28.07.2016
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Artothek: Ein kleiner Held in der großen Welt

„Die Puppen vermögen alle Nuancenfacetten des menschlichen Gefühlslebens zu beleben.“ Auch Claus Richter vermag seinen Puppen in der Artothek Leben einzuhauchen.

„Die Puppen vermögen alle Nuancenfacetten des menschlichen Gefühlslebens zu beleben.“ Auch Claus Richter vermag seinen Puppen in der Artothek Leben einzuhauchen.

Foto:

Grönert

Innenstadt -

„Die Puppen brauchen den Boden nur, wie die Elfen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu ruhen, und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen“, schrieb Heinrich von Kleist im Jahr 1810 in seiner berühmten Schrift „Über das Marionettentheater“.

Der Schriftsteller erklärte, dass die an Strippen bewegten Puppen alle Nuancenfacetten des menschlichen Gefühlslebens zu beleben vermögen, vor allem aber die Empfindung von natürlicher Grazie und der Anmut. Was das heute heißt, zeigt der seit drei Jahren in Köln lebende Künstler Claus Richter in der Artothek. „Wakefield, Flitcraft, Isidor“ heißt das Stück, das er dort in einem selbst gebauten Marionettentheater mit selbst gebauten Puppen zur Aufführung brachte.

Weltflucht mit Puppen

In der Tradition des bereits in der Antike bekannten Puppenspiels an Fäden, das in Deutschland Anfang des 17. Jahrhunderts Verbreitung fand, führt seine Geschichte nicht nur in immerwährende menschliche Probleme und Träume, sondern auch mitten in die Gefilde moderner Kunst. Denn Ausstattung, Bühnenbild und Puppen werden jetzt in der Artothek als Ausstellung präsentiert.

Wakefield, der Held in Richters Stück, ist ein kleiner Dicker, der trotz oder wegen seiner Ängstlichkeit die Welt erkunden möchte. Er will die grünen Wälder sehen, die singenden Vögel und das berühmte sprechende Schwein hören. Für seine Befreiungsreise holt er sich zwei Kumpane: Isidor, einen Polizisten in Uniform, und Flitcraft, einen gewandten Schlacks, der sich allerdings als von Wakefield selbst gebauter Roboter erweist. Als der Roboter seinen Geist aufgibt, laufen die Dinge aus dem Ruder.

Am Ende wieder allein und traurig

Der Polizist verlässt Wakefield und der ist am Ende wieder allein und traurig. Da taucht das sprechende Schwein auf und singt ein rührendes Lied darüber, dass man nie allein in der Welt ist, weil man selbst so viele Welten in sich trägt. Mit größter Liebe widmet sich der 1971 in Lippstadt geborene Künstler seit langem in seiner kreativen Arbeit dem Marionettentheater. Zugleich beschäftigt er sich auch mit allen künstlerischen Inszenierungen, die Weltflucht ermöglichen, von Disneyland bis Phantasialand. Schlüsselerlebnis war der Besuch in einem Museum in München, wo Puppen des Marionettenspieler Paul Brann ausgestellt sind. Der wollte im 19. Jahrhundert mit seinen anspruchsvollen Stücken und bildhauerisch gestalteten Figuren das Marionettentheater aus der Kasperle-Welt in den Status der Kunst holen.

Ähnliches schwebt Claus Richter vor. Er sucht den Zusammenhang von Volkskunst und moderner Kunst, solidem Handwerk und intellektuellem Konzept – bewusst gegen die abstrakte Lebensferne der zeitgenössischen Kunst gerichtet.

So schrieb er den Text des Stückes, gestaltete mit größter plastischer Präzision über ein halbes Jahr lang die drei Figuren, komponierte Lieder, baute das Theater und malte drei Bühnenbilder mit den klassischen Motiven des Waldes, eines weiten Feldes und des Fachwerkhaus-Dorfes mit plätscherndem Brunnen. Mit der Aufführung und Ausstellung in der Artothek kann er erstmals seine Idee von einem Gesamtkunstwerk realisieren. Zum Abschluss der Ausstellung am 23. Februar plant er noch einmal eine Aufführung des Stückes.

Artothek, Am Hof 50, geöffnet Di–Fr 13–19 Uhr, Sa 13–16 Uhr, bis 23. Februar