01.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Schock-Werner zur Geißbockheim-Erweiterung: Ex-Dombaumeisterin warnt 1. FC Köln Ausbaupläne durchzuziehen
29. January 2016
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Schock-Werner zur Geißbockheim-Erweiterung: Ex-Dombaumeisterin warnt 1. FC Köln Ausbaupläne durchzuziehen

Die Tribüne des Franz-Kremer-Stadions.

Die Tribüne des Franz-Kremer-Stadions.

Foto:

Rakoczy

Preisfrage, liebe Leserinnen und Leser: Was ist das größte Denkmal Kölns? Der Dom, sagen Sie? Also, nein, so einfach würde ich es Ihnen doch nicht machen!

Die richtige Antwort lautet: der Grüngürtel. Er wurde als historische Parkanlage 1980 unter Denkmalschutz gestellt.

In der Tat ist der Grüngürtel etwas ganz Besonderes – und etwas sehr Kölnisches. Er folgt dem Verlauf des äußersten Befestigungsrings der Stadt, der – in preußischer Zeit angelegt – noch bis zum Ersten Weltkrieg militärisch genutzt wurde.

Deswegen verlangte der Versailler Vertrag, die gesamte Anlage zu schleifen und das Gelände als Brache zu belassen. Doch OB Konrad Adenauer erreichte in Verhandlungen mit den englischen Besatzungsbehörden ein doppeltes Zugeständnis: Erstens brauchten einige Teile der Festung nicht niedergelegt zu werden, und zweitens durfte das Areal neu gestaltet werden.

Zusammen mit dem Hamburger Stadtplaner Fritz Schumacher (1869 bis 1947) und dem berühmten Kölner Gartenbaudirektor Friedrich August Encke (1861 bis 1931) hatte Adenauer dann die Idee, entlang dem Halbkreis der ehemaligen Stadtbefestigung eine Grünanlage um Köln zu legen und die verbliebenen Forts des Mauerrings als Sportstätten mit Umkleideräumen zu nutzen. Das Ganze war als Erholungsraum für die Bewohner der Innenstadt gedacht, die dort in drangvoller Enge lebten.

Gärten, Weiher, Wald

Bis heute ist entlang der Militärringstraße, die an den Äußeren Grüngürtel grenzt, das Prinzip der Steigerung erkennbar: grün, grüner, am grünsten. Mit halb privatem, halb städtischen Grün beginnt die Gestaltung des Grüngürtels: Schrebergärten, Friedhöfe, Parkanlagen, dann vereinzelt die Sportstätten.

Als nächstes folgen große Wiesenflächen, durchsetzt mit künstlichen Seen wie dem Decksteiner Weiher, und schließlich bildet der Stadtwald den krönenden Abschluss.

Das war seinerzeit die Grundidee, die auch mit Hilfe der vielen Arbeitslosen in der Nachkriegszeit verwirklicht wurde. Mit dem Aushub für die Seen wurden übrigens Hügelchen angelegt, die die riesigen Freiflächen nicht gar so topfeben erscheinen lassen. Auch ohne kölsche Übertreibung darf man sagen: Ein solches Areal in diesem Erhaltungszustand und in dieser Größe ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Nun hatte schon Adenauer – wie erwähnt – in der Gestaltung des Grüngürtels auch an Sportanlagen gedacht. Es sollte, salopp gesagt, Bolzplätze geben, auf denen die Kölner kicken könnten, benutzbar für jedermann. Sie sollten in großen Abständen verteilt sein, dazwischen Wiesen. Seit der Zeit Adenauers haben sich die Bedürfnisse der Sportler gehörig verändert, genau wie die Bedürfnisse der Sportvereine. Im Lauf der Jahrzehnte verschob sich so das Verhältnis zwischen den Flächen für den Breiten- und für den Leistungs- oder Profisport ständig zugunsten der Letzteren.

Mit dem SUV zum Fußballtraining

Und heute nun hat der Verein der Vereine, der 1. FC Köln, ambitionierte Erweiterungspläne: Drei ganze Fußballplätze will er bauen, dazu mehrere Gebäude, teils Leistungszentrum, teils Funktionsbauten wie Umkleidekabinen oder Abstellräume.

Und natürlich Parkplätze, denn die sportbeflissenen jungen Leute kommen heute ja nicht mehr mit dem Fahrrad zum Trainieren, sondern werden von Mama im SUV chauffiert, oder sie haben ihr eigenes Auto.

Für all das ist rund um das Geißbockheim nur im Grüngürtel Platz. Gegen den Zugriff darauf aber erhebt eine Bürgergemeinschaft Einspruch, und die Stadt muss jetzt die jeweils berechtigten, aber leider widerstreitenden Interessen gegeneinander abwägen.

Lesen Sie im nächsten Abschnitt: Was Schock-Werner zur Lösung des Interessenkonfliktes vorschlägt.

Da ist einerseits ein so unglaublich erfolgreicher Verein wie der FC, dem man in Köln fast alles durchgehen lässt – ein mächtiger Player mit besten Verbindungen, hervorragend vernetzt; mit intensiver Jugendförderung auch, gegen die keiner etwas einzuwenden haben dürfte.

Im Gegenteil. Deshalb argumentiert der FC: Fürs Training haben Kinder und Jugendliche heute faktisch nur ein Zeitfenster zwischen 16 und 18 Uhr – nach der Ganztagsschule. Also reicht nicht ein Trainingsplatz, den die verschiedenen Jugendmannschaften nacheinander nutzen könnten. Sondern man braucht mehrere Plätze, die parallel bespielbar sind.

Kein lebendiges Grün mehr

Dagegen steht andererseits, dass das Denkmal Grüngürtel durch die Erweiterung angefressen werden würde. Besondere Schwierigkeit: Die Sportplätze sollen versiegelt werden. Die Pläne sprechen zwar charmant von „Kunstrasen“. Aber für den Boden darunter spielt das keine Rolle.

Ob Kunstrasen oder gleich Asphalt – es ist keine Biofläche mehr, kein lebendiges Grün, kein Beitrag zur Beatmung des Bodens. Und Naturrasen? Der sei in Nullkommanichts hinüber, so der FC, wenn die Vereinsjugend sich jeden Tag darauf tummelt.

Wir sprechen, nicht zu vergessen, über mehr als 35.000 Quadratmeter Gelände, auf dem dann ja auch noch Zäune, Flutlichtanlagen und Zuwege entstünden. Ach, die Zäune, sagt der FC, die würden ganz filigran und durchsichtig werden. Aber wir kennen alle das Leben: Irgendwann ist der unscheinbarste Zaun mit Reklame behängt.

Sport auf dem Grüngürtel war geplant

Man braucht sich nur mal die heutige Situation am Geißbockheim anzuschauen. Ganz zu schweigen von den geplanten Funktionsbauten. Die sollen teilweise immerhin 15 x 25 Meter Grundfläche haben und zwei Stockwerke hoch werden. Offenbar schwant allen Ungemach, die damit zu tun haben. So heißt es in einer Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der Grünen im Stadtrat, die geplante Höhe liege bei maximal 62,5 Meter über Normalnull (NHN). Wunderbar, oder?

Dankenswerterweise erläutert die Verwaltung, das bedeute acht bis 8,5 Meter über dem natürlichen Gelände. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen – aber nicht unbedingt etwas Wünschenswertes.

Die Grünschützer trauen auch den Befürwortern des Ausbaus nicht, die sagen: „Mit dieser Planung ist Ende der Fahnenstange. Da kommt nie und nimmer noch was nach.“ Einmal genehmigt, werde der FC keine weiteren Forderungen erheben.

Selbst wenn das stimmen sollte, könnten doch andere Vereine kommen und gleiches Recht für alle verlangen: „Was dem FC erlaubt wird, darf uns nicht verwehrt bleiben.“

Was tun? Also, wenn ich den Stein der Weisen hätte, würde ich wahlweise Kölner Baudezernentin oder FC-Managerin auf Lebenszeit sein. Man kann, finde ich, nicht kategorisch sagen: „Kein Sport auf dem Grüngürtel!“ Schließlich war er in Teilen ja genau dafür von Anfang geplant. Aber man muss doch vorsichtig sein mit Eingriffen in den Flächenbestand. Schon die vorhandenen Anlagen schädigen den Grüngürtel erheblich.

In einer so schwierigen Lage warne ich den FC und die Stadt davor, das Ganze einfach durchzuziehen. Alle Interessenvertreter sollten sich noch einmal in Ruhe zusammensetzen und überlegen: Muss das wirklich alles so üppig sein?

Ist es einer Jugendmannschaft wirklich nicht zuzumuten, von der Umkleidekabine zu den Plätzen ein paar Hundert Meter zu joggen? Müssen neben jedem davon all diese Erschließungsgebäude sein? Und müssen die wirklich eine solche Höhe haben?

Ich glaube, es braucht guten Willen und Kompromissbereitschaft. Auf Sieg um jeden Preis sollte der FC nur samstags im Stadion setzen. Denn eines ist sicher wahr: Der Grüngürtel ist allen Kölner Bürgern gewidmet, nicht nur denen mit Fußballschuhen an den Füßen. Aufgezeichnet von Joachim Frank

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