28.09.2016
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„Arsch huh“ in Köln: „Du bes Kölle“-Demo als bunte Antwort auf braune Parolen

Peter Brings, Tommy Engel und Wolfgang Niedecken auf der Bühne bei der „Du bes Kölle“-Demo.

Peter Brings, Tommy Engel und Wolfgang Niedecken auf der Bühne bei der „Du bes Kölle“-Demo.

Foto:

Max Grönert

Innenstadt -

Karnevalisten trommeln neben FC-Fans und Muslimen eines türkisch-kurdischen Vereins, Friedensfahnen wehen neben Fähnchen von Grünen, SPD und 1.FC, die Zwillinge Helena und Leo (7) zeigen ihr Plakat mit den Lettern „Bunt ist besser!“

Nur ein paar Polizisten verlieren sich in der Menge, die am Sonntag um 13.45 Uhr auf dem Breslauer Platz ist, um dem Aufruf der AG Arsch Huh zu folgen, friedlich gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren. Dem Vernehmen nach sind nicht mal 100 Polizisten vor Ort. Es gab keinen Hinweis auf Krawall.

Wieso auch? Die Initiatoren wollen den Breslauer Platz sieben Wochen nach der Demonstration von Hooligans und Rechtsextremen friedlich „wieder einnehmen“, wie Arsch-huh-Sprecher Hermann Rheindorf es formulierte. Um kurz vor zwei sind erst 500 oder 600 Menschen da.

Vor sieben Wochen war hier ein Schlachtfeld. 4800 Hooligans und Rechtsextreme waren auf 1300 Polizisten geprallt, hatten einen Polizeiwagen umgestoßen, den Hitlergruß gezeigt, rassistische Parolen gegrölt. Der Mob war marodierend durch die City gezogen, die Luft war getränkt mit Rauch von Feuerwerkskörpern, Tränengas und Hass. Fast 50 Beamte wurden verletzt. Der Polizeipräsident hatte er nach vielen kritischen Medienberichten eingeräumt, die Gefahren unterschätzt zu haben.
Die Zwillinge Helena und Leo waren am 26. Oktober mit ihren Eltern Sonja und Steve am Eigelstein Eisessen. „Wir saßen draußen, plötzlich kam diese Horde angerollt und hat Flaschen geworfen, wir sind nach drinnen geflüchtet“, erinnert sich der Engländer Steve.

„Was willst du deinen Kindern sagen, wenn du in der Stadt auf so eine aggressive Stimmung triffst?“ wird später Komiker Fatih Fatih Çevikkollu fragen. „Das sind Fußballfans, die ein Spiel verloren haben. Das war allerdings 1945.“
Es ist ein vielstimmiger Protest, der – wie die Künstler erleichtert feststellen – nach dem Auftakt am Breslauer Platz zu einem Chor mit über 15.000 Menschen anschwillt. Oberbürgermeister Jürgen Roters erinnert bei der Abschlusskundgebung an der Turiner Straße, Ecke Thürmchenswall, an den „schwarzen Tag für die Stadt“ am 26. Oktober, und freut sich, dass „auch viele Muslime da sind“. Es sind ein paar Hundert.

Köln und @ArschHuh gegen #HoGeSa.

Ein von @theiudex gepostetes Video am

Es ist nicht alles kölschselig und multikultiglücklich. Obwohl die Bläck Fööss mit den Künstlern der AG Arsch huh ihren Multi-Kulti-Hit „Stammbaum“ singen; obwohl Brings mit Rapper Eko Fresh dessen Song „Es brennt“ für die Opfer des NSU-Anschlags in der Keupstraße anstimmen; obwohl die Höhner mit den Musikern von Microphone Mafia rappen (!).

Çevikkollu fordert die Menschen zu einer Schweigeminute für Tugce Albayrak auf, die von Männern totgeprügelt wurde, als sie zwei Mädchen helfen wollte.

Kaberettist Jürgen Becker nutzt die Gelegenheit, um gegen tumbe Kölschseligkeit zu wettern. Das eben besungene „Mir sin wie mer sin – mir Jecke am Rhing“ sei „der Soundtrack der meisten Kölner Kapellen“. Das sei insofern problematisch, als „Kölschtümelei eine offene Flanke zum rechten Rand“ biete. „Der Kölner ist aber nicht supertolerant, hier gibt es genauso viele Nazis und Fremdenfeinde wie in jeder anderen großen Stadt.“ Donnernder Applaus.

Dass Rechtspopulisten die Sorge der Menschen nutzen, um einen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu finden, wie die Moderatoren Martin Stankowski und Shary Reeves sagen, haben Brings und Kasalla jüngst erfahren. Deren Facebook-Aufrufe, zur Demo zu kommen, beantworteten einige Internetnutzer mit rechten Parolen. Üble rechte Fantasien werden im Internetzeitalter schnell zur Massenbewegung inszeniert – dafür sprechen auch die Demonstrationen „Europäischer Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

„Vor zwei Tagen haben in Nürnberg leerstehende Asylbewerberheime gebrannt“, sagt die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Für die AG Arsch huh waren brennende Asylbewerberheime 1992 der Anlass, eine Initiative für Menschenfreundlichkeit und gegen Menschenfeindlichkeit zu starten.


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