24.08.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Heimatklänge: Kleine Lieder über große Gefühle

Jeden Freitag das gleiche Ritual: Sänger und Liedermacher Björn Heuser singt im Gaffel am Dom.

Jeden Freitag das gleiche Ritual: Sänger und Liedermacher Björn Heuser singt im Gaffel am Dom.

Foto:

Jörn Neumann

Köln -

„Kölle, du weehs vill besunge, dat hätt bestemp singe Grund“, singt Philipp Oebel unter der Eigelsteintorburg. Das „Colonia-Leed“ von Fritz Weber aus dem Jahr 1957 kennt natürlich viele Gründe, wie zum Beispiel diesen: „Do bes däm Herrjott jelunge, he hät hä jezeigt wat hä kunnt.“ Der liebe Gott hat in Köln gezeigt, was er kann. Mehr kann man nicht verlangen. Oebel präsentiert bei seiner „Stroßesängersonndachstour“ schönste Heimatklänge aus alten Zeiten. „Qualitätskrätzche“ nennt er sein Repertoire, „der größte Schatz von Köln, quasi unsere Kronjuwelen“. Der Spaß beim Umgang mit der kölschen Sprache sei vergleichbar mit „dem Genuss einer leckeren Praline“. Oebel ist ein kölscher Volksmusikant. Mit der Bezeichnung könne er gut leben. „Früher hatte ich Berührungsängste. Das Wort ,Volksmusik’ war negativ besetzt. Das ist mittlerweile anders.“

Nicht jedes Stückchen Heimatmusik wird Volksmusik und Brauchtum, manches wie Webers „Colonia-Leed“ verschwindet in der Vergessenheit, anderes scheint alle Zeiten zu überdauern. Von Weber stammt auch „Ich ben ene kölsche Jung“ oder der Hit vom schmucken Prinz im Karneval – zwei unverwüstliche Stücke im kölschen Lieder-Kanon. Warum ein Lied drin bleibt, ein anderes von einem Neuen verdrängt wird, ist schwer zu ergründen. Entscheidend ist, dass es überhaupt einen solchen Kanon von Liedern gibt, die jeder kennt und mitsingen kann. „So etwas gibt es wohl in keiner anderen Region in Deutschland“, sagt Filmemacher Arne Birkenstock. Er muss es wissen, denn er hat sich zusammen mit Jan Tengeler für einen Dokumentarfilm auf eine Reise durch Deutschland gemacht, um den „Sound of Heimat“ jenseits des Musikantenstadel-Klischees zu finden.

Alle vereint im Ritual

Für den Kölner Musiker Björn Heuser ist dieser Lieder-Kanon zum sicheren Broterwerb geworden. Er singt in Kneipen und auf Geburtstagen das, was alle hören wollen und offenbar nie langweilig wird. Seine Auftritte haben etwas von einem alle vereinenden Ritual. So steht er seit zwei Jahren jeden Freitagabend um 22.30 Uhr auf einer Bühne im Gaffel am Dom. Ein Mikro und eine Gitarre reichen, um Hunderten Woche für Woche Sicherheit und Verlässlichkeit in einer hochkomplexen Welt zu geben, wie es Kölnkenner Wolfgang Oelsner ausdrückt (siehe Interview rechts). Wer im Brauhaus an einem Tisch sitzen will, muss Wochen vorher reservieren. Genau wie Heuer, der seit zwei Jahren nicht mehr länger als sechs Tage in Urlaub gefahren ist, kommt auch mancher Stammgast immer wieder, um „Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädche“ oder Ostermanns „Heimweh noh Kölle“ zu singen. Das Repertoire variiert nur wenig, selbst Heusers Anmoderationen sind fast wortgleich. Vor dem Lied von „Meiers Kättche“ fragt er in die Runde: „Wer kommt aus Köln?“ Rund die Hälfte zeigt dann auf.

Heuser hat ein Gefühl dafür bekommen, was an so einem Abend geht und was nicht. Wenn viele „Kölsche“ da sind – und das müssen nicht unbedingt die waschechten Eingeborenen sein – kann er ein bisschen variieren. Dann baut er mal Karl Berbuers „Camping-Leed“ ein. Ansonsten geht er auf Nummer sicher. „Es gibt 20 Pflichtlieder. ,Unsere Stammbaum“ oder die „FC-Hymne“ kann ich nicht streichen. Sonst sind die Leute sauer.“ Heusers „Sicherheits-Set-Liste“ belegt, dass der Lieder-Kanon nicht absolut starr sein muss. So hat es Tommy Engels „Du bes Kölle“ aus dem Jahr 2007 offenbar in die ewige Bestenliste geschafft, die außerhalb des Karnevals den „Sound of Heimat“ ausmachen. Auch das ein oder andere BAP-Lied geht hier immer: „Jraaduss“ oder „Do kanns zaubere“ gehören dazu.

Identitätsstifender Heimatklang

Selbst „Verdammp lang her“ funktioniert als identitätsstiftender Heimatklang, obwohl das Lied eigentlich nicht die typischen Kriterien eines Volksliedes erfüllt: Der Text ist zu kompliziert, das Lied folgt nicht dem klassischen Schema Strophe-Refrain-Strophe-Refrain. Heuser tauscht „Verdammp lang her“ schon mal gegen „Och wat wor dat fröher schön doch in Colonia“ - zwischen den Erscheinungsdaten der Lieder liegen über 50 Jahre und ein Weltkrieg.
Wenn er fern der Stadt danach gefragt wird, wie er sein Geld verdient, bezeichnet er sich als „Berufskölner“. Mit seiner Professionalität verbindet sich auch die bittere Erkenntnis, dass es schwer wird, wenn man ein Publikum für Neues begeistern will. Heuser hat mittlerweile für sich und andere über 300 eigene Lieder geschrieben. Sein letztes Album „Schloflos“ gehört zum Besten was in den vergangenen Jahren an kölscher Rock- und Popmusik produziert wurde. Da singt er von Liebeskummer, Einsamkeit oder der Krebserkrankung eines kleinen Kindes. Doch wenn er diese Stücke live spielt, wird es schwer, eine Kneipe zu füllen.

#html
Diese Erfahrung erspart sich das Duo „herrschmitz“. Es setzt ganz auf die Interpretation der musikalischen Schätze der Vergangenheit – so wie bei der herrlichen musikalischen Altstadtführung, die man mit „herrschmitz“ machen kann. Volker Hein und Johannes Fromm singen Lieder von Ostermann, Jupp Schmitz oder Ludwig Sebus, aber auch von vergessenen Liedermachern wie Albert Schneider. Ein gleichermaßen staunendes wie amüsiertes Publikum begegnet bei einer Entdeckungsreise kölscher Geschichte und Geschichten – vorgetragen in einer Sprache, die so kaum noch einer spricht. Heimatmusikanten wie Hein, Fromm, Oebel oder Heuser sind das ganze Jahr über in einer besonderer Mission unterwegs: „Wir machen das auch, um Dinge zu bewahren, die verloren gehen könnten“, sagt Hein. Oebel sieht sich als „Berufener“. Björn Heuser möchte einen Beitrag zur „Entballermannisierung“ leisten und dafür sorgen, dass das bleibt, „was die kölsche Seele berührt“.

Mit vielen Liedern funktioniert das in allen Jahreszeiten: Alltagsgeschichten, große Gefühle, Lebensweisheiten in Reimform – diese Heimatklänge lassen sich durchaus abgrenzen von der Stimmungslieder-Kultur, die den Karneval prägt. Trotzdem bieten Philipp Oebel oder „herrschmitz“ auch ein Programm, das jede Karnevalssitzung bereichern könnte. Doch die Programmplätze für kölsche Tön, alte Lieder oder ruhigere Beiträge sind rar. Hinter einer Bühnenschau von Brings würde Oebel baden gehen. In Programmen in großen Sälen für Menschen, die Schlagersänger oder hochdeutsche Comedy erwarten, hätte „herrschmitz“ keine Chance. Das Rad zurückzudrehen ist kaum möglich. Trotzdem hofft mancher, dass der Karneval seine Verantwortung als „Mäzen der Brauchtumspflege“ wiederentdeckt. „Ich hoffe nicht, dass ich mir das einbilde“, sagt Oebel. „Aber ich glaube, dass Interesse an dem, was wir tun, wächst.“


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?