27.06.2016
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Zwangsräumung bei Kalle: Protest ist richtig und wichtig

Kalle Gerigk steht vor der Zwangsräumung seiner Wohnung in der Fontanestraße und erhält viel Unterstützung von seinen Nachbarn.

Kalle Gerigk steht vor der Zwangsräumung seiner Wohnung in der Fontanestraße und erhält viel Unterstützung von seinen Nachbarn.

Foto:

michael bause

Köln -

Er hat nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet sein Fall so viel Aufsehen erregen wird. Schließlich sind Kündigungen wegen Eigenbedarf in Köln an der Tagesordnung. Doch bei Karl-Heinz Gerigk, der am kommenden Donnerstag, 20. Februar, nach 32 Jahren in seiner bezahlbaren Mietwohnung im Agnesviertel vor der Zwangsräumung steht, kommen alle Faktoren zusammen, die jeden ganz normalen Mieter in Köln daran erinnern, dass ihm genau das morgen auch passieren kann.

Das Haus verkauft, der neue Besitzer wandelt die Wohnungen in Eigentumswohnungen um, sie werden von Grund auf saniert, zum Teil ausgebaut und sind anschließend für den langjährigen Mieter nicht mehr zu bezahlen. Und auf dem angespannten Wohnungsmarkt in Köln einen vergleichbaren preiswerten Ersatz zu finden ist schier unmöglich. Das Besondere an der Protestbewegung „Alle für Kalle“ ist, dass sie aus der direkten Nachbarschaft entstanden ist. Dort hat sie ihre Wurzeln. Selbst Miteigentümer im unmittelbaren Umfeld unterstützen den Protest. Auch wenn alle wissen, dass der neue Eigentümer im Recht ist. Auch wenn alle wissen, dass niemand kontrollieren kann und wird, ob er die Wohnung am Ende tatsächlich selbst nutzen wird.

Der Protest ist richtig

Dass die linke und alternative Szene den Protest über die Nachbarschaft hinaus erweitert und Kalle unfreiwillig bundesweite Berühmtheit erlangt hat, ist eine Begleiterscheinung, die am Donnerstag dazu führen, dass die Räumung ohne Polizeischutz für den Gerichtsvollzieher wohl nicht vonstatten gehen wird. Dennoch ist der Protest, der sich in dem Sammelbecken „Alle für Kalle“ trifft, richtig. Weil eine Stadt, in der Menschen mit einem Durchschnittseinkommen und junge Familien in bestimmten Vierteln gar keine Chance mehr haben, überhaupt eine Wohnung zu finden, auf Dauer ein Problem bekommt. Sie ziehen weg. Notgedrungen. An den Stadtrand, in die umliegenden Gemeinden.

Wohnungssuche ist das Topthema auf jeder Party. Wer es sich leisten kann, zahlt Mondpreise für eine Eigentumswohnung in den attraktiven Vierteln wie Ehrenfeld, Nippes, Rathenauviertel, Belgisches Viertel – und natürlich auch im Agnesviertel.

Debatte kommt nur langsam in Gang

Teilweise werden schon 40 Prozent des verfügbaren Einkommens für das Wohnen ausgegeben. Bei Neuvermietungen sind Kaltmieten von 13,50 Euro längst keine Seltenheit mehr. Es dauert zwar manchmal etwas länger, bis sich der passende Mieter gefunden hat, aber der Markt funktioniert, weil die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt. Nur langsam kommt in der Politik eine Debatte über Milieuschutzsatzungen in Gang, mit der man hofft, den Ausverkauf ganzer Viertel zu verhindern. Ob sie das Problem lösen können, ist fraglich. Denn die Frage, was eine normale Generalüberholung einer in die Jahre gekommenen Mietwohnung bedeutet und ab wann eine Luxussanierung beginnt, ist nicht leicht zu beantworten.

Für Karl-Heinz Gerigk stellt sich diese Frage nicht. Selbst wenn der neue Eigentümer ihn gefragt hätte, ob er in seiner dann modernisierten und ausgebauten Wohnung weiter wohnen möchte, hätte der 54-Jährige das verneinen müssen. So schön, wie die neue Wohnung mit Dachausbau einmal sein wird. Menschen wird Kalle Gerigk werden sie sich nicht mehr leisten können.


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