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Gauck über Köln: „Ich könnte sogar hier leben!“

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Bundespräsident Joachim Gauck war am Samstag zum Antrittsbesuch zu Gast in Köln. Oberbürgermeister Jürgen Roters empfing den obersten Repräsentanten Deutschlands im Historischen Rathaus.  
Charme-Offensive des Bundespräsidenten in Köln: Gauck würdigte den Sozialreformer Kolping als „großen Deutschen“ und hielt ein Plädoyer für den fordernden Sozialstaat und für die Familie. Kirchliche Prominenz glänzte mit Abwesenheit.  Von
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Schloss Bellevue und Bundespräsidialamt, sozusagen die Hofburg des deutschen Staatsoberhauptes,  künftig in Köln? Für Bundespräsident Joachim Gauck ist das eine Woche vor Rosenmontag kein völlig abwegiger Gedanke. „Ich könnte sogar hier leben“, sagte Gauck am Samstag im Kölner Rathaus. Sein erster offizieller Besuch in der Stadt seit der Wahl vor knapp einem Jahr galt den Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des katholischen Sozialreformers Adolph Kolping (1813 bis 1865).

„Köln hat die Kultur des Lachens und des Sich-selbst-auf-den-Arm-Nehmens“, sagte Gauck beim Empfang durch Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) im Rathaus. Dort trug er sich ins Goldene Buch der Stadt ein und freute sich über den herzlichen Empfang für einen „norddeutschen Protestanten im heiligen Köln, und das noch zur Karnevalszeit“. Mehr noch als in Berlin, „meiner jetzigen Heimatstadt“, vermischten sich in Köln „mit Charme und Eigenart die vielen Milieus, Szenen und Kulturen zu einem Miteinander des ganz und gar Unterschiedlichen“,  so der Präsident. „Köln hat die Kultur des Lachens und des Sich-selbst-auf-den-Arm-Nehmens. Das alles zusammen macht den Kölschen Charme aus.“ Eben darum könne er sich sogar vorstellen, in Köln zu leben.

Bundespräsident Gauck in Köln

In seiner Laudatio auf Adolph Kolping verglich Gauck den in Kerpen geborenen katholischen Priester, Publizisten und Pädagogen mit dem anderen großen Kerpener, dem siebenfachen Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher. „Wo der eine es geschafft hat, auf einer vorgegebenen Kreisbahn immer der Schnellste zu sein, dabei aber immer Kreis fuhr, ging es dem anderen gerade darum, Menschen zu helfen, aus dem vorgegebenen Kreis auszubrechen - ruhig auch langsam.“ Das sei der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Kerpenern und wohl auch der Grund dafür, dass ihr Geburtsort „Kolping-“ und nicht „Schumacherstadt“ heiße, mutmaßte der Bundespräsident. Das Leben sei die Herausforderung, sich seinen Weg „buchstäblich selber zu bahnen – allerdings nicht nur allein, sondern in Gemeinschaft mit anderen“.

Mit ausnehmend warmen Worten wandte sich der 73-Jährige, abweichend vom Redemanuskript, an die 900 Gäste des nach Adolph Kolping benannten katholischen Sozialverbands „Kolpingwerk“ im Börsensaal der Industrie- und Handelskammer. „Mein Herz schlägt da, wo Menschen sich mit Herz und Verstand einbringen.“ Die Gemeinschaft mit ihnen vermittle ihm das Gefühl von Heimat, es sei ihm dann, „als käme ich nach Hause“.

Seine Rede nutzte Gauck zu einem Plädoyer für einen fordernden Sozialstaat. Es gelte, nach dem Vorbild Kolpings die Potenziale des Einzelnen zu wecken. Gauck warnte vor einem „paternalistischen Gestus“, mit denen Menschen, die abgehängt seien, ruhig gestellt würden. „Es waren nicht die schlechtesten Jahre, in denen wir uns etwas abgefordert haben, und wir tun uns nichts Gutes, wenn wir uns nicht mehr fordern.“ Wo die Kräfte des Einzelnen dabei überfordert seien, müssten Netzwerke, Beziehungen und Gemeinschaften Stärkung und Schutz bieten, fügte Gauck hinzu. Die Übersetzung des Begriffs Netzwerk ins Kölsche, „‘Klüngel‘, glaube ich“, stehe für die Erfahrung, „allein sind wir zu wenig“. Doch auch die Mafia sei ein Netzwerk, gab Gauck zu bedenken. Darum seien Werte so bedeutsam. „Der böse Klüngel muss verbergen, wenn er Netzwerke bildet. Der gute Klüngel muss davon reden.“

Leidenschaftliches Plädoyer für Familie

Leidenschaftlich forderte Gauck, die Familie zu stärken. Dies sei „von lebenswichtiger Bedeutung für unsere ganze Gesellschaft“, sagte der Präsident. „Die gute, die tragende, nicht einengende, sondern in Geborgenheit Freiheit gewährende Familie“ sei ein wesentliches Ziel Kolpings gewesen - und „eine dringend notwendige Botschaft für heute“. Die Familie lege den Grund für die Existenzform des Bürgers. „Das Zusammenleben der Generationen, das unsere ganze Gesellschaft prägt, hat seinen vornehmsten Erfahrungs- und Übungsort in der Familie.“ Immer gehe es darum, „einen Raum zu schaffen, in dem man frei atmen kann, in dem man Verlässlichkeit und Bindung erfährt“. Am Engagement des Kolpingwerks für die Ermutigung, Befähigung, Ermächtigung von Familien „können und sollten sich andere, die in der Gesellschaft Möglichkeiten und Verantwortung haben, ein Beispiel nehmen“, lobte der Bundespräsident. Nicht von ungefähr bezeichneten sich die 450.000 Mitglieder in mehr als 60 Ländern selbst als „Familie“ und organisierten sich in den örtlichen „Kolpingsfamilien“.

Gauck würdigte Kolping, der auf die sozialen Nöte des 19. Jahrhunderts mit Gründung der „Gesellenvereine“ reagiert hatte, als einen „großen Deutschen“. Im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Karl Marx, die den Klassenkampf propagierten, hätten Kolping und andere christlich motivierte Sozialreformer „den Kontakt zur Wirklichkeit nicht verloren in der großen Vision einer Diesseitigkeit des Heils“. Die Christenheit könne stolz auf Kolping sein. Alle Deutschen sollten sich durch sein Vorbild zu gesellschaftlicher und politischer Einmischung ermutigen lassen. Das ganze Land habe „guten Grund zu dankbarer Erinnerung an den etwas langsameren der berühmten Kerpener“.

Besonders hob Gauck auch die „politisch-kirchliche Kombination“ von Spiritualität und Seelsorge, Publizistik und gesellschaftlicher Praxis im Wirken Kolpings hervor, der auch Redakteur, Zeitungsgründer und Herausgeber war. „Er wusste, wer wirken will, braucht Medienpräsenz.“ Die Verbindung von Glauben, Medientätigkeit und tätigen Antworten auf die Fragen der Zeit sei hoch aktuell. „Wir können von ihm lernen.“ Kolping sei in erster Linie Praktiker gewesen. „Aber es kann keine gelingende Praxis geben ohne Überzeugungen und Prinzipien, ohne Werte“, betonte Gauck in seiner Rede, die mit starkem Applaus bedacht wurde.

Erzbistum Köln war nicht vertreten

Zuvor hatte der Bundespräsident in der Minoritenkirche am Adolph-Kolping-Platz das Grab des Geistlichen besucht und einen Gottesdienst mitgefeiert. Daran und am anschließenden Festakt nahmen als weitere prominente Gäste NRW-Sozialminister Guntram Schneider (SPD) und OB Roters teil. Würdenträger des Erzbistums Köln hingegen waren beim ersten Besuch des Bundespräsidenten in Köln nicht vertreten. Der Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, war ebenso wenig zur Kirche oder in den Börsensaal gekommen wie einer seiner Weihbischöfe. Dies wurde von den Gästen mit Befremden aufgenommen. 

Das Kolpingwerk Deutschland und das Internationale Kolpingwerk haben ihren Hauptsitz in Köln. Kolping wurde 1991 von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen.

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