29.07.2016
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Gerhard Uhlenbruck: Mit dem Professor durch Lindenthal

Professor Gerhard Uhlenbruck gewährt Einblick in sein Arbeitszimmer – das geordnete Chaos eines kreativen Geistes.

Professor Gerhard Uhlenbruck gewährt Einblick in sein Arbeitszimmer – das geordnete Chaos eines kreativen Geistes.

Foto:

Grönert

Lindenthal -

In Hausjacke, leicht ausgebeulten Cordhosen und Joggingschuhen erklimmt er die knarzende Treppe zu seinem eigenen Reich in dem schlichten Einfamilienhaus auf der Gleueler Straße. „Wollen Sie mal sehen, wie so ein Professor wohnt?“ fragt Gerhard Uhlenbruck mit einem fast unmerklichen Augenzwinkern. Der Herr Professor – „Sagen Sie doch Herr Uhlenbruck für mich“ – hat zwischen hoch aufragenden Bücherregalen in Zweierreihen grade noch Platz für einen kleinen Schreibtisch, den Computer, ein Bett, Stapel von Papieren – und für ein Stück Himmel. Durch das Fenster zeigt er auf das Lindenthaler Häusermeer: „Sehen Sie, das waren früher alles Felder und Wiesen, höchstens noch ein Bauernhof und eine riesige Feldscheune. Sonst nix. Kein Haus. Nix. Alles frei.“

Bevor wir losziehen, wechselt er die Schuhe: „Die hier sind besser für unseren langen Marsch.“ Er muss es wissen. Schließlich ist er der „Marathon-Mann der langstreckenlaufenden Mediziner“ und propagiert seit Jahrzehnten das Laufen als Therapie. Wie es dazu kam? „Ich hatte als Jugendlicher eine Lungenerkrankung. Im Sanatorium bin ich mit kleinen Schritten zu Kräften und zum Laufen gekommen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Und mit kleinen Sätzen zum Schreiben. Ge(h)-Danken.“ Das Schreiben – die zweite Karriere des renommierten Immunbiologen: Aphorismen. 35 Bücher mit diesen pointierten Gedankensplittern hat er veröffentlicht.

Er drückt seine schwarze Kappe aufs Haupt und wir ziehen los. Zunächst auf der Gleueler Straße stadtauswärts. „Ich wohne immer noch in dem Viertel, in dem ich geboren wurde“, sagt Gerhard Uhlenbruck. „Bin so eine Art Ureinwohner.“ Immerhin wohnt Uhlenbruck seit 83 Jahren in Lindenthal. Eine kleine Welt der kurzen Wege. Zumindest geografisch.

Rechts zweigt die Decksteiner Straße ab. Haus Nummer 17 steht unter Denkmalschutz. Gebaut 1936. Ein gediegenes Landhaus mit Satteldach, gemütlichen Gauben und einer Eule über dem Eingang. „Mein Elternhaus. Uhl, die Eule, ist unser Familientier. Acht Kinder. Mein Zimmer war da oben unterm Dach.“ Sein Vater Paul Uhlenbruck, ebenfalls Universitätsprofessor, hatte seine Arztpraxis im Seitenflügel. „Zu ihm kam die ganze Prominenz. Auch Militärs. Später auch einmal Romy Schneider mit Vater Blatzheim. Ich durfte ihr sogar die Hand geben.“ Der Vater war streng. „Sehr leistungsorientiert.“ Aber offenbar ein feiner Kerl. Als Konrad Adenauer, mit dem die Familie befreundet war, 1944 von der Gestapo verhaftet wurde und es ihm gelang, einen Angina-Pectoris-Anfall vorzutäuschen „da hat ihn mein Vater im Elisabeth-Krankenhaus in Hohenlind behalten und das EKG eines Schwerstkranken auf Adenauer umgeschrieben“. Da war er vorerst in Sicherheit. Wie es weiter ging, hat Dieter E. Kilian in seinem Buch „Adenauers vergessener Retter Fritz Schliebusch“ sehr gut dokumentiert.

Prügeleien mit Hitlerjungen

Auf dem Weg zum Decksteiner Fort VI, wo heute Übungsräume für Bands und Sportvereine untergebracht sind, bleibt Gerhard Uhlenbruck kurz stehen. „Ich war nicht so gut in der Schule“, gesteht er. „Ich habe schlecht gesehen und immer falsch von der Tafel abgeschrieben. Aber meine Eltern haben mir das nicht abgenommen. Die erste Brille bekam ich erst vor dem Abitur.“ Viel lieber trieb er sich am Decksteiner Weiher herum. „Hier haben wir uns Flöße gebaut. Holz gab’s ja genug, sind rüber zur Liebesinsel gepaddelt. Wir haben Gitarre gespielt, gesungen, Mark Twain und Karl May gelesen und sind als Cowboy und Indianer durchs Unterholz gerobbt. Vor allem haben wir von einer wilden Zukunft in Mexico geträumt. Das war unser Utopia.“

Dort traf er auch die Edelweißpiraten um Jean Jülich. „Mit dem war ich bis zu seinem Tod befreundet. Wir waren anders, gefühlsmäßig gegen alles, was von den Nazis kam. Rio de Janeiro ahoi – Edelweißpiraten sind treu.“ Auf dem Heimweg prügelten sie sich im Felsengarten mit den Hitlerjungen. „Dat war unser Gelände. Da hatten die nix zu suchen.“

Es gab Vorbilder für den jungen Freigeist. Zum Beispiel den Lehrer Gerhard Keun, Bruder der Schriftstellerin Irmgard Keun, und Hans Groß. Auf dem Weg stadteinwärts kommen wir an dem kleinen Park vorbei, der 2006 nach dem aufrechten Lindenthaler Pfarrer benannt wurde. „Der war bei uns sehr beliebt.“ Um die Ecke steht im schönsten Sonnenschein seine Kirche, das Krieler Dömchen.

Nach St. Gereon die zweitälteste Kirche Kölns und ehemals eine romanische Dorfkirche vor den Toren der Stadt. „Hier bin ich zur ersten Kommunion gegangen. Bei Pfarrer Groß.“ Gerhard Uhlenbruck dreht sich zur Seite und sucht ein Straßenschild. „Das isses: Suitbert-Heimbach-Platz. Auch ein Lehrer. Ein mutiger Mann. Der war nicht nur gegen die Nazis, sondern ein echt kölsches Original. Einmal hat der einen Schüler rausgehauen, der mit einem Flugblatt der Alliierten erwischt worden war.“

Wir überqueren die Gleueler Straße in Höhe der Freiligrathstraße. Durch verschiedene Seitenstraßen steuern wir den historischen Decksteiner Friedhof an. Eine Oase der Ruhe. Vögel zwitschern. Uralte Bäume, am Boden zwischen den alten Grabstellen zeigen sich die ersten Schneeglöckchen. Die meisten Gräber stammen aus dem 19. Jahrhundert. „Von bekannten Lindenthaler Familien. Die meisten Namen kennt man noch. Joerling, Titz usw.“ Ein Grabstein hat es Gerhard Uhlenbruck besonders angetan. Familie Ploog, Stüttgerhof. „Vor Marsdorf, Richtung Frechen, gab es damals einen großen Bauernhof. Die Familie Ploog belieferte Lindenthal und die angrenzenden Stadtteile mit frischem Obst, Gemüse, Kartoffeln, Eiern und was man so zum Leben brauchte. Offensichtlich fühlten die sich Lindenthal so verbunden, dass sie sich hier eine Grabstätte kauften.“

Familiengrab auf Melaten

Will er auch hier begraben werden? „Eigentlich gerne, aber wir haben ein Familiengrab auf Melaten. Aber meine letzten Worte, das weiß ich schon, die werden in Kölsch sein. Zu Hause hieß es immer: Sprecht Hochdeutsch Kinder!“ Zurück auf der Geueler Straße kommen wir am St. Elisabeth Pflegeheim vorbei. „Ich wollte schon immer mal wissen, was die da oben für einen Turm haben. Für die Feuerwehr oder der schönen Aussicht wegen?“ Wir klingeln. Eine freundliche Mitarbeiterin erklärt, das sei der Glockenturm. Ja klar, das Läuten hat er schon wahrgenommen. „Übrigens, ich unterhalte mich gerne mit den alten Leuten hier. Die sind ja nicht einfach nur alt, die haben ein Leben hinter sich. Eine alte Dame, mit der ich ins Gespräch kam, entpuppte sich als ehemalige Schachweltmeisterin, geistig noch topfit.“

Zwischenstopp im Restaurant Decksteiner Mühle. „Hier war ganz früher ein Vergnügungspark umgeben von Wald und Wiesen.“ Oben im Saal hängen noch die historischen Fotos. „Das Ausflugslokal mitten in diesem schönen Park. Mit Ballsaal, Gartenterrasse, Spielplatz und den bekannten Klapptischen und -stühlen aus Eisen.“ Auf vielen Fotos sind die stolzen Besitzer zu sehen und die Servierfräuleins, brav in einer Reihe aufgestellt mit den gestärkten Schürzen.

Drei Minuten Fußweg zur Arbeit

Wir beschließen unsere Runde am Hygieneinstitut für medizinische Mikrobiologie und Immunologie in der Goldenfelsstraße 19. Als es noch Max-Planck-Institut für Hirnforschung hieß, war hier Gerhard Uhlenbrucks Wirkungsstätte. Nur einen Steinwurf von seinem Wohnhaus entfernt. „Drei Minuten Fußweg und ich war im Institut. Wenn ich einen zündenden Einfall hatte oder mir zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, ging ich auch abends oder am Wochenende noch mal rüber. Ein sehr schönes Arbeiten, mitten in diesem Wohnviertel. Ich hatte die obere Etage. Manchmal kamen sogar meine Kinder vorbei.“ Papa, Essen ist fertig!

Noch heute gibt es zwischen den Häusern Gleueler Straße Nummer 312 und 314 den kleinen Trampelpfad zum Institut. Professor Uhlenbruck gehört jedenfalls nicht zu den Männern, die lieber mit dem Auto fahren: „Man kann gegen das Laufen sagen, was man will, aber es laufen sich noch immer mehr Kranke gesund als Gesunde krank.“