30.07.2016
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Historisches Archiv: Der Geistersaal am Heumarkt

Mäßiger Andrang herrschte am Dienstagnachmittag im Lesesaal des Archivs am Heumarkt.

Mäßiger Andrang herrschte am Dienstagnachmittag im Lesesaal des Archivs am Heumarkt.

Foto:

Peter Rakoczy

Köln -

Es ist ein Angebot in bester Lage, das kaum jemand nutzt. An manchen Tagen betritt lediglich ein einziger Besucher den behelfsmäßigen Lesesaal des Historischen Archivs, an anderen schon mal zwei. Die Übergangslösung im Gebäude der Handwerkskammer am Heumarkt stößt auf so wenig Interesse, dass im Rathaus Forderungen nach einer günstigeren Örtlichkeit zu hören sind.

Rund eine halbe Million Euro jährlich zahlt die Stadt an Miete und Nebenkosten für den digitalen Lesesaal sowie die Büros von 48 Mitarbeitern. Der Quadratmeterpreis beträgt 15,70 Euro und liegt damit weit über dem Durchschnitt. Selbst wenn der Saal im Erdgeschoss nur knapp sieben Prozent der Gesamtfläche ausmacht – das Bereitstellen von Computern zur Recherche in Archivbeständen sei eine Dienstleistung, „die man sparsamer erfüllen kann“, sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Barbara Moritz.

Dienststelle im Ausnahmezustand

Die Haushaltskrise erfordere einen scharfen Blick auf sämtliche Ausgaben der Stadt, so Moritz. Es sei zu prüfen, wie sich öffentliche Aufgaben mit weniger Aufwand erfüllen lassen; das könne den Umfang einer Dienstleistung betreffen, die Dauer der Bearbeitungszeit und auch die Ausstattung von Räumen. Die Kosten für den kaum genutzten Lesesaal am Heumarkt hält die Grünen-Politikerin jedenfalls für unangemessen.

Ihre Fraktion hatte im Kulturausschuss eine Anfrage zur Situation des Stadtarchivs gestellt. Seit dem Einsturz an der Severinstraße im März 2009 befindet sich die Dienststelle im Ausnahmezustand. Die aus Schutt und Wasser geborgenen Dokumente sind in 14 auswärtigen Asylarchiven und drei Lagern untergebracht. Das Sichten, Sortieren und Wiederherstellen wird noch etliche Jahre dauern – weit über die für 2017 geplante Eröffnung des Archiv-Neubaus am Eifelwall hinaus.

Im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum in Porz-Lind können Bürger einen Teil des geborgenen Materials nutzen. Auch an diesem Standort ist der Zulauf überschaubar. Die Verwaltung begründet die dürftigen Besucherzahlen mit den Folgen des Einsturzes: „Die meisten Nutzerwünsche können noch nicht wieder erfüllt werden“, heißt es in einer Mitteilung an den Kulturausschuss. Zudem wünschten Interessenten „in deutlich höherem Maße als früher“ eine digitale Nutzung am eigenen PC.

Mit der Erweiterung des Online-Angebots steige die Zahl der Zugriffe auf die Archiv-Bestände. Dennoch komme ein Verzicht auf einen Lesesaal nicht in Frage: Nur dort stünden „die qualifizierte Beratung durch Archivpersonal sowie die Bibliothek mit den wichtigsten Nachschlagewerken zur Verfügung“. Außerdem sei vor allem „für kunstgeschichtliche und hilfswissenschaftliche Fragestellungen“ die Arbeit mit Originalen zwingend erforderlich. Ein weiteres Argument: Das Archiv dürfe Bürger ohne Internetanschluss nicht von seinen Angeboten ausschließen.

Der Mietvertrag für die Räume am Heumarkt endet am 31. Dezember 2014. Eine Verlängerung ist möglich. Für Moritz ist es eine Frage der Abwägung, wie viel Geld die Stadt für den Lesesaal ausgeben soll. Auch das sei zu prüfen: Muss der Neubau tatsächlich 2017 in vollem Umfang zur Verfügung stehen? Angesichts der Finanznot sollten Rat und Verwaltung überlegen, ob das mit 86 Millionen Euro veranschlagte Vorhaben „abgespeckt“ oder „eventuell in mehreren Bauabschnitten“ verwirklicht werden kann.