24.08.2016
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Freispruch aufgehoben: Dogan Akhanli erneut vor Gericht

Dogan Akhanli soll sich erneut in der Türkei vor Gericht verantworten.

Dogan Akhanli soll sich erneut in der Türkei vor Gericht verantworten.

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Michael Bause

Köln/Istanbul -

Dogan Akhanli soll sich erneut vor einem türkischen Gericht verantworten. Der türkischstämmige Kölner Schriftsteller war am 12. Oktober 2011 in der Türkei vom Vorwurf, 1989 an einem Raubüberfall mit Raubmord beteiligt gewesen zu sein, freigesprochen worden. Der Vorwurf hatte sich als haltlos erwiesen, die von der Staatsanwaltschaft benannten Zeugen – auch Verwandte der Opfer – hatten Akhanli damals entlastet. Deutsche Politiker und Kulturschaffende hatten sich vehement für die Freilassung Akhanlis ausgesprochen.

Ein Istanbuler Revisionsgericht hat den Freispruch nun aufgehoben. Womöglich im Sommer solle erneut Anklage erhoben werden, vermutet Akhanlis Anwältin in der Türkei. Die entlastenden Zeugenaussagen vor dem Istanbuler Strafgericht hätten „kein Gewicht“ und würden „im Kern nicht greifen“, heiße es vonseiten des Revisionsgerichts. Für die „Rechtsfindung“ seien nur die polizeilichen Vernehmungsprotokolle nach der Tat von Belang. Die Zeugen hatten freilich im Prozess im Herbst 2011 ausgesagt, ihnen seien nach dem Raubüberfall Beschuldigungen gegen Dogan Akhanli in den Mund gelegt oder abgepresst worden.

Als junger politischer Aktivist und Regimekritiker war Akhanli 1985 zum ersten Mal festgenommen worden. Nach über zwei Jahren im Militärgefängnis kam er frei, 1991 floh er mit seiner Familie nach Deutschland; längst ist er deutscher Staatsbürger.

Dogan Akhanli sagt im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, er fühle sich „wie in einem falschen Film“. Bis vor einigen Tagen war er mit seiner Tochter in der Türkei gewesen und hatte in Istanbul auch eine Lesung. Freunde hatten ihn gewarnt, öffentlich zu lesen – die Gefahr, erneut verhaftet zu werden, sei zu groß. Akhanli sagt nun, er sei schockiert über die aufgefrischte Anklage. „Ich fühle mich so unsicher wie bei der ersten Reise nach dem Freispruch, als ich nicht sicher sein konnte, ob man mich frei reisen lässt oder nicht.“ Ob er zu einem Prozess gegen ihn nach Istanbul reiste, wisse er noch nicht. „Die Gefahr ist dann wahrscheinlich zu groß, inhaftiert zu werden.“

Vater während Haft gestorben

Am 10. August 2011 war Dogan Akhanli beim Versuch der Einreise in die Türkei festgenommen worden. Der Schriftsteller wollte damals seinen im Sterben liegenden Vater besuchen; als er vier Monate später aus der Haft entlassen wurde, war dieser tot. Nachdem er im Sommer 2012 unbehelligt in seine Heimat gereist und nach Köln zurückgekehrt war, hatte er gesagt: „Ich habe endlich meinen Frieden mit der Türkei gemacht und weiß, dass ich hier in Köln wirklich zu Hause bin.“

Albrecht Kieser vom Kölner Verein „Recherche international“ sagt, „die an Rechtsbeugung nicht arme türkische Justiz“ sei mit der Einkassierung des Freispruchs „um einen Skandal reicher“. Der Fall erinnere an jenen der Schriftstellerin und Soziologin Pinar Selek, deren Freisprüche viermal von einem türkischen Gericht wieder aufgehoben worden sind. Selek war als Bombenlegerin angeklagt, zweieinhalb Jahre inhaftiert und nach eigenen Angaben auch misshandelt worden. Im Januar 2013 hatte ein Istanbuler Gericht sie wegen verschiedener angeblicher Straftaten zu lebenslanger Haft verurteilt. Selek lebt im Exil in Straßburg – sie war bei der Gerichtsverhandlung in Istanbul nicht vor Ort. „Die türkische Justiz hat dreisterweise über Interpol einen Auslieferungsantrag gestellt“, sagt der Kölner Publizist Günter Wallraff. Auch Dogan Akhanli droht bei einem Schuldspruch lebenslange Haft.

Am Montag dieser Woche war der weltbekannte türkische Pianist und Komponist Fazil Say wegen „Beleidigung des Islam“ von einem Istanbuler Gericht zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Say hatte sich mehrfach kritisch über die türkische Regierung geäußert und satirische Anmerkungen zum Koran gemacht. Besonders bekannt wurde die Anklage der türkischen Justiz gegen Orhan Pamuk: Der türkische Schriftsteller hatte in einem Interview gesagt, dass in der Türkei eine Million Armenier und 30000 Kurden umgebracht worden seien. Danach musste er sich wegen „Herabwürdigung des Türkentums“ verantworten. Das Gerichtsverfahren wurde von massiven internationalen Protesten begleitet und Anfang 2006 eingestellt. Im selben Jahr erhielt Pamuk den Literaturnobelpreis.

Dogan Akhanli ist als Schriftsteller in der Türkei hoch angesehen. Seine Bücher sind freilich, wie die Bücher Pamuks, in vielen Buchhandlungen nur in versteckten Winkeln zu finden.