Ihr Gesicht ist aschfahl, Jamila P. zittert am ganzen Leib und ihre Hände flattern nervös. Noch bevor die kindlich-zierliche Frau (34, Name geändert) als Zeugin vor Gericht in ihrer Muttersprache den „schlimmsten Tag ihres Lebens“ schildert, macht die Vorsitzende Richterin ihr Verständnis für das Opfer deutlich: „Ihnen wurde wirklich Schlimmes angetan.“
Jamila P. stammt aus Bulgarien und arbeitet auf dem Straßenstrich an der Brühler Landstraße. Sie kann die Tränen kaum zurückhalten, als sie über den Nachmittag des 8. Juli 2012 spricht. Sie hatte rund 900 Euro verdient und wollte schon Feierabend machen, als der Angeklagte mit seinem Auto neben ihr hielt: „40 Euro für Oralsex und Geschlechtsverkehr“ war man sich schnell einig. Jamila P. stieg in den Renault Megane von Dieter S. (35) ein. Damit begann für das Opfer ein Albtraum mit Stunden voller Todesangst. Dieter S., der Rettungs-Sanitäter und Familienvater ist, steht wegen Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und Körperverletzung vor Gericht.
S. gab damals sofort Gas und fuhr los. Statt den nächsten Parkplatz anzusteuern, wo Jamila P. ihm ihre Dienste erweisen wollte, fuhr er mit ihr nach Kall zu seinem Haus. Er legte ihr Handschellen an und drohte: „Wenn du nicht tust, was ich will, bring ich dich um“. Während der ganzen Fahrt hielt er der verängstigten Frau ein Messer vor den Bauch.
Die Morddrohung bestritt der Mann auf der Anklagebank vehement, bestätigte aber ansonsten, was die Prostituierte nach ihrem Freikommen bei der Polizei ausgesagt hatte. Sie hatte sich die Autonummer des Freiers gemerkt.
In seinem Eigenheim kochte S. eine Kanne Kaffee, bot seinem Opfer ebenfalls eine Tasse an und veranlasste die Frau zum Duschen. Danach zwang er sie so oft zum Oral- und Geschlechtsverkehr, dass die Frau das Bewusstsein verlor. Als sie erwachte, „war ich am ganzen Körper eingeölt und in Folie eingewickelt“. Ihr Peiniger zwang sie daraufhin erneut zu duschen und fuhr sie anschließend zum Straßenstrich zurück. Mit der Ermahnung, nicht zur Polizei zu gehen, „sonst gibt es echte Probleme“, hatte er sein Opfer aus dem Auto gestoßen.
Auf die Frage nach einem Motiv für sein brutales Vorgehen gibt der Angeklagte – bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten – eine wenig aufschlussreiche Antwort. Er sei in der Nacht zuvor von wirren Gedanken geplagt worden. Seinen Plan beschreibt er so: „Ich wollte bezahlten Sex haben und dann wieder nach Hause fahren.“ Auf Fragen nach dem Messer und den Handschellen sagt er: „Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe bis heute keine Erklärung dafür“. Möglicherweise kann der psychiatrische Sachverständige zur Aufklärung beitragen. Er soll an einem der nächsten Verhandlungstage zu Wort kommen.


