23.07.2016
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Stadtmöblierung: Lesen und lesen lassen

Klaus Pfeiffer gehört zu den treuen Freunden des Bücherschranks auf dem Rathenauplatz.

Klaus Pfeiffer gehört zu den treuen Freunden des Bücherschranks auf dem Rathenauplatz.

Foto:

Christ

Innenstadt -

Er hat flüchtige Bekannte, eingeschworene Fans und falsche Freunde, die ihn nur ausbeuten. Er sieht gut aus, wie er dunkelrot in der Kölner Spätwintersonne steht, immer bereit zu geben und zu nehmen. Er ist unterhaltsam und regt zu Unterhaltungen an mit seiner endlosen Vielfalt an Themen, seinem Wissen, seinen großen und kleinen Geschichten.

„Wenn man zum ersten Mal hier ist, kriegt man einen falschen Eindruck. Man denkt, es wäre nur Schrott hier.“ Der Mann mit dem kurzen weißen Bart will seinen Namen nicht verraten, er soll deshalb Dietmar heißen. Dietmar gehört zu den regelmäßigen Nutzern des Bücherschranks auf dem Rathenauplatz. Nutzer klingt zu nüchtern. Dietmar, der 65-jährige Germanist, Journalist, Vielleser und Weltenbummler, kümmert sich um den Metall-Kasten, pflegt und beobachtet ihn. Eigentlich ist er mehr Freund als Nutzer. Dietmar erzählt enthusiastisch über das schlicht-schöne Möbelstück, das sich nett einfügt in den kleinen Großstadtpark, aber für ihn viel mehr ist als eine schicke Stadtmöblierung: „Das ist ein Kristallisationspunkt der Kommunikation im besten Falle.“

Bücher nehmen und geben

Etliche Menschen hat Dietmar schon kennen gelernt an dem Literaturregal, hat Gespräche geführt über Reisen und natürlich Bücher. Möglich ist das theoretisch bei Tag und Nacht: Öffnungszeiten gibt es keine. Aber lockere Regeln. Wer Bücher nimmt, sollte auch welche geben, lautet eine. So wünscht es die Bürgergemeinschaft Rathenauplatz, die den Schrank vor zwei Jahren aufgestellt hat. Viele Spender halfen bei der Finanzierung.

Dietmar gab auch. Mehrere 100 Bücher hat er im Laufe der Zeit hinter die durchsichtigen Schiebetüren gestellt. Heute holt er zehn Bände aus seiner schwarzen Umhängetasche: Romane von Monika Maron, eine Biografie über Johann Sebastian Bach. Ein bis zwei Bücher liest der Ruheständler pro Woche. Er füttert den hoch gewachsenen Tausch-Terminal, um die heimische Bibliothek vor dem Erstickungstod zu bewahren. „Das Regal muss leben“, sagt Dietmar – das öffentliche wie das private.

Qualität ist vorhanden

Auf den ersten Blick regiert das Seichte in der roten Mini-Bibliothek: „Das Haus der verlorenen Herzen“ von Konsalik, „Niemand ist eine Insel“ von Simmel, Romane wie „Angélique“ und „Unbezähmbare Angélique“ dominieren. Ein Band verspricht „Bauch, Busen, Po in Bestform“ – direkt neben dem „Tagebuch eines Weihbischofs“. Vom ersten Eindruck sollte man sich nicht täuschen lassen: Qualität ist vorhanden, aber nicht lange. „Man darf nicht zur falschen Zeit kommen“, sagt Dietmar. Das Hochwertige sei eben schnell vergriffen.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Für Freuds „Abriss der Psychoanalyse“ und die altsprachliche Textausgabe von Ciceros „De re publica“, versteckt zwischen dicken Schinken, interessiert sich heute niemand. Aber auch nicht für den Ikea-Katalog 2011/2012. Dietmars Bach-Biografie bleibt allerdings keine zehn Minuten im Regal stehen. Das nationalsozialistische Nachschlagewerk von 1939 hat sich ein junger Mann geschnappt. Darin ist unter anderem zu lesen, dass ein Jugendführer des Deutschen Reichs zur Besoldungsgruppe B gehört, ebenso ein Reichsführer SS.

Zensur greift nicht zu hart durch

Dietmar stören solche Bände nicht. Selbst ein Nazi-Buch habe einen Wert, sagt er. Zum Beispiel als Quelle für Geschichtsstudenten, die zahlreich im Viertel wohnen. Aufklärungsbücher mit Bildern nackter Menschen und Seichtes á la Simmel hätten ebenso ihre Berechtigung. Dietmar will da nicht die Nase rümpfen: Die Zensur sollte nicht zu hart durchgreifen, findet er.

Das sieht Werner Kämper, Vorsitzender der Bürgervereinigung Rathenauplatz, ähnlich. „Wir sind nicht die Zensurbehörde.“ Allerdings schauen die Mitglieder immer wieder nach dem rechten, sortieren allzu Anstößiges und Ladenhüter aus. Manchmal hat die Lesestation akuten Reparaturbedarf. „Wir haben den Bücherschrank aufgestellt, wohl wissend, dass das Ding irgendwie immer gefährdet ist“, sagt Kämper.

Literatur in vielen Sprachen

Eine gläserne Tür ist schon zu Bruch gegangen, ein Regal auch, manche Leute hinterlassen Porzellan oder Kleidungsstücke, in der irrigen Annahme, es handele sich um eine Tauschbörse für alles. Neulich hat die Polizei nachts einen Mann mit 61 Büchern im Rucksack aufgegriffen, er sei extra aus Zollstock für seinen Fangzug gekommen, sagt Kämper. Wohl, um die Werke zu verhökern. So etwas widerspricht natürlich dem Geist des Bücherschranks, der nach Geben und Nehmen in kleinen Dosen verlangt.

Dietmar ist aufgefallen, dass oft Ausländer nach Literatur in ihrer Heimatsprache suchen. Deshalb schichtet er um. Einmal hat er türkische Bücher aus einem Bücherschrank am Rhein zum Rathenauplatz verfrachtet. Die Nachfrage sei eben da und das Regal soll leben – jedes auf seine Art. „Jeder Bücherschrank ist anders“, stellt Dietmar fest. Am Rathenauplatz sei die Vielfalt das Besondere: „So ein Schrank bildet auch die Umgebung ab und die ist hier sehr bunt.“

Es kommen Studenten vorbei, Senioren, Au-Pair-Mädchen aus der Ukraine und Stadtstreicher. Die Menschen schwirren um den Schrank wie Bienen um die Wabe. Klaus Pfeiffer schaut jeden Tag vorbei. Manchmal findet der 49-jährige WDR-Cutter für die Tochter eines Freundes Pferdebücher, manchmal Kochbücher für sich. In der Stadtbücherei ist er Mitglied, doch der Bücherschrank sei etwas anderes: „Der Reiz ist, zu gucken, was Neues da ist.“ Das findet auch eine andere Freundin des Bücherschranks. Während sie spricht, dreht sie eine schwarz-weiße Lesebrille in der Hand. Für sie ist der Bücherschrank ein „Überraschungs-Ei“ – eins mit Ecken, Kanten und ständig wechselnden Inhalten: „Das Schöne ist, dass man nicht weiß, was kommt.“