28.07.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Interview: Jürgen Becker erklärt die Kunst

Jürgen Becker

Jürgen Becker

Foto:

stefan worring

Innenstadt -

Die alten Griechen und Römer scheinen zur Urheberschaft ein ähnlich entspanntes Verhältnis zu haben wie heute die Piraten-Partei – also keinen Respekt. Wird im Bereich Kabarett auch so hemmungslos geklaut?

JÜRGEN BECKER: Dass die Griechen alles beim Ägypter, die Römer alles beim Griechen und wir letztlich alles beim Römer geklaut haben, hat den Bestohlenen letztlich nicht geschadet. So wird natürlich auch im Kabarett geklaut, und der Schaden hält sich in Grenzen. Ich fühle mich immer geehrt, wenn meine Ideen irgendwo anders auftauchen. Das kann man als Zeichen der Anerkennung werten. Schlechte Ideen stiehlt keiner.

Welches Bild aus Ihrem Buch – natürlich außer dem röhrenden Hirsch und dem Bahnhof von Paderborn, die Sie ja schon besitzen – würden Sie sich gerne zu Hause hinhängen?

BECKER: Jacques-Louis Davids Gemälde vom ermordeten Marat im Bade habe ich gerade bei uns aufgehängt. Es bringt Dramatik in die Diele. Der Revolutionär, der Politiker, der von einer Adligen in der Badewanne erstochen wurde. Natürlich eine Kopie – das Original hängt in Brüssel im Museum der schönen Künste. Aber man spürt, wie dieses Meisterwerk bis heute fortwirkt: Wer politisch tot ist, hängt am Ende in Brüssel rum.

Am Ende kommen Sie zu dem Schluss, dass es mit dem Bruch sämtlicher traditioneller Regeln nicht mehr möglich sei, den Kunstbegriff klar zu definieren. Dient sie denn nicht mehr der Arterhaltung?

BECKER: Doch, die Kunst hat nach wie vor einen evolutionären Sinn, erotisch und kulinarisch. Wenn man vor einem modernen Kunstwerk steht und fragt: „Was will uns das Bild sagen?“, so lautet die Antwort meistens: „Der Künstler hat Hunger!“ Und geliebt werden möchte er wahrscheinlich auch noch.

Das Gespräch führte Marianne Kolarik