolfgang Ingold, befürwortet einen Veggie-Day, sofern er freiwillig erfolgt. „Wir nennen das bei uns Eintopf-Tag.“

Und wie ist es bei dem Politiker aus dem Herkunftsland der Herrgottbescheißerle, wie die Schwaben einst ihre Maultaschen nannten, weil durch die Teighülle der fleischige Inhalt kaschiert wurde und somit einem Verzehr am Karfreitag nichts im Wege stand? Günther H. Oettinger hätte kein Problem mit veganen Mahlzeiten. Er esse ohnehin keine große Fleischmenge, nur 60 Gramm am Tag. „Der Mix macht’s“, findet er, derweil im Foyer Sushi, Salat mit Hühnchen, Büffelkäse mit Kaviar und Tomatenpesto herumgereicht werden.

Ein gestrenger Veganer hätte also das Mini-Sojafläschchen ansetzen oder zu einem der Himbeersmoothies greifen müssen. Doch Obacht: Nicht alles, was rein pflanzlich scheint, ist deswegen per se vegan. Paul Löhndorf, Geschäftsführer einer kleinen in Berlin ansässigen Fruchtmanufaktur, verweist darauf, dass „Limonaden großteils mit Gelatine geklärt“ werden. Anders die Limos von Proviant, die aus nichts anderem als Früchten, Wasser und fair gehandeltem Rohrzucker bestünden.

Astrid Waller findet es skandalös, dass tierische Rückstände wie Schweineborsten, Federn und vieles mehr in Lebensmitteln verarbeitet werden dürfen, ohne dass die Hersteller verpflichtet seien, diese zu benennen. „Vom Tier wird wirklich alles verwertet“, betont die 53-jährige Saarländerin am Schokoladenstand von Il Modicano. Ihre Leinentasche mit der Aufschrift „In einer Metzgerei ist alles doof“ spiegelt ihre Ernährungshaltung. Sie will nicht missionieren, staunt jedoch über das, „was die Leute alles essen, ohne zu wissen, was sie essen“.

Kokosblütensirup als Ersatz für Honig

Bei Vision Eiz aus Nordbrandenburg oder bei Claudia Stamm am Stand der Manufaktur Helador erfährt der Verbraucher ganz genau die Zusammensetzung des veganen Speiseeis’, das sehr fruchtig und cremig schmeckt, weil statt Sahne Mandel- oder Kokosnussmasse verwendet wird.

Das Unternehmen Tropicai wiederum ist spezialisiert auf Kokosnuss-Delikatessen, wozu auch Kokosblütensirup zählt, den der Veganer als Ersatz für Honig verwenden kann. Darüber hinaus findet man auf dieser Weltmesse der Ernährung, die übrigens seit 1951 in Köln stattfindet, köstliche Coockies aus Peru auf der Basis von Quinoa, dem proteinhaltigen und glutenfreien „Inkareis“. Beim Vegetarian Butcher“ liegt Hühnchen ohne Hühnchen, am italienischen Stand Probios Mayonnaise ohne Ei sowie Pesto alla Genovese ohne Käse.

Dabei schein Letzterer – beziehungsweise das Ersatzprodukt für das Molkereierzeugnis – bisher noch unakzeptabler als die Pille für den Mann. Solange die vier Komponenten Farbe, Geruch, Textur und Geschmack nicht zufriedenstellend gelingen, bleiben viele Vegetarier auf dem Startblock in die vegane Welt hocken. Immerhin: Auf dem traditionell fleischreichen Münchner Oktoberfest bieten erstmals zwei Wiesn-Wirte vegane Gerichte an.